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Flow Letter (Sept. 2010) - Ein altes Buch als Medizin

BeitragVerfasst: Donnerstag 16. September 2010, 17:07
von Falk
1. Ein altes Buch als Medizin

Vor ein paar Tagen erreichte mich das eMail eines Freundes. Darin berichtete er über seine Teilnahme an einem Vortrag über das Thema Burn-out. Der Vortragende war der Leiter einer renommierten Münster Klinik, die sich intensiv und wissenschaftlich mit dem Burn-out Syndrom auseinandersetzt. Die Resonanz von interessierten Zuhörern war enorm: etwa 600 Menschen drängten sich in dem Raum dicht an dicht. 90 Minuten lang erfuhren sie dann über die Zusammenhänge und die Symptomatik der Erkrankung. Ganze 2 Minuten ging es um "Wege aus dem Burn-out". Und genau hierin liegt das Problem.
So ergänzte mein Freund in seiner Mail: "In der anschließenden offenen Diskussion beklagten sich nahezu alle Betroffenen über die erschreckende Unkenntnis von Haus- und Fachärzten, über die Elend lange Wartezeiten bei Psychologen und Therapeutischen Einrichtungen und sie beklagten sich auch über die in vielen Fällen unzureichende Hilfe bei sogenannten "Experten" ".
Wenn sich die Experten auf die Beschreibung der Erkrankung reduzieren, dann ist dies meist ein Hinweis darauf, dass es an praktischen und wirkungsvollen Lösungen mangelt. Viele psychosomatische Erkrankungen, wie Depression, Borderline Syndrom oder narzisstische Persönlichkeitsstörungen, um ein paar zu nennen, teilen übrigens diese Schwierigkeit. Man bekommt die Störung nicht richtig zu fassen, bzw. was bei einer Person hilft, hat oft keinerlei Wirkung bei einer anderen Person. Dann bleibt nur noch die chemische Keule, unterstützende Gespräche und/oder unterstützende Pflege in der Hoffnung, dass sich die Störung durch Entlastung von alleine auflöst, was sie in vielen Fällen früher oder später auch macht. Dieser Ansatz aber kann sehr viel Zeit in Anspruch nehmen, da er nicht wirklich auf die Wurzeln eines Burn-out zielt.
Was also ist die Lösung? Einen möglichen und kraftvollen Ansatz lässt sich in einer ungewöhnlichen Schrift finden, die bereits vor langer Zeit im alten Indien niedergeschrieben worden ist: Yoga Vasistha. Das Werk beschreibt den Dialog zwischen dem desillusionierten und daraus heraus handlungsunfähigen Prinzen Rama und dem Weisen Vasistha. Auch wenn das Werk meist nur in einem religiösen oder spirituellen Kontext genannt wird, die Symptomatik, die der junge Rama am Anfang des Werkes beschreibt, ist nichts anderes als ein fortgeschrittener Burn-out mit psychosomatischen Begleiterscheinungen einer schweren und scheinbar ausweglosen Depression. Die bei ihm auftretende psychische Überlastung lag aber nicht an den äußeren Umständen, die aus der Distanz betrachtet wunderbar waren, sondern vor allem an inneren Umständen und einer tiefen Sinnlosigkeit, die alle Lebensbereiche, wie ein schwerer Schleier überlagerte. So extrem und ausgedehnt, wie Rama die geistige und körperliche Störung erfuhr, kommt ein Burn-out in der Praxis aber nur in einem Extrem- oder Endstadium vor.
Obwohl Yoga Vasistha mit über 1000 Seiten eine der umfangreichsten Schriften in Sanskrit ist, sind nur die ersten 10 Seiten mit der Beschreibung der Symptomatik verwendet. Der Rest befasst sich mit der Lösung und dem Entstehen des Leidens. Man könnte also sagen, dieses Werk hat folgende Verhältnismäßigkeit: 2 Minuten Problem und 90 Minuten Lösung. Dies scheint darauf hinzuweisen, das die Experten vor 1000 Jahren bereits eine Möglichkeit zur Burn-out Bewältigung kannten, die praktisch und wirkungsvoll ist, eine Möglichkeit, die daher auch diesen langen Zeitraum überleben konnte und heute in der Leidensbewältigung, meiner Meinung nach, wenigstens genauso aktuell ist, wie schon damals.
