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Und, wie schlecht geht es dir? (SdZ 28.02.09)

BeitragVerfasst: Mittwoch 4. März 2009, 19:19
von Falk
Und, wie schlecht geht es dir?
Die Krise stellt alles radikal in Frage. Menschen verlieren nicht nur Geld und Arbeit, sondern auch sich selbst. Eine Bestandsaufnahme

Von Alexander Mühlauer und Hannah Wilhelm für die Süddeutsche Zeitung

Jede Krise offenbart, wie krank eine Gesellschaft ist. Schonungslos, ganz ohne Skrupel entlarvt sie, was alles schiefgelaufen ist. Eigentlich müsste unsere Gesellschaft dieser Krise dankbar sein, bietet sie doch die unbezahlbare Erkenntnis: So geht es nicht weiter. So jedenfalls bitte nicht.

Tja, diese Erkenntnis hätte man auch früher und vor allem billiger haben können. Aber es hilft nichts, nun ist eben Krise, und sie nagt an uns, beständig, hartnäckig. Sie nagt am Vermögen. Am Arbeitsplatz. Am Selbstwertgefühl. Sie verpasst dem Leben vieler Menschen einen radikalen Bruch, so verdammt radikal, dass bei nicht wenigen die Existenz auf dem Spiel steht. Die Krise konfrontiert jeden Einzelnen, mal früher, mal später, mit dieser einen Frage: Wie will ich leben? Auf der Suche nach Antworten kreisen im Zentrum der krisengeschüttelten Gedankenwelt immer wieder vier Begriffe: das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück.

I. Das Geld

Es heißt, wir lebten in einer Geldwelt. Nun, das würde ja bedeuten, dass Geld die Welt im Innersten zusammenhält. So ist es aber nicht, es wäre auch wirklich zu banal. Und doch hat Geld einen sinnstiftenden Charakter. Für die Welt. Für jedermann.

Nehmen wir Thomas Bernhard, ein der Geldgier unverdächtiger Schriftsteller. Bernhard also, der große österreichische Grantler und Gebrechensfanatiker, schrieb einst über die Aussicht auf 10 000 Mark Preisgeld: "Nicht der Preis der Freien Hansestadt Bremen selbst war es, der mich aus meiner Stimmungs-, ja aus meiner Existenzkatastrophe errettete, sondern der Gedanke, mit der Preissumme von zehntausend Mark mein Leben abzufangen, ihm eine radikale Wendung zu geben, es wieder möglich zu machen."

Es wieder möglich zu machen, das Leben. Diesen Gedanken formuliert Bernhard in der Hoffnung auf den Scheck, den ihm die Stadt Bremen für sein Werk überreichen will. Ihn interessiert nur das Geld; Bremen, dieser, wie er schreibt, kleinbürgerliche, unzumutbar sterile Ort, kann ihn mal. Der Schriftsteller verkriecht sich im Hotelzimmer, um die Stadt bloß nicht sehen zu müssen. Nur zur Preisverleihung tritt er vor die Tür. Es ist das Geld allein, für das es sich lohnt, von Österreich nach Norddeutschland zu fahren. Weiter nichts.

Geld sichert die Existenz. Mehr noch: Es sorgt für Zufriedenheit. So steht es in einer Studie der Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen (Eurofound). "Länder mit hohem Einkommen schneiden bei der Frage nach der Zufriedenheit im Leben sehr gut ab", sagt Branislav Mikulic, Forscher bei Eurofound. Die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben wüchse aber nicht mit der Höhe des Kontostandes: "Wenn eine bestimmte Stufe des Einkommens erreicht ist, spielt mehr Geld bei der Steigerung der Lebensqualität keine große Rolle mehr."

Doch genau das vergisst der Mensch immer wieder. Das eigentlich gesunde Streben nach Erfolg wird zur Gier, nicht nur zur Leistungs-, auch zur Konsumgier. Ich konsumiere, also bin ich. Getreu dem Motto: Haben statt Sein. Antrieb dieses Habens ist der Neid. Das Ego erträgt es nicht, wenn der andere mehr hat. Also unterwirft sich das Ich dem Diktat des Geldes. Anfangs fühlt es sich gut an, man kann sich vieles leisten. Und dann will man immer mehr leisten, um immer mehr zu haben. Dieses blinde Streben nach immer mehr führt, wie es der Kollaps der globalen Finanzwirtschaft soeben offenbarte, geradewegs zum großen Crash.

Ja, das Geld. Es ist der Lohn unserer Arbeit, glücklich, wer noch welche hat. II. Die Arbeit

"Und, was machst du so?" Wer auf diese Partygesprächseröffnungsfrage "Blockflötespielen" oder "Leichtathletik" antwortet, ist ein Individualist. Fast jeder nennt den eigenen Beruf. Denn: Ich bin, was ich arbeite. Oder, wie der Dortmunder Soziologe Ronald Hitzler es formuliert: "Arbeit ist nicht alles, aber ohne Arbeit ist alles irgendwie nichts."

