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Flow Letter (März 2010) - Ich sehe dich

BeitragVerfasst: Donnerstag 11. März 2010, 16:43
von Falk
1. Ich sehe dich

In James Camerons neustem Science-Fictionfilm Avatar bekommt der Satz "Ich sehe dich" für viele eine ganz neue Bedeutung. Diesen Satz nämlich benutzen die Hauptdarsteller, Neytiri vom Naturvolk der Na'vi und Jake, ein Ex-Marine Soldat, um sich gegenseitig unmissverständlich zu sagen, dass sie das Wesen des anderen sehen, jenseits von äußerer Form und Erscheinung. Was aber bedeutet das? Es bedeutet zu sehen, wie der oder die andere wirklich ist. Es ist ein Schauen bei dem nicht die Vorstellung über den anderen, die Beurteilung und das Sollte, Müsste, Könnte, im Vordergrund stehen, sondern die ungefilterte Gegenwart. Sehen ohne Raster, ohne sich gedanklich einzumischen, sozusagen. Es ist wie ein gefühltes Sehen. Zum Vorschein kommt ein wachsames, freies und offenes Sehen, ein Perspektivwechsel. Obwohl sich äußerlich nichts ändert, fühlt es sich anders an. Man beginnt den Gegenüber anders wahrzunehmen. Mit weniger Druck, mehr Freiraum, mehr Leichtigkeit. Dabei kann es gut passieren, dass man feststellt, wie lange man den anderen schon nicht mehr richtig gesehen hat, obwohl man ihm oder ihr eigentlich jeden Tag begegnet ist. Den anderen wirklich zu sehen, ist der Unterschied zwischen bewussten und unbewussten Wahrnehmen. Was hat das alles mit Burnoutbewältigung zu tun? Alles, aber dazu komme ich gleich.
Nochmals zurück zu bewusstem und unbewusstem Sehen. Wenn Sie draußen einen Baum sehen, sehen Sie wirklich diese einzigartige, lebendige Form, die wir in deutscher Sprache Baum nennen oder nur ein leeres Bild, ein hohles Wort, eine gedankliche Stimme im Kopf, die wie ein trainierter Papagei Baum krächzt? Kann man den Baum überhaupt sehen, wenn man beim Sehen nicht seine volle Aufmerksamkeit gibt, ihn berührt, ihn riecht, ihn fühlt, sondern ständig in Gedanken und Analyse ist? Ich behaupte nein, zumindest nicht die Dimension des Baumes, von der ich spreche. Zu sehen, heißt in diesem Zusammenhang nicht in ständiger Analyse unterwegs zu sein, nicht immer zu zerstückeln, sondern das Gesehene ganz zu lassen, es so zu sehen, wie es ist, ohne Korrektur. Was würde passieren, wenn man eine Zeitlang auf diese Art und Weise schauen würde, ohne das Gesehene zu bewerten oder es zu benennen? Im Grund würde man dann sehen, wie ein kleines Baby, das noch nichts kennt, noch keine Worte gelernt und kein Wissen angesammelt hat. Probieren Sie es gerne einmal für 15 Minuten auf einem Spaziergang aus. So gut wie es geht, ein spielerisches Experiement. Wenn man Glück hat, eröffnet sich dabei eine ganz neue Perspektive, wesentlich ruhiger und friedlicher. Nähe zu sich selbst kommt zum Vorschein. Dies ist wie ein unsichtbarer Schlüssel in die Achtsamkeit, den man dabei entdecken kann. Wie ein Ankommen. Und damit sind wir bei aktiver und nachhaltiger Burnoutbewältigung.
Sehen Sie Ihr Kind oder sehen Sie nur, wie es sein sollte? Mein Kind sollte leiser, kooperativer, wertschätzender, unterstützender sein, als es momentan ist. Können Sie mit absoluter Sicherheit sagen, dass das wahr ist? Sehen Sie wirklich Ihr Kind, wie es ist? Ihren Partner? Partnerin? Eltern? Freunde? Kollegen? Feinde? Sehen Sie sich selbst, so wie sie sind, wirklich? Sehen heißt akzeptieren, heißt lieben. Lieben Sie sich, wie Sie sind? Leben Sie in einer alten, engen, geistigen Vorstellung von sich und Ihrem Leben oder in der Wirklichkeit? Setzen Sie Ihre Vorstellung regelmäßig über die Wirklichkeit? In der Vorstellung zu leben, verursacht auf Dauer psychische Leiden und Überlastung, da sie meist nicht der Wahrheit entspricht und man den Kampf gegen die Wahrheit letztendlich nur verlieren kann. 250 Mal am Tag eine sichere Niederlage erleiden - das ist hart.
