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Flow Letter (Dez. 2010) - Die 5 Prinzipien (Teil II)

BeitragVerfasst: Dienstag 7. Dezember 2010, 12:32
von Falk
1. Die 5 Prinzipien zur Burn-out Bewältigung (Teil II)

Wenn man hier von DEN 5 Prinzipien liest, kann es sich auf den ersten Blick nach Ausschließlichkeit und Exklusivität anhören. Dieser Eindruck wäre aber weit gefehlt. Nachhaltige Stress und Burn-out Bewältigung ist nämlich, meiner Meinung nach, ein individuelles und flexibles Selbsttrainingsystem im glücklich und ehrlich sein, mit sich und mit andern. Man selber ist dabei der Experte und Meister, auch wenn man am Anfang (und manchmal auch zwischendurch) ein paar nützliche Anstöße und Werkzeuge von außen mit auf den Weg nehmen kann (vielleicht wie dieser Newsletter). Das Gehen, Integrieren und Überprüfen muss man aber selber in die Hand nehmen. Nur so können Unabhängigkeit und Nachhaltigkeit entstehen.
Die 5 Prinzipien, die ich hier aufzeige, weisen auf mehrere kraftvolle und im Alltag erprobte Ansätze und eine gewisse Struktur hin, um zurück in die Eigenverantwortung zu finden. Sie sind aber nicht exklusiv und nicht einmal neu, sondern eigentlich so uralt, dass sie in den ältesten Schriften der Menschheit zu finden sind. Durch ihre praktische Anwendung kann sich eine lange übersehene Türe eröffnen, nämlich die des selbstständigen Forschens, Beobachtens und des Experimentierens in Richtung von weniger Stress, hin zu mehr Wahrheit und Leichtigkeit. Es geht hierbei um nicht weniger, als um die Kunst zu Leben, der nächste Schritt sozusagen, um tatsächlich leichter und erfüllter zu sein, auch oder gerade wenn die Umstände und die persönliche Prägung schwierig sind. Schwierig, so wie es viele Menschen in der heutigen Zeit erfahren (bei Google wird der Begriff Burn-out pro Monat etwa 400.000 Mal (!) eingegeben). Und das, obwohl wir auf höchstem Wohlstandniveau und in einer nie dagewesenen Sicherheitsstruktur leben. Quo vadis? Viele sind längst schon auf der Suche. Man ist nicht alleine auf dem Weg.

In dem letzten Flow Letter (siehe Flow Letter Vol. 2, Nr.7) schrieb ich über die ersten beiden Prinzipien der Bewältigung: das Prinzip der Aufmerksamkeit und das Prinzip der Selbsterforschung. Das Prinzip der Aufmerksamkeit zielt auf die Möglichkeit von alltäglicher Bewusstheit, d.h. mitten im bewegten Alltag mehr innere Freiräume, mehr Gegenwärtigkeit und mehr Achtsamkeit zu beleben. Das Prinzip der Selbsterforschung weist auf die Möglichkeit ein neues Selbst-Bewusst-Sein zu entdecken. Ein Hinweis auf das, was man im Wesen ist, hier und jetzt, immer ganz und heil. Die weitere drei Prinzipien sind: Prinzip der sanften Konfrontation (oder Offenheit), Prinzip der Hinterfragung und das Prinzip der Authentizität.

Das Prinzip der sanften Konfrontation zielt auf eine mögliche Veränderung im Umgang mit "negativen" Gefühlen und hierbei vor allem mit Angst. Viele der Menschen, die unter einem Burn-out leiden, haben die chronische Überlastung aus dem Unterdrücken von tiefsitzender Angst und den Kompensationen, um diese Angst nicht erfahren zu müssen, entwickelt. Oft geht es hierbei um das Unterdrücken von der Angst wertlos oder hilflos zu sein. Der energetische Aufwand und die tagtäglichen "Lügen", die hierdurch entstehen können, verschlingen große Mengen an Energie. Die "Feuer"-Menschen sind meist gut darin gegen die Angst anzukämpfen, mit dem Resultat von ständigem innerem Druck (was ist die Gefahr?). Die "Luft"-Menschen entfliehen, eine Reaktion, die für viele in Angst vor der Angst mündet. Dadurch aber kann sich nichts auflösen, sondern ganz im Gegenteil. Immer mehr Energie sammelt sich an und muss unterdrückt gehalten werden. Das Gefühl der Angst wird ursprünglich durch Gedanken getriggert, ist aber getrennt von dem Gedanken, dem Konzept. Angst ist ein körperliches Gefühl, d.h. die körperliche Reaktion auf einen Gedanken. Das Gefühl ist ursprünglich weder gut noch böse, sondern nur Energie, die kommt und geht. Was möchte das Gefühl von einem? Es möchte, ähnlich wie ein weinendes Kind, vor allem eines: Aufmerksamkeit (bewusste Offenheit).
Um einem Gefühl Aufmerksamkeit zu geben, muss man ihm begegnen. Die Türe zum Gefühl ist der körperliche Ausdruck. Das Gefühl besitzt ein körperliches Zentrum. Meist liegt es im Bauch, Herz, Brust, Hals oder Kopfbereich. Dort kann man im Moment der Emotion Druck, Enge oder Schmerz verspüren. Dem Kern dieses Bereiches kann man Aufmerksamkeit geben, ohne Worte, ohne Bedingungen, so lange es dauert. Man verweilt in ihm, wie in einem Punkt, wird zu ihm. Man öffnet sich, wird still und entgegen der Gewohnheit, hört auf zu kämpfen und zu flüchten, so gut es eben geht. Es kann sich so anfühlen, als ob man ganz still im Zentrum eines Hurrikans steht. Dies öffnet für viele eine Entdeckungsreise in die Emotion. Abgesehen von einem schrecklichen Gefühl, existiert im Zentrum der Angst tatsächlich etwas Schreckliches? Was passiert, wenn ich zumindest einmal nicht gegen die Hilflosigkeit oder Wertlosigkeit ankämpfe? Man müsste es selber überprüfen. Es ist wie eine Forschungsarbeit, bei der man entdecken kann, dass diese Gefühle, wie die eigenen Kinder sind, die man lange abgelehnt hat, die aber ebenfalls zum Leben und Erleben gehören. Manche Menschen haben Liebe, Frieden oder Freiheit im Zentrum ihrer größten Angst gefunden.
Mögliche Quellen zum vertiefenden Selbststudium findet man bei Brandon Bays und bei Gangaji.