Der Job ist wichtig, sagt auch Jeanne Rademacher, Psychologin von der Universität Magdeburg. Arbeit gibt unserem Tag eine Struktur. Sie stattet uns mit sozialem Status aus. Sie zwingt uns, aktiv zu sein. Und durch die Arbeit pflegen wir soziale Beziehungen. Nicht zu vergessen, sie sichert das finanzielle Auskommen. "Mittlerweile ist die Arbeit als Identitätsstifter immer wichtiger geworden", so Rademacher. Wichtiger für die Identität als die regionale oder familiäre Herkunft. Deshalb gehe der Verlust von Arbeit auch oft mit einer Identitätskrise einher, münde manchmal in Depressionen oder Ängstlichkeit. Wer nicht mehr arbeitet, verliert sich selbst. Einige wenige kommen in der Krise gut klar. "Es gibt Menschen, die mit neuartigen oder unlösbaren Situationen umgehen können, die blühen auf", sagt Psychologin Rademacher, "solche Menschen sind gesegnet". Früher stellte man sich während der Ausbildung Fragen wie: "Wer bin ich? Was will ich?" Danach wurden die Fragen seltener. Heute ist es anders: Das Erwerbsleben ist geprägt durch Jobverluste, Jobwechsel, Weiterbildungen, Umschulungen. Und so müssen sich viele die Frage nach Identität und Sinn immer wieder stellen, mit 30, mit 40, mit 50, mit 60. Die derzeitige Krise kann da fast tröstlich sein. "Da viele ihren Job verlieren, muss sich der Arbeitslose nicht mehr als Minderheit stigmatisiert fühlen. Außerdem kann er sich damit beruhigen, dass er nichts für den Arbeitsplatzverlust kann", sagt Rademacher.

Nicht nur der Verlust von Arbeit kann zum Problem werden - auch die Arbeit selbst. Die ungezügelte Marktwirtschaft hat einen ungezügelten Individualismus produziert. Nur der eigene Erfolg zählt, für die Mitstreiter und -arbeiter bleibt kaum Zeit, für Rücksicht kaum Platz.

Der Wille zur Selbstverwirklichung gehört an sich zu einem gesunden Narzissmus. "Aber das reicht heute nicht mehr. Das Vollbrachte vermag nicht mehr zu sättigen, es gibt immer noch Neueres, noch Größeres, noch Erfolgwirksameres, das unwiderstehlich lockt", sagt Toni Brühlmann, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er ist ärztlicher Direktor der privaten psychiatrischen Klinik Hohenegg in Meilen am Zürichsee. Zu ihm kommen Unternehmenschefs, Investmentbanker und ganz normale Angestellte, die dem Druck der Arbeit nicht mehr standhalten können. Sie alle leiden an Burn-out, so heißt sie, die Krankheit unserer Zeit. "Die betriebsame Hektik wird zunehmend durch Erschöpfung gestört, der Körper macht nicht mehr mit und interveniert mit Schmerzen und anderen Symptomen", sagt Brühlmann.

Besonders anfällig seien, so der Psychiater, pflichtbewusste Menschen. Auch sie müssten den Mut haben, zu sagen: Hey, ich bin nicht perfekt. Nur so entgingen sie der Selbstausbeutung. Zugegeben, das ist leicht gesagt, besonders jetzt, wird doch der Druck, den eigenen Job zu erhalten, immer größer. Denkt man an die Arbeit, so haben viele Menschen nur noch eines im Kopf: Angst.

III. Die Angst

Es ist ein Gefühl der Unruhe, das sich mehr und mehr zu einem Gefühl der Ohnmacht auswächst. "Die Angst vor der Wirtschaftskrise kann zur psychischen Krise führen", sagt Eva Mückstein, Präsidentin des Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie. Menschen, die einen Vermögensverlust hinnehmen müssen - sei es an der Börse, sei es im Unternehmen - verspüren Angst. Die Krise kratzt am gekränkten Ego. Der eigene Lebensentwurf ist angegriffen, die Identität in Frage gestellt. Es entsteht, so Mückstein, eine Spannung zwischen Ich und Ich-Ideal, also zwischen dem, was man ist und dem, was man gerne wäre. Oft stellt das angestrebte Vermögen das Ich-Ideal dar. Wird das plötzlich weniger, steigt die Angst. Depressionen, Schuld- und Versagensgefühle, Schlafstörungen, Sinnkrisen machen sich breit.

Am Ende bleibt, wie im Fall des Unternehmers Adolf Merckle oder bei so manchem Investmentbanker, nur ein scheinbar erfüllender Ausweg: Selbstmord. Der Auslöser dafür, sagt Mückstein, kann letztlich eine Kleinigkeit sein. Manchmal ist es ein kleiner Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Auf jeden Fall ist es ein Gefühl der Ausweglosigkeit. Das Gefühl, dass Glück, dieser wunderbare Zustand, nie mehr möglich sein wird.

IV. Das Glück

Die Krise wird Werte verschwinden und andere entstehen lassen. Welche das sind, werden wir erst ex post sagen können. Sicher ist nur, darin sind sich Wissenschaftler einig: Die Sehnsucht nach Glück wird bleiben. Die Frage ist also, wie stillt man diese Sehnsucht?

Das Leben, sagt Psychiater Brühlmann, verlangt auch nach einer ästhetischen und ethischen Haltung. Er fordert eine neue Kultur des Lebens, wo Lebenskunst und Verantwortung selbstverständlich dazugehören. Die zur conditio humana gehörige Solidarität müsse wiederbelebt werden. Ja, Gemeinsames müsse man wiederentdecken, in einer Welt des Individualismus.

Es geht um die wirklich große Frage: Was hält die Gesellschaft im Innersten zusammen? Vielleicht ist es ja das Streben nach Glück.