Flow Letter (Feb. 2010) - Religion als Therapie

Flow Letter (Feb. 2010) - Religion als Therapie

Beitragvon Falk » Donnerstag 11. Februar 2010, 11:07

1. Religion als Therapie

Am Anfang unserer 7-tägigen Flow Kur, fragen wir im Aufnahmegespräch in der Regel jede Person, ob sie einen Bezug zur Religion und/oder zur Spiritualität habe. Ob Religion oder Spiritualität der Person Halt biete in der Krise? im täglichen Leben? Ein großer Teil der Menschen antwortet "nein", der andere große Teil sagt, dass sie an etwas glauben, eine höhere Macht vielleicht, nicht aber an die Kirche und einige wenige entgegnen, dass der religiöse, christliche (islamische oder buddhistische) Glaube ihnen Halt bietet. Irgendetwas ist offensichtlich schiefgelaufen, geht es doch bei Religion und Spiritualität im Ursprung nur um eines: im täglichen Leben ohne Leiden zu sein. Diese unausgesprochene Funktion der Religion scheint für die Masse der Ausgebrannten, der Traurigen und der Depressiven weder die gängigen Religionen, noch die unzähligen spirituellen Richtungen wirklich in Nachhaltigkeit zu erfüllen. Aber wer kann das schon verdenken, haben viele doch die Limitationen der Glaubenssysteme erfahren, wenn man müde ist vom bloßen Glauben, von der Doppelmoral und aus alltäglicher Erfahrung mit sich und denen um einen herum nicht mehr ans Glauben glaubt.
Im Ursprung ist eine Religion nichts anderes als eine Therapie, es geht um die Behandlung von menschlichem Leiden, um ein Leben in mehr Leichtigkeit und Glück. Aber Religion ist Therapie nur dann, wenn sie auch als solche wirkt, sonst wird sie bald zur Belastung, früher oder später, eine leere Pflicht oder kurze Flucht, ohne einen nachhaltigen therapeutischen Sinn, außer für Traditionalisten, Fundamentalisten und für die hartgesottenen Gläubigen, die sich nicht mit der Wirkung im Hier und Jetzt, sondern mit der Wirkung im Später begnügen. Hoffnung übernimmt dann die Aufgabe das alltägliche Leid etwas erträglicher zu machen, ohne etwas ändern zu müssen. Weniger Leiden? Im nächsten Leben vielleicht, wenn ich in den Himmel komme oder wenn ich erleuchtet, seelig oder erwacht sein werde. Für Therapie ist das nicht genug. In einer Gesellschaft, in der Menschen selber hinterfragen und ihre Meinung kundtun dürfen, zunehmend ihre eigenen Erfahrungen als Maßstab nehmen, passt für viele das alte System des blinden Glaubens und Hoffens nicht mehr. Deswegen sind die Kirchen, außer zu besonderen Anlässen und der touristischen Nachfrage wegen, vielerorts menschenleer.
Dabei geht es in einem religiös oder spirituell ausgerichteten Leben eigentlich nicht um den einen Weg oder um den für alle Menschen einzigen Weg, es geht auch um nichts Heiliges oder Abgehobenes, es geht nicht um Worte wie Gott, Allah, Jawhe, Brahman, Buddha, Erleuchtung, Satori, Nirwana oder besondere Rituale und uralte Traditionen, sondern einfach nur darum, seine eigenen Leidensmuster aufzulösen, wenn hilfreich, auch gerne mit "spirituellen" Werkzeugen, so wie es eben für die Person individuell am einfachsten geht. Es geht um praktische Lösungen für einen Alltag im Hier und Jetzt. Was hilft mir nachhaltig, damit ich innerlich frei und ohne Mangel, unabhängig und zufrieden leben kann? So oder so ähnlich, könnte man die Ursprungsfrage einer Religion formulieren.
Der Begriff Religion entstammt aus dem lateinischen Wort religio, was wörtlich übersetzt "Rück-Bindung" heißt. Rückbindung an was oder an wen? Als Therapeut, glaube ich, dass die Rückbindung an sich selbst, gemeint ist. Auch der Begriff Yoga weist darauf hin. Obwohl er im Westen oft nur mit den körperlichen Brezel-Übungen in Verbindung gebracht wird, steht er eigentlich für ein vielschichtiges Philosophiesystem und eine Lebensart, in der die körperlichen Dehnübungen nur eine Nebenrolle spielen. Übersetzt aus dem Sanskrit bedeutet Yoga so viel wie "zusammenbinden" oder Union, sprich Einheit. Einheit von sich selbst mit sich selbst, sozusagen, aber nicht als Übung für Höheres, sondern als ein mögliches Verständnis für Existentes.
Was haben Einheit und Rückbindung mit nachhaltiger Therapie zu tun? In meiner Erfahrung als Burnout Therapeut vieles. Die Gewohnheit zu entwickeln, wieder zu sich zu kommen, sich in Harmonie zu spüren, innerlich still zu werden, um sich und die ureigene Leichtigkeit zu vernehmen, die Faust zu entkrampfen, Gedanken kommen und gehen und sich von der Einfachheit des Hier und Jetzt berühren zu lassen, auf die eigenen Bedürfnisse zu hören und ohne Mangel und Zwang, vom Leben getragen, regelmäßig in sich zu ruhen, das entsteht auf natürliche Art und Weise aus praktischer Rückbindung zu sich selbst - eine kraftvolle Therapie.