Wie mit jeder Lösung, gibt es aber auch hier nicht die eine Lösung, vor allem nicht bei einem psychosomatischen Leiden. Es gibt nur unterschiedliche Lösungsansätze, die dann individuell helfen oder eben nicht. Wenn man innerlich wach ist und reflektiert, seinem eigenen intuitiven Gefühl vertraut, kann man meist schon spüren, ob ein Ansatz zu einem passen könnte oder nicht. Genauso verhält es sich auch mit Yoga Vasistha. Ich entdeckte dieses Buch vor etwa 20 Jahren und stellt fest, obwohl ich nur die Hälfte intellektuell verstehen konnte und auch die benutzten Parabeln und Bilder mit kulturell fremd waren, hatte das Buch eine heilsame Wirkung auf mich. So las ich in dem Buch vor allem dann, wenn ich verstimmt, traurig oder schwer war, nur ein paar Seiten jeweils, da die Tasse sonst schnell zu voll wurde. Wenn ich das Buch dann nach 3-4 Seiten wieder weglegte, war etwas passiert. Ich fühlte mich leichter,wie gereinigt und vereinfacht. Fast so, als wäre nichts gewesen. Seltsam war das, ein altes Buch, das auf mich wie Medizin wirkte. Jahre später in einer Phase tiefster Dunkelheit, sollte ich noch viel mehr seinen Wert schätzen lernen. Heute lese ich in ihm regelmäßig, oft morgens, um Stille und Leichtigkeit anzuregen.
Was aber ist besonders an dem Buch? Es sind nicht unbedingt die Worte, sondern mehr worauf die Worte hinweisen und woher die Worte kommen. Sie kommen aus einem tiefen Frieden und weisen auf denselbigen hin. Es ist das gewisse Etwas zwischen den Zeilen, jenseits von Raum und Zeit, formuliert von Menschen, die im Abstrakten geforscht haben. Hier eine kleine Kostprobe aus dem Yoga Vasistha, die möglicherweise beim ein oder anderen Leser Befremdung auslösen wird. Meine Empfehlung ist beim Lesen nicht zu viel über den Sinn nachzudenken, sondern die Tiefe der Sätze wirken zu lassen: Das großartige Heilmittel für die tiefsitzende Krankheit der Verwirrung ist die Selbsterforschung: Wer bin ich? Zu wem gehört die Verwirrung?, die dadurch vollkommen geheilt wird....Die Interpretation der Welt ist eine Täuschung, so wie der blaue Himmel eine optische Illusion ist. Ich denke, es ist besser, den Geist nicht so sehr mit ihr zu beschäftigen, sondern sie zu ignorieren....Das Bewusstsein, das in einem der stille Zeuge ist vom Kommen und Gehen der Dinge, erkenne das als den Zustand von immer währendem Frieden.
Das Werk weißt zurück auf einen selbst, auf das eigene Wesen, jenseits von Theorien, Meinungen, Geschichten, Pflichten, Vergangenheit und Zukunft. Es führt in eine Perspektive und ein Verständnis hinein, das außerhalb von Beurteilung, von Trennung und dem Spannungsfeld von Freud und Leid liegt. An einer Stelle des Buches steht die Aussage, dass wenn das Leiden schlimm genug ist, keiner der gewöhnlichen Wege mehr helfen kann: keine Meditation, keine Rituale, kein Besitz, kein positives Denken, keine Affirmation, kein Wissen, kein Tun, kein nichts-Tun, sondern nur noch "ein Baden" im eigenen Wesen. Als direkte Weg dazu werden heilige Schriften, wie unter anderem Yoga Vasistha und die Nähe zu denen, die das Wissen leben und ausstrahlen, genannt. Aus meiner Erfahrung mit der Dunkelheit des Menschseins (Leiden), gibt es nichts kraftvolleres, als diese "Erinnerung" an einen selbst. Etwas Heilsames wacht auf im Menschen, als Basis um den inneren Irrsinn als Irrsinn zu entlarven und ihn gleichzeitig loszulassen. Und ganz allmählich, aber bestimmt, aus dem Irrgarten heraus wieder zu sich findet.
Die Sanskrit Übersetzung von Yoga Vasistha ist leider nur auf Englisch erhältlich, aber es gibt auch andere Werke aus den unterschiedlichsten Traditionen in deutscher Sprache, die einfach durch ihr Lesen eine befreiende therapeutische Wirkung auf eine Person haben können. Zu denen, die ich für mich entdeckt habe, gehören die indische Bhagavad Gita, der chinesischen Tao te Ching und die alten Predigten des deutschen Mystikers Meister Eckhart, sowie die Neue Erde des Eckhart Tolle. Letztendlich muss jeder selbst etwas experimentieren, welche Schriften sich als regelmäßige Begleitung und "Erinnerung" anbieten und auf eine Lösung hinweisen, die bereits während dem Lesen erfahrbar ist.
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2. Eckhart Tolle bald auf Deutschlandbesuch

Eckhart Tolle wird am 26.10. in Karlsruhe und am 28.10. in Hannover sein. Eckhart ist einer dieser Personen, dessen Worte und Hinweise ebenfalls diese therapeutische und klärende Wirkung auf uns (meine Frau und ich) haben, trotz seiner Kauzigkeit :-). Eintrittskarten dafür können bei http://www.tao.de bestellt werden.