Das Leben ist weder gut noch böse und es kümmert sich auch nicht um Ihre Vorstellungen oder die Vorstellungen Ihrer Eltern. Als wache Person hat man aber die Wahl, es sich im Umgang mit dem Leben leichter oder schwerer zu machen. Viele Menschen haben sich unbewusst für die schwerere Seite entschieden, führen innerlich einen ständigen Kampf gegen das Leben. Dies macht aber überhaupt keinen Sinn, da man nur verlieren kann. Auf der anderen Seite, die Wirklichkeit anzunehmen, ist manchmal schmerzlich, da es nicht immer dem eigenen vermeintlichen Happy-End Plan entspricht. Das Einlassen aber befreit ungemein, da man dann nicht mehr das Leben erzwingen muss, den anderen auf Teufel komm raus verändern muss (was sowieso nicht wirklich funktioniert). Diese offene Haltung beinhaltet ein Ja zum Leben. Und es hat nichts mit Passivität gemeinsam. Ganz im Gegenteil, man sieht die Wirklichkeit und nutzt sie als Ausgangspunkt, um selbstverantwortlich und unabhängig auf Dinge einzugehen, wenn etwas nicht passt und unehrlich ist. Man kann dabei trotzdem weiterhin in Richtung seiner Vorstellungen arbeiten, stellt sie aber nicht mehr über das Leben. Man lässt sich vom Leben und dem was es bietet tragen. Man fließt mit und bleibt im eigenen Verantwortungsbereich. Man löst sich aus Unfreiheit und es muss auch nicht von heute auf morgen sein.
Sich selber zu sehen, das ist etwas besonders, da so wenige überhaupt auf die Idee kommen, dies zu machen. Wer schaut schon nach sich selbst, außer vielleicht ein weltfremder Spinner? Und was sollte es da überhaupt zu sehen geben? Und so leben wir am Tropf von Konzepten, Ideen, Worten, Studien, Prägungen, Erfahrungen und Wissen der Eltern, der Freunde, der Lehrer, der Vorgesetzten, der Wissenschaftler, der Autoren, der Meister, der Ärzte und all der anderen Experten über einen selbst. Warum nicht einmal selber nachschauen? Vielleicht weiß keiner etwas über das was ich bin, einschließlich ich selbst, aber nur ich habe die Möglichkeit mich selbst entdecken, kein anderer kann dies für mich machen. Für die, denen es zu gut im status quo geht, ist dieser Anstoß meistens nicht. Aber für die Verzweifelten, für die Ausgebrannten und die Überlasteten die etwas verändern möchten oder müssen, ist dies eine kraftvolle Medizin, für manche die ultimative Medizin aus dem hausgemachten "Schmerzkörper".
Was wäre, wenn das, was Sie sind, absolut vollkommen und friedlich wäre, ohne Fehler, Sie sich auf einem höchst individuellen Weg befinden, das Ziel aber für alle das gleiche wäre: man selbst? Und was wäre, wenn Sie das nur entdecken müssten, damit der Wahnsinn im Alltag seinen Antrieb verliert, nachhaltig ein Ende findet und Sie wieder in aller Pracht zum Vorschein kommen? Was wäre, wenn Sie sich und die anderen wieder sehen würden?

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2. Inspektor Columbo: Eine Frage hätte ich da noch...

Wenn im Wald ein Baum umfällt und niemand da ist, um es zu hören, macht es dann ein Geräusch? Die Zen Mönche sagen nein, da ein Zuhörer notwendig ist, um ein Geräusch zu hören. Daher ohne Zuhörer, auch kein Geräusch.
Genauso ist es mit dem Leben. Wenn man die Umstände als Problem und Gefahr sieht, dann sind da Probleme und Gefahren. Was aber, wenn man es nicht bewertet?