Flow Letter (Juni 2010) - Gehe nachhause und sage es

Flow Letter (Juni 2010) - Gehe nachhause und sage es

Beitragvon Falk » Samstag 12. Juni 2010, 20:50

1. Gehe nachhause und sage es

Regelmäßig treffe ich in der Flow Kur auf Menschen, die hoffen, dass sie mit unterschiedlichen Techniken der Stressbewältigung, Meditation und Achtsamkeit, alle ihre Probleme innerlich lösen können und somit die schwierigen, äußeren Veränderungen irgendwie durch innere Arbeit umgehen könnten. Das ist aber nicht der Fall. Obwohl innere Lösung und Leichtigkeit immer ratsam sind und auch den Kern der Flow Kur formen, äußere Veränderung ist manchmal unumgänglich, auch wenn sie oft schwierig ist. Bei manchen Stressfaktoren oder Sorgenwurzeln reicht es nicht alleine aus, innerlich noch achtsamer zu werden oder zu versuchen mit noch mehr Personen und schwierigen Umständen Frieden zu schließen. Manche Situationen müssen äußerlich verändert werden, da sie so, wie sie sind, einfach nicht ehrlich sind. Dabei geht es vor allem um die "Lügen" in Kernbereichen, sprich bei der Arbeit und/oder in der Beziehung, in Lebensbereichen also, die uns in der Praxis eben wichtig sind. Gehe nachhause und sage es, drückt, meiner Meinung nach, diesen Schritt in die Wirklichkeit gut aus. Meist ist es ein harter Gang, da er mit so viel möglichen und schwerwiegenden Konsequenzen verbunden ist, aber es ist ein Gang, der von zwei Schwingen, von der Freiheit und der Authentizität, getragen wird. Manchmal ist äußere Veränderung dran und alles andere ist letztendlich eine Fortsetzung der Flucht vor der Wirklichkeit.
Letztens fuhr ich mit zwei Flow Gäste mit dem Auto zu einem Stadtrundgang nach Osnabrück. Oben an einer Zugbrücke, die wir unterquerten, prangte ein großes weißes Schild mit schwarzen Druckbuchstaben: Gehe nachhause und sage es. Mehr stand da nicht, auch kein Absender oder auf wessen Initiative hin dieses Schild dort angebracht worden ist. Es war eine kraftvolle und unerwartete Nachricht, die wie für diese Tour gemacht war, vor allem deshalb, weil ich im Auto einen Mann sitzen hatte, der schon seit mehreren Jahren versuchte seine unglückliche Ehebeziehung einfach abzusitzen, die ursprüngliche Happy End Geschichte weiter zu erhalten und sich mit Hoffnung über Wasser zu halten. Am Ende dieser jahrelangen Gewohnheit stand bei ihm ein Burnout und ein regelmäßiges Schwindelgefühl, obwohl die Person tüchtig Yoga praktizierte, übte achtsam zu sein und sich an den Glückslehrern dieser Welt erfreute. Diese unerwartete Brücken-Nachricht aber zu lesen, stoppte ihn und all die Versuche, es doch wieder anders regeln zu können, zumindest für einen Moment. Wir hatten davor bereits ausgiebig über dieses Thema und den Unterschied von Theorie und Praxis miteinander gesprochen. Jetzt aber war es sehr still im Auto und ich wusste, dass er die Nachricht ebenfalls gelesen hatten und dass sie gerade in ihm wirkte. Es war wie, als ob im Rahmen der Therapie, die Strecke vorher präpariert worden war, war sie aber natürlich nicht, zumindest nicht von mir :-). Der Sprung in die Wahrheit und die Unsicherheit und die Eigenverantwortung stand an bei dem jetzt bedächtigen Mann, so wie ein reifer Apfel dazu bestimmt ist, zu fallen. Fall doch endlich, so schmerzlich es auch auf der konzeptionell-emotionalen Ebene ist, aber die Befreiung wirst du auch bald spüren, vielleicht schon im Moment des Fallens. Es geht hier um dein wirkliches Leben, um die tatsächliche Aus! richtung auf die eigenen Bedürfnisse, nicht egoistisch, aber ehrlich. Tut dir diese Beziehung wirklich und nachhaltig gut, jenseits von der Erfüllung von elterlichen, gesellschaftlichen, religiösen oder sonstigen Vorstellungen? Du windest dich immer noch in irreführenden Versprechungen, im Falsch und Richtig, vielleicht in der Hoffnung, dass Achtsamkeit doch noch alles wenden könnte. Aber das Gegenteil wird der Fall sein, du würdest den Schmerz der "Lüge" immer stärker in Brust und Bauch verspüren.
Dabei müsstest du für eine Veränderung nicht einmal etwas erzwingen, weder zeitlich noch räumlich. Du musst auch noch nicht genau wissen, wo die Reise hingeht. Denn wer weiß das schon und trotzdem geht das Leben unaufhaltsam weiter. Selbstverständlich darf man auf das Praktische achten, auf das Timing, auf das eigene Befinden, die vorhandene Kraft und vielleicht den möglichst sanften Umgang mit der anderen, doch tief verbundenen Person. Der erste Schritt aber ist eine klare "Beichte", vor allem sich selbst gegenüber, nämlich, dass das Zusammensein mit der anderen Person (oder mit der Firma) die meiste Zeit über nicht stimmig war und trotz all der Versuche es stimmig zu machen, es in all den Jahren nie wirklich gut geworden ist (auch wenn es natürlich mal bessere Phasen gab). Und vielleicht war dir diese Einsicht intuitiv bereits kurz nach der Hochzeitsreise vor acht Jahren klar (oder nach den ersten Wochen der Probezeit in dem neuen Job). Dieser Schritt hinein in innere und äußere Veränderung hat auch nichts mit deinen äußeren Umständen oder mit den Kindern zu tun (nur das Timing vielleicht), sondern vor allem mit Selbstrespekt und Selbstverantwortung. Dieser Schritt hat letztendlich mit dir, mit Ehrlichkeit und den inneren Bedürfnissen zu tun. Es ist ein ganz individueller Weg, ein organischer Pfad der Klarheit und der Handlung, der aus innerer, intuitiver Anziehung erwächst und nicht von geprägter Angst oder Gier getrieben ist. Die andere Wahl, die du hast, ist weiterhin eine "Lüge" zu leben, Tag ein, Tag aus in etwas zu stecken, dass einem die Luft zum Atmen raubt. Was macht das mit dir auf Dauer? Was hat es bereits gemacht mit dir? Hätte, könnte, sollte...glaubst du noch an diesen uralten Kaninchentrick des Verstandes?
Gehe nachhause und sage es, ist eine Einladung an all diejenigen, die die Last einer gelebten "Lüge" mit sich schleppen. Eine gelebte "Lüge" kann man unter anderem daran erkennen, dass man meist unzufrieden ist und Lebensqualität sich meist nur noch auf das blinde Widerholen von Phrasen über mein Auto, mein Garten, mein Haus, meine Erfolge und meine Familie reduziert. Es lohnt sich nicht, ist aber alles, was eine gelebte "Lüge" hergeben kann. Na klar, man kann passiv auf eine Verbesserung der Umstände warten oder sogar aktiv verbal darauf bestehen, aber Umstände, die man nicht alleine in der Hand hat, kann man eben nicht selbstständig verändern.
Gehe nachhause und sage es, ist eine Haltung, die in einem und mit einem selbst beginnt, dann aus innerer Klarheit heraus, auch gegenüber den anderen artikuliert wird und danach sich im Ausdruck des eigenen Handelns widerspiegelt, ohne das dabei große Worte darüber verloren werden müssten. Die Taten sprechen für sich selbst, laut und klar. Worum geht es dabei? Um eine Freiheit, die manche auch inneren Frieden oder Zufriedenheit nennen. Dieses Recht auf Lebensqualität ist ein universelles Grundrecht, das nicht gegeben werden kann, sondern für sich entdeckt und genährt werden darf. Für sich und seine Bedürfnisse gerade zu stehen, auch wenn es für einen Moment wirklich schmerzt, ist ein wichtiger Teil in der Kunst zu Leben. Burnoutbewältigung in der Praxis ist im Grunde nichts anderes, als diese Kunst in den Alltag zu integrieren.
Ein paar Minuten später sahen wir auf der gemeinsamen Autofahrt aus der Ferne wieder ein Schild, das an einer Brückendurchfahrt befestig war. Auf ihm stand in großen Buchstaben: Keine Angst. Als ich mich zu meinem Beifahrer drehte, sah ich, wie Martin sich eine Träne aus dem Auge wischte.
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2. HumanFlow im Balance Hotel am Blauenwald

