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Flow Letter (November 09) - Sorge dich nicht, lebe.

BeitragVerfasst: Dienstag 10. November 2009, 07:50
von Falk
1. Sorgen dich nicht, lebe.

Er kannte weder Alkohol, noch den Geschmack von Zigaretten. Er ernährte sich ausschließlich vegetarisch und lebte ayurvedisch. Er war in seiner Jugend ein aktiver Schwimmer, stattlich gebaut und praktizierte regelmäßig Yoga. Zusätzlich meditierte er seit vielen Jahren jeden Tag 2 x, auf einem Lammfell sitzend, morgens und abends für etwas über eine Stunde. Er war wortgewandt, wie ein Pastor, konnte aus dem Stehgreif Sokrates zitieren, kannte viele der heiligen Schriften dieser Erde, ähnlich gut wie andere den Inhalt ihrer Tageszeitung. Von außen betrachtet, würde man sagen, dass eine Person mit dieser scheinbar idealen Lebensführung wohl über 100 Jahre alt werden müsste. Aber weit gefehlt, er verstarb mit 44 Jahren an einem Herzinfarkt.
Ich war damals noch ein junger, 16 Jahre alter Bub, als mein Vater plötzlich und unerwartet starb. In dem spirituellen Umfeld, in dem ich aufwuchs, gab es damals viele Theorien esoterischer und materieller Natur: "Sein Sportlerherz war zu groß und versagte...Er wurde zu höheren Aufgaben gerufen...Kurz nachdem er starb, begann in Russland die Perestroika, usw." Erst viele Jahre später, sollte ich den wirklichen Grund seines frühen Todes kennen lernen. Er hatte nämlich eine Gewohnheit, die auf den ersten Blick gar nicht so gefährlich erscheint, aber auf Dauer auch die beste Lebensführung zunichte machen kann: er sorgte sich permanent.
Da gab es die Sorgen, um das liebe Geld, die in spirituellen Kreisen manchmal noch stärker ausgeprägt sind, als anderswo. Es gab die Sorgen, um die eigene Entwicklung und die eigene Unzulänglichkeiten. Es gab Sorgen um uns, seine Kinder. Es gab die Sorgen, ob man wirklich all die vielen Hindernisse aus dem Weg räumen kann. Es gabe sorgen, was in der Zukunft passieren wird. Es gab Sorgen, um die vielen anderen Menschen, die um ihn herum Sorgen hatten. Es gab Sorgen um den Weltfrieden und das sogenannte Zeitalter der Erleuchtung (ein alter Insiderbegriff aus der spirituellen TM-Bewegung). Und es gab Sorgen, wegen all der Sorgen. Eine Welt voller Sorgen, Hindernisse und Lösungsversuche.
Menschen, die ihm nahe standen, berichteten mir viele Jahre später, wie sehr er sich alles zu eigen machte und zu Herzen nahm. So sehr, dass er manchmal nachts im Bett vor Sorgen so laut weinte, dass man es im Nachbarzimmer hören konnte. Trotz all dem Wissen und all der Meditation wohl doch keine nachhaltige Lebensqualität und so scheinen all die goldenen Verhaltensregeln auf der einen Seite dem Glück so nah und auf der anderen doch so fern. Etwas Entscheidendes wurde nicht verstanden.
Als Sohn meines Vaters und als Burnout Therapeut ist mir heute eines vollkommen klar, all die endlosen Stunden in Meditation und das strikte Einhalten der vielen guten Gesundheits- und Lebensregeln, so schön sie auch sein mögen, bringen wenig, wenn der Mensch in seiner alltäglichen Gewohnheit nicht lernt, sich weniger zu sorgen.
Viele Menschen sind absolut überzeugt, dass Sorgen ausschließlich eine Funktion der Umstände sind. Sind die Umstände gut, geht es mir auch gut. Aber sind die Umstände schlecht, geht es mir ebenfalls schlecht. So einfach ist das Leben (versprechen auch Heidi Klum und die Bild Zeitung). An der Oberfläche stimmt das sicherlich, aber wenn man einen halben Millimeter in die Tiefe geht, kann man schnell erkennen, dass dieser Glaube nicht der Realität entspricht. Bei einem Gläschen Wein (in vino veritas) fragen Sie einmal die Lottogewinner, die Supermodells, die Riesterrente-Einzahler, die Gesunden, die Professoren, die Reichen und dieser Häuslebauer dieser Welt, ob Sie keine Sorgen mehr haben. Die Sorgen sind nur anders und das ist irgendwie schon frustrierend.
Natürlich gibt es auch Menschen, die sich nicht so viele Sorgen machen. Da sind, zum Beispiel, Kinder, Narren, Leuten mit einem ausgeprägten Urvertrauen (manchmal Gottvertrauen genannt), manche Menschen in der Demenz, viele der Ärmsten dieser Erde und auch im regulären Alltag, kennt jeder die ein oder andere Person, die unter gleichen, erdrückenden Umständen, irgendwie ganz anders mit ihnen umgehen kann. Wenn die Person das Büro verlässt, lässt sie den Druck hinter sich, kann sich ganz frei auf das fokussieren, was gerade dran ist, sei es Familie, Freizeit oder was auch immer.
Sich zu sorgen, ist eine gelernte und konditionierte Gewohnheit, die sich so schleichend entwickelt hat, dass sie uns gar nicht als veränderbare Gewohnheit auffällt. Glücklicherweise aber ist sie veränderbar, kann umtrainiert werden. Wie kann man das machen? Der alte Laotse sagte dazu: "Nehme dir jeden Tag eine halbe Stunde Zeit für deine Sorgen. Während dieser Zeit, mache ein Nickerchen."
Ja, ich weiß, das Zitat klingt unverschämt und realitätsfremd, aber wenn man es schafft für einen Moment einmal über die eigenen Empörung und Ratio zu springen, kann man darin eine praktische Übung entdecken. Jedes Mal wenn es einem auffällt, dass man sich unbewusst in Sorgen verloren hat (verbal oder gedanklich), hält man innerlich inne und richtet seine Aufmerksamkeit auf das sorgenfreie Hier und Jetzt um. Wie das gehen soll? Eigentlich ist es ganz einfach, da fast alles im Hier und Jetzt ist, außer eben den Sorgen und den fürs Leben unpraktischen Gedanken. Das Fühlen der Atmung, zum Beispiel, ist sorgenfrei. Das Spüren von sich selber ebenfalls. Körpersignale, Emotionen, inneres Strömen und auch das, was man gerade macht (in diesem Moment diese Worte lesen), ist leicht und wenn man genau hinschaut, ohne Sorgen. Daraus kann sich in kurzer Zeit eine Gewohnheit größerer Gelassenheit entwickeln. Das hört sich zu leicht an? Probieren Sie es einfach und machen Sie sich am besten keine Sorgen deswegen, es lohnt sich nämlich nicht. :-)
Die Gewohnheit Sorgen loszulassen, habe ich erst in den letzten Jahren im Rahmen eines bewussteren Lebens kennenlernen dürfen. Vor allem, wenn der Intellekt ausgeprägt und das Sorgen des Vaters in die Wiege gelegt worden ist, spürt man den Unterschied am deutlichsten. Es ist einfach viel stiller und leichter.
Wer weiß, wie alles gekommen wäre, wenn mein Vater dies gewusst hätte.
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2. Der angekettete Elefant

