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Flow Letter (Mai 2010) - Top 10 - Missverständnisse

BeitragVerfasst: Sonntag 2. Mai 2010, 15:36
von Falk
1. Top 10 - Missverständnisse beim Meditieren

Für viele religiös oder spirituell geprägte Menschen ist Meditation eine legendenumrangte, heilige Kuh mystischen Ursprungs, die einen irgendwie und irgendwann (später) zur Erlösung führen wird. Für die sachlichen, wissenschaftlich geprägten Menschen, auf der anderen Seite, steht Meditation meist für ein unüberschaubares Sammelsurium an Entspannungstechniken, von denen man sich, wenn man am sicheren, greifbaren und wissenschaftlich dokumentierten Ufer bleiben möchte, auf Autogenes Training und Entspannung nach Jakobsen einlassen darf. Mittlerweile sind Yogaübungen auch dabei Aufnahme in diesen Club der allgemein zugelassenen Entspannung zu finden.
Es gibt unzählige Einführungen, Anleitungen und Bücher über Meditation und trotzdem ist und bleibt Meditation für viele in der Praxis ein Buch mit 7 Siegeln (selbst für viele Menschen, die bereits 20+ Jahre meditieren). Die Verwirrung ist groß, warum aber nur? Geht es doch bei der Meditation um etwas unvergleichbar einfaches und trotzdem etwas äußerst wertvolles. Es geht um einen selbst, um ein praktisches und unabhängiges Erkennen von dem, wer man ist. Eine Entdeckung sozusagen, bei der aber nicht die Form, die Technik im Mittelpunkt stehen sollte, sondern das Selbst, Ich. Die Entdeckung von sich selbst, ist wie das Finden eines Diamanten nirgendwo anders, als in der eigenen Hosentasche.
Als jemand, der bereits als kleiner Bub vom Vater in der vedischen Tradition (Vorläufer zum Hinduismus) erzogen wurde, viele wundersame und schöne Meditationserfahrungen auf diesem Weg gemacht hat, aber gleichzeitig Mitte 20 auch zutiefst (und ziemlich desillusioniert) fühlte, dass sich seit seiner ersten bewussten Meditation mit 8 Jahren, überhaupt nichts an ihm verändert, geschweige den entwickelt hat, möchte ich gerne aus meiner Perspektive auf ein paar Mythen hinweisen, die Meditation schwieriger machen, als sie eigentlich ist. Also, hier sind die Top 10, worum es bei einer Meditation nicht geht. 1.) Bei einer Meditation geht es nicht primär um Entspannung, sie ist nur ein angenehmer Nebeneffekt, der regelmäßig auftreten kann (wenn die Meditation passt). 2.) Bei einer Meditation geht es nicht um eine besondere Erfahrungen von Liebe, Gedankenlosigkeit, Stille, Gegenwärtigkeit, Glückseligkeit oder Weltfrieden. Besondere Erfahrung kommen und gehen, ohne Spuren auf dem, was man ist, zu hinterlassen. 3.) Es gibt keine Meditationsform, die besser ist als eine andere, sondern nur Unterschiede inwieweit die Methode zu einem Menschen passt (spätestens nach ein paar Tagen Praxis sollte dies aus der eigenen Erfahrung und Leichtigkeit heraus klar sein). Meditation ist an keine spezifische Form gebunden. 4.) Die Meditationsmethode ist nur ein Hilfsmittel (wenn sie hilft), eine Form, aber nichts Heiliges. Sie kann nichts geben, was nicht von Anfang an schon vorhanden ist, sondern nur "freilegen". 5.) Es geht bei der Meditation nicht um die Entwicklung von übermenschlichen Kräften, sondern das Entdeckung des "Göttlichen" (Formlosen) im Menschlichen (Form). 6.) Erleuchtung und Erwachen gibt es nicht (zumindest nicht so, wie das spirituelle Ego es sich es ausmalt). Die ganze Motivation war nur ein Trick, damit man genauer schaut. 7.) Es gibt keine Ankommen, denn ma! n ist be reits da, wo die Reise hingeht. Man muss es nur erkennen. 8.) Meditation ist separat vom Alltag. Das ist ein Missverständnis. Achtsamkeit ist Meditation. Achtsamkeit im Alltag ist Meditation in der Praxis. 9.) Bei einer Meditation passiert etwas besonderes, wie, z.B., die strukturelle Verfeinerung des Nervensystems. Alles was passieren kann, ist das die Oberfläche des Menschen sich beruhigt. Diese Wirkung kann hilfreich dabei sein, um sich wieder zu erfahren, ist aber an sich nichts besonderes, sondern nur ein natürlicher Mechanismus. 10.) Meditation muss geübt werden und entfaltet sich nach langer Übung. Eine Technik kann geübt werden, aber das worum es bei der Meditation geht, kann nicht geübt werden, sondern muss nur erkannt werden. Einmal reicht aus dafür. Man kann nicht üben, was man bereits ist.