Wesentliches wird dabei freigelegt, oft längst Vergessenes aktiviert. Nicht in Theorie, nur in Worten, sondern in der Praxis, so gut, wie es für den Einzelnen eben geht. Christlich-religiös ausgedrückt, ist es eine aktive innere Haltung von "dein Reich komme, dein Wille geschehe", vom entspannenden Ja zum Leben, auch wenn es einmal entgegen der Planung verläuft (entgegen anderer Interpretation, die Kreuzigung war nicht der Plan), ein wirkliches Loslassen von Vergangenem (der Ursprung der Beichte?) und einem Nutzen der Werkzeuge, die einem im Jetzt gut tun. Was schafft Erleichterung, Erdung und mehr Gelassenheit? Hilft es mir regelmäßig im Gebet zu sein? Ein Gebet mit Worten oder ohne Worte? Vielleicht ein hingebungsvolles Gebet, in dem ich mit der Liebe in mir verschmelze. Jeder muss es selber spüren, was für einen passt. Es gibt keine Einheitsformel, möge die Autorität, die sie "verkauft" auch noch so hoch und heilig sein, jeder muss es selber spüren und darf seiner natürlichen Anziehung zu mehr Leichtigkeit und Glück vertrauen und folgen. Auch wenn man im Nachhinein herausfinden sollte, dass auf dem Weg einige Missverständnisse dabei waren, die authentische Anziehung ist trotzdem der für einen beste Weg. Auch darf man sich ruhig einmal tragen lassen, darf vertrauen, entkrampfen, entschleunigen. Auch nicht-wissen, es nicht kontrollieren zu können, darf man sich erlauben. Probieren Sie es einmal aus. Sie selbst sind dabei der letztendliche Experte/die Expertin, niemand anderes. Wann erinnern Sie sich wieder an diese Kraft?
Im Alten Testament wird Gott oft als Jawhe bezeichnet. Jawhe ist aus dem Hebräischen und wird übersetzt, als "ich bin, der ich bin." Das ist kein Zufall. So kann man also die Nähe zu Gott auch mit der Nähe zu sich selbst, die Nähe zum "ICH BIN", deuten. Wenn man nur darüber nachdenkt, passiert freilich nichts, vielleicht etwas Inspiration, aber sicherlich keine nachhaltige Wirkung. Wenn man aber wirklich nachschaut, in sich, frei und offen das ICH BIN erforscht, indem man alle inneren und äußeren Worte, Formen und Inhalte fallen lässt, dann kann man vielleicht in diesem einen Moment spüren, was einmal ursprünglich mit den Begrifflichkeiten gemeint war. Nur eine Sekunde Klarheit, ohne die überlagernden Geschichten würde ausreichen, um ein riesiges Rad in Bewegung zu setzen. Das ist Therapie. Und wenn man daraus eine neue innere Gewohnheiten erlernt, dann wird es zu einer nachhaltigen Therapie. Gerne kann man dafür die Religion und ihre Rituale nutzen, wenn und wie es passt. Leider oder vielleicht auch glücklicherweise, muss man dabei aber oft zwischen den Zeilen lesen, jenseits der Institutionen schauen, vielleicht einmal in die Kirche gehen und sich fühlen, wenn keine Menschen da sind und keine Messe stattfindet. Wer nimmt die Stille in der Kirche wahr?
So beginnt man die Religion, das Loslassen des Leidens, wieder aus einem langen Tiefschlaf zu erwecken und im modernen Leben für sich praktisch zu nutzen, aber auf eine ganz individuelle Art und Weise. Die Beziehung zu Gott wird dann persönlich, praktisch erfahrbar, jenseits von engen Glaubensmustern, Regeln und Dogmas. Das Schöne daran, man muss nicht einmal jemandem davon erzählen oder andere davon überzeugen. Schnell aber geht es dadurch einem spürbar besser. Nicht weil man an etwas glaubt, sondern weil man es tief in sich erfährt - Sicherheit, Stille und Frieden. Ob schon nach Minuten, Stunden oder erst nach Tagen und Wochen, das spielt keine wirkliche Rolle, wenn es um nachhaltige Therapie geht.
Zum Abschluss noch die Einladung zu einem kleinen Experiment. Was passiert, wenn Sie den Satz "ICH BIN" in sich widerholen (etwa alle 20 Sekunden) und jedes Mal dabei, dass was sie sind, formlos spüren (spüren, nicht denken:-)? Ganz mühelos, so gut es geht und wann es geht, weder Ziel, noch Zwang noch Worte. Was spüren Sie nach 2 Minuten, nach 10 Minuten, nach 3 Stunden, nach 4 Tagen? Was passiert, wenn Sie beginnen nach sich zu schauen?

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2. Religion im Goldfischglas. Eine Schmunzelgeschichte.

Woran glaubt der Goldfisch in seinem Glas?
Der Goldfisch betet jeden Tag still darum, dass Manna (Brot) vom Himmel fällt, damit er etwas zu essen hat. Da er nie einen Grund hatte, an Gott zu zweifeln und es keine sonstigen Gebote gab, die er in seinem Goldfischglas hätte vernachlässigen können, lebte er glücklich und zufrieden.
Einmal jedoch hat der Goldfisch vergessen um Manna zu bitten. Zeitgleich vergaß der liebe Gott dann auch drei Tage lang ihm Manna vom Himmel fallen zu lassen. Da konnte der Fisch soviel Buße tun, wie er wollte, drei Tage sind drei Tage. Seitdem betet der kleine Goldfisch wieder jeden Tag um Manna. Der liebe Gott allerdings bekam nach diesem Vorfall zwei Wochen Hausarrest von seiner Mutter.
(Quelle: jesus-krishna.de)
Falk
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