ALS ICH EIN kleiner Junge war, war ich vollkommen vom Zirkus fasziniert, und am meisten gefielen mir die Tiere. Vor allem der Elefant hatte es mir angetan. Wie ich später erfuhr, ist er das Lieblingstier vieler Kinder. Während der Zirkusvorstellung stellte das riesige Tier sein ungeheures Gewicht, seine eindrucksvolle Größe und seine Kraft zur Schau. Nach der Vorstellung aber und auch in der Zeit bis kurz vor seinem Auftritt blieb der Elefant immer am fuß an einen kleinen Pflock angekettet.
Der Pflock war allerdings nichts weiter als ein winziges Stück Holz, das kaum ein paar Zentimeter tief in der Erde steckte. Und obwohl die Kette mächtig und schwer war, stand für mich ganz außer Zweifel, das ein Tier, das die Kraft hatte, einen Baum mitsamt der Wurzel auszureißen, sich mit Leichtigkeit von einem solchen Pflock befreien und fliehen konnte. Dieses Rätsel beschäftigt mich bis heute. Was hält ihn zurück?
Warum macht er sich nicht auf und davon?
Als Sechs – Siebenjähriger vertraute ich noch auf die Weisheit der Erwachsenen. Also fragte ich einen Lehrer, einen Vater oder Onkel nach dem Rätsel der Elefanten. Einer von ihnen erklärte mir, der Elefant mache sich nicht aus dem Staub, weil er dressiert sei.
Meine nächste Frage lag auf der Hand: „Und wenn er dressiert ist, warum muss er dann noch ankettet werden?“
Ich erinnere mich nicht, je eine schlüssige Antwort darauf bekommen zu haben. Mit der Zeit vergaß ich das Rätsel um den angeketteten Elefanten und erinnerte mich nur dann wieder daran, wenn ich auf andere Menschen traf, die sich die selbe Frage auch schon einmal gestellt hatten.
Vor einigen Jahren fand ich heraus, dass zu meinem Glück doch schon jemanden weise genug gewesen war, die Antwort auf die Frage zu finden:
Der Zirkuselefant flieht nicht, weil er schon seit frühester Kindheit an einen solchen Pflock gekettet ist.
Ich schloß die Augen und stellte mir den wehrlosen neugeborenen Elefanten am Pflock vor. Ich war mir sicher, daß er in diesem Moment schubst, zieht und schwitzt und sich zu befreien versucht. Und trotz aller Anstrengung gelingt es ihm nicht, weil dieser Pflock zu fest in der Erde steckt.
Ich stellte mir vor, daß er erschöpft einschläft und es am nächsten Tag wieder probiert, und am nächsten Tag wieder und am nächsten …
Bis eines Tages, eines für seine Zukunft verhängnisvollen Tages, das Tier seine Ohnmacht akzeptiert und sich in sein Schicksal fügt.
Dieser riesige, mächtige Elefant, den wir aus dem Zirkus kennen, flieht nicht, weil der Ärmste glaubt, das er es nicht kann.
Allzu tief hat sich die Erinnerung daran, wie ohnmächtig er sich kurz nach seiner Geburt gefühlt hat, in sein Gedächtnis eingebrannt.
Und das Schlimmste ist, dass er diese Erinnerung nie wieder ernsthaft hinterfragt hat.
Nie wieder hat er versucht, seine Kraft auf die Probe zu stellen.
(aus „Komm, ich erzähl dir eine Geschichte“ von Jorge Bucay Fischer Taschenbuch)

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