Meditation stammt von dem griechischen Wort meditatio und heißt übersetzt Ausrichtung zur Mitte. Es gibt unendliche Methoden, wie ein Mensch sich auf die Mitte, auf sich selbst ausrichten kann, zum Beispiel, beim anwesenden Wäschefalten, beim bewussten Beobachten der Baumrinde, beim Fußball spielen, beim achtsamen Spazierengehen mit dem Hund, beim Musikhören, beim einfachen still sein oder eben bei einer strukturierten Meditation, die individuell zu einem passt. Welche ist die richtige Art für einen Menschen? Die, die für einen am einfachsten ist, am meisten Leichtigkeit erzeugt und praktische Anziehung ausübt. Daher gibt es so viele Meditationen, wie es Menschen gibt. Siddharta Gautama, besser bekannt als der Buddha, würdigte, wie viele andere Lehrer auch, diese Vielfalt und inspirierte 10.000 Meditationen, für jeden eine eigene, der Anziehung gemäße Form.
Für mich selber, durfte ich vor einigen Jahren in einer besonders klaren Meditation, folgende Einsicht erlangen. Ich saß an diesem Abend mit geschlossenen Augen in tiefer Ruhe mit der Absicht eine vertraute Technik zu praktizieren, die mit der gedanklichen Wiederholung eines Wortes, eines Mantras (sankr. Übersetzung für Instrument des Denkens) funktionierte. In Wirklichkeit aber saß ich seit einigen Minuten nur einfach da, zutiefst entspannt und ohne eine Erfahrung, die es wert wäre, jemandem zu erklären. Ich ruhte friedlich in mir. Dann stieg ein alter antrainierte Impuls in mir auf wieder das Mantra zu wiederholen, also der Technik nachzugehen. Ich probierte es. Aber was für eine Anstrengung das war! Es war so viel leichter einfach nur in mir ruhend still zu sein. Und plötzlich begriff ich es. Es ging nicht wirklich um die Technik, sie war in diesem Moment im Weg, es geht um mich. Ich war hier. Ich war jetzt. Ich entspannte. So einfach, aber so leicht zu übersehen ist der Unterschied zwischen Technik/Übung/Ziel und Sein. Auch ob ich im Sitzen hier und jetzt bin oder im Gehen, es machte keinen wirklichen Unterschied. Ob ich die Augen auf hatte oder nicht, das machte den Kohl nicht fett. Ob ich "shyam" dachte oder eben nicht, es war alles komplett Schnurz. Wie schön, einfach nur den Freiraum meiner selbst erfahren zu dürfen, jederzeit, wenn ich schaue.
Alle Meditationsformen weisen letztendlich auf das Zurückfinden zu sich selbst hin. Genauso wie die alten Meister, Lehrer und Bücher in diese Richtung zielen. Sie alle aber können nicht machen oder geben, was man bereits ist. Man ist nicht in Büchern oder in einer Technik zu finden. Dies muss nur einmal erkannt werden, vielleicht in einer besonders stillen und klaren Meditation in der morgendlichen Warteschlange beim Bäcker um die Ecke. Mein Gott, riechen die ofenfrischen Brötchen wieder gut...
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2. Hast du Hunger oder Durst?

Ein Freund erzählte mir vor kurzem von dem italienischen Vater seiner Ex-Freundin. Immer wenn er zu dieser Person hinging, um ihm seine Probleme zu erzählen und sein Leid zu klagen, schaute der Mann ihn mit ernster Miene an und fragte am Ende seiner Ausführung: Hast du Hunger oder Durst?
Verdutzt konnte er auf diese Frage oft gar nicht antworten, da er eine ganz andere Antwort erwartete oder erhoffte hatte. Der italienische Papa sagte dann: Ok, du hast Durst. Lasse uns etwas zusammen trinken. Dann holte er eine Flasche Vino. Man könnte diese kurze Anekdote auf zwei Arten interpretieren. Er schenkt mir und meinen Problemen keine Beachtung, ist die eine. Die andere wäre, vielleicht, ist die ganze Sache gar nicht so ernst, wie ich sie mache. Lasse mich wieder zum Wesentlichen zurückkommen. Und nein, diese kurze Geschichte ist kein Plädoyer dafür, seine Probleme im italienischen Wein zu ertränken.