Nach etwas Suche ist es nun soweit, wir ziehen um an einen wunderschönen neuen Ort, nämlich in das Balance Hotel in Badenweiler bei Freiburg (www.blauenwald.de).
Nicht weit weg von dem Ort, an dem Hermann Hesse sein Siddhartha geschrieben hat, haben wir ein neues Domizil gefunden. Vielleicht ein Zufall, vielleicht aber auch nicht, mich zumindest freut dieses Detail ungemein und wenn man so durch Badenweiler schlendert, kann man schnell erahnen, warum der große Dichter und Schreiber sich dafür entschieden hat. Wir freuen uns auf das Wirken an dem neuen Ort und setzten unsere Arbeit bereits Mitte Juli mit den ersten Gästen fort. Maria Grüninger, die Inhaberin und Leiterin des Balance Hotels hat es mit Ihrer Aufmerksamkeit im letzten Jahr geschafft, einen besonderen ganzheitlichen Ort zu erschaffen, der durch seine Offenheit, Authentizität und Strahlkraft besticht. Letztendlich haben wir nicht diesen Ort gefunden, sondern er uns. Es ging ganz leicht, so wie es ging, obwohl es anders verlief, wie wir es ursprünglich geplant hatten oder es absehbar war. Das "strenge" Kloster und das "abgehobene" Biohotel am See fielen weg, um Platz zu machen für etwas, das uns ohne wenn und aber anlächelte. Ja, so passt es, ist es ehrlich, egal wie das Leben sich weiter entwickeln sollte. In solchen Momenten, sowie auch in Momenten der tiefsten Dunkelheit, habe ich immer wieder feststellen dürfen, dass man das Getragen sein oft am deutlichsten spüren kann. Und es ist schön so. Danke, Leben.
Falk
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