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Flow Letter (September 09) - Balance

BeitragVerfasst: Montag 7. September 2009, 15:00
von Falk
1. Balance
Eine dauerhafte Burnoutbewältigung ist mehr als "nur" die Abwesenheit der stressbedingten Symptomatik. Es geht um Lebensfreude, Klarheit und Lebendigkeit. Entgegen der verbreiteter Vermutung, sind authentische Lebenskraft und Lebensfreude nicht das Resultat der viel besungenen guten Umstände oder dessen, was man macht oder was man besitzt, sondern einzig und allein dessen was man ist, jetzt in diesem Moment. Jedes Kind lebt nach diesem Prinzip, ohne es zu wissen und ist dabei zufrieden und leicht (zumindest meistens).

Bei dauerhafter Stressbewältigung geht es in erster Linie um die Wiederherstellung von innerer Balance. Balance beschreibt das Gleichgewicht zwischen Kopf und Herz, zwischen Aktivität und Ruhe, zwischen Form und Formlosigkeit, zwischen linker und rechter Gehirnaktivität, zwischen gedanklicher Abwesenheit und bewusster Anwesenheit. Bei einer Person in der Krise ist diese Balance verloren gegangen, sie beginnt sich auf Gedankenformen, auf Analyse, auf Sorgen, auf Zukunft und auf Problematik zu fixieren. Durch Gewohnheit und fehlendes Know-how kann das Leiden chronisch werden. Der Organismus reagiert mit "Hinweisen" (Symptomatik), die immer klarer werden, bis die Person gezwungen ist, etwas fürs persönliche Wohlbefinden zu unternehmen. Viele reagieren sehr spät, nämlich erst dann, wenn man ohne fremde Hilfe nicht mehr aus den festgefahrenen inneren Gewohnheiten findet. Glücklicherweise ist es nie zu spät, wenn die klare Bereitschaft für Veränderung vorhanden ist. Ganz im Gegenteil, oft bietet erst die Not den notwendigen Anstoss für Veränderung.

Aus therapeutischer Sicht beginnt Heilung in dem Moment, wenn die Fixierung auf Form nachlässt. Um diesen Prozess aktiv in Gang zu setzen, gehört am Anfang eine gewisse Disziplin dazu, da innerlich Impulse gesetzt werden, die entgegen der konditionierten Gewohnheit sind. Die neue Richtung ist weniger Gedankenfokus und mehr Selbstfokus. Meditation, Yoga, Gebet oder Aktivitäten, die einen zur Muse führen oder die Ausübung von Hobbies können dabei äußerst hilfreich sein. Sie führen nämlich direkt in die nicht-Analyse, in die Formlosigkeit. Die eigene Geschichte, Vergangenheit und Zukunft verlieren an Bedeutung. Wenn diese Ausrichtung allmählich in den Alltag integriert wird, zum Beispiel, beim Essen, zu essen, wenn man ißt; gehen, wenn man geht; rauchen, wenn man raucht, dann beginnt das innere Ungleichgewicht abzunehmen. Eine neue Gewohnheit kommt zum Vorschein: Achtsamkeit.

Als ich mich letzte Woche ein paar Tage in Istanbul aufhielt, hatte ich die Gelegenheit viel Zeit in den schönen Moscheen der Stadt zu verbringen. Ich ruhte auf den kunstvollen, weichen Teppichen, verlor mich in der stillen Schwingung und hatte die Gelegenheit den Gläubigen beim Gebet zuzuschauen. Am Anfang des Gebets, steht der Mensch aufrecht Richtung Mekka, hebt beide Hände in Höhe des Halses oder der Ohren, Handflächen nach vorn geöffnet. Diese Bewegung heißt takbiratu-l-ihram, das eröffnende Takbir und steht sinnbildlich für das Hinter-sich-lassen der Welt oder man könnte sagen der Form. Das Gebet sollte im Hier und Jetzt stattfinden, das zumindest ist die Einladung. Es darf dann nicht mehr unterbrochen werden, denn nichts könnte wichtiger sein, als die Ausrichtung auf das Göttliche.

Aus der Perspektive von Burnoutbewältigung und Stressprävention ist diese regelmäßige Ausrichtung auf das Formlose, wenn der Betende nun dann wirklich alles loslässt, äußerst förderlich. Diese Ausrichtung findet sich übrigens in allen Religionen und Weisheitstraditionen dieser Erde und so gesehen sind die Unterschiede nicht wirklich so strukturell, wie sie von vielen gemacht werden. Aber auch für die, die nicht an Gott, Allah, Jahwe, Manitu, den Tao, Buddha oder Krishna glauben, der eigene Atem oder der innere Raum tun es auch.

Noch eine Sache, die ich aus Istanbul mitgebracht habe: "Jawash, jawash.", türkisch für gemach, gemach. Warum nicht, zumindest der Balance wegen hin und wieder die Suche und die Flucht loslassen. Horst Schlämmer würde sagen: Isch kandidiere (in diesem Fall für mehr jawash, jawash ;-).

In diesem Sinne, Ihnen einen schön Tag, Falk


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2. Der moderne Mensch - eine Kurzgeschichte

Ein Mensch hat sich in der Wüste verirrt. Er wird verdursten, wenn keine Hilfe kommt. Da sieht er vor sich Palmen, ja, er hört sogar Wasser sprudeln. Aber er denkt: ,,Das ist nur eine Fata Morgana, meine Phantasie spiegelt mir etwas vor. In Wirklichkeit ist da nichts." - Ohne Hoffnung, halb wahnsinnig, lässt er sich zu Boden fallen. Kurze Zeit später finden ihn zwei Beduinen - tot. ,,Kannst du so etwas verstehen?" sagte der eine zum andern, ,,so nahe am Wasser, und die Datteln wachsen ihm fast in den Mund! Wie ist das möglich?" Da sagte der andere: ,,Er war ein moderner Mensch!"

Die Moral von der Geschichte: Oftmals muss man gar nicht so weit weg, um das zu finden, was man eigentlich sucht. Vor allem im Bereich von Stress- und Burnouttherapie ist dies wahr. Denn um wieder zu heilen, muss die Person im Alltag "nur" wieder zu sich finden, innerlich stiller werden und genau in das hinein loslassen, wo man Rettung vielleicht als letztes vermutet: ins Ich. Es ist ein Sprung ins Nichts, ins Hier und Jetzt, ins getragen werden. Wem das zuviel Theorie ist, bitte einfach die Theorie vergessen, einmal tief durchatmen und nach Innen loslassen. Kein Problem.