Das 4. Prinzip ist das Prinzip der Hinterfragung. Grundsätzlich geht es dabei um die Möglichkeit seine eigenen Glaubenssätze und Vorstellungen auf Wahrheit zu überprüfen. Was hinter dieser Herangehensweise steht, ist dass psychischer Stress nur dann entstehen kann, wenn die Vorstellung vom Leben von der tatsächlichen Realität abweicht. Umso weiter sie abweicht und umso mehr wir auf die eigene Vorstellung (den Happy-End Plan) fixiert sind, desto größer der innere Schaden. Die Macht der Glaubensmuster können wir am besten in den festgefahrenen, ungelösten Situation in unserem Leben erkennen. Die eigenen Glaubensmuster sind auf der Ebene von Falsch und Richtig angelegt. Sie sind absolut, oft blind übernommen von Eltern, Lehrern, der Religion, der Gesellschaft, der Werbung oder dem "das-macht-man-halt-so". Das wirkliche gelebte Leben aber kümmert sich nicht um die eigene Vorstellung, ist kein Ponyhof (wir mir einmal ein Coachee sagte). So hat man die Wahl, wie man mit dem wirklichen Leben umgeht, im "nein" (Krieg) oder im "ja" (Frieden). Diese Haltung hat nichts mit Passivität zu tun oder stillschweigendem Ertragen, sondern dem Erkennen der Wahrheit (das Leben) und dem Handeln im eigenen Verantwortungsbereich bei gleichzeitigem Loslassen der Verantwortungsbereiche, die den anderen gehören. Ist mein Glaubenssatz wirklich wahr? Sehe ich die Realität? Wenn nein, was ist die Realität? Was wünsche ich mir? Was kann ich aktiv dafür machen? Diese Arbeit kann vor allem für Idealisten, Prinzipienreiter und Perfektionisten sehr erhellend und erlösend sein. Dr. Eckhart von Hirschhausen formulierte diesen Ansatz einmal so: man hat die Wahl Recht zu haben oder glücklich zu sein.
Um diesen Bereich zu vertiefen, empfehle ich das Buch "Lieben was ist" von Byron Katie.
Last, but not least, steht das Prinzip von Authentizität. Ich bezeichne dies manchmal nur als ein halbes Prinzip, da es, anders als die vorhergehenden Prinzipien, nur für manche Menschen von Bedeutung ist. Für die Menschen aber, auf die dieses Prinzip zutrifft, ist es der direkteste und wichtigste Schritt aus der Stressfalle. Bei diesem 5. Prinzip geht es darum, dass die Kernbereiche im Leben auf Dauer passen müssen. Bei den meisten sind die Kernbereiche die Partnerbeziehung und die Arbeit, also die Bereiche, in die wir viel Zeit und Aufmerksamkeit investieren. Für viele Menschen passen diese Bereiche grundsätzlich, auch wenn nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen ist, aber bei manchen passen sie nicht, auch wenn manches an ihnen gut ist. Wenn diese wichtigen Bereiche über längere Zeiträume nicht stimmen, also der Partner einem grundsätzlich nicht gut tut, bzw. die Arbeit einem grundsätzlich nicht gut tut, dann muss man irgendwann aus dem Hoffen, Abwägen und Rechtfertigen herauskommen. Es wird dadurch nämlich nicht besser. Es fühlt sich nur weiterhin eng und immer enger an. Und klar sind die Situationen oft schwer, bergen Unsicherheiten und meist weiß man keine sichere Alternative. Der erste Schritt hierbei ist immer die eigene Beichte sich selber gegenüber und eine Entscheidung für selbstverantwortliches Wohlbefinden (aus Ehrlichkeit und nicht aus Egoismus heraus). Das nennt man Selbst-Respekt. Der nächste Schritt ist die Praxis und die macht den Unterschied. Zum Glück muss man hierbei nichts übers Knie brechen. Anziehung darf aus einem und aus der eigenen Ehrlichkeit heraus wachsen, aber die Entscheidung muss klar sein. Bei diesem Prinzip geht es nicht so sehr um innere Arbeit, wie in den anderen Bereichen, sondern vor allem um die konkrete Änderung im Außen (und das ist manchmal am schwierigsten).
Zu diesem Prinzip fällt mir momentan keine passende Literaturempfehlung ein.

Alle 5. Prinzipien beinhalten unterschiedliche Perspektiven und Herangehensweisen an das Thema Stress und Burn-out. Noch wichtiger aber stellen sie Ansätze und Möglichkeiten dar, um für sich selber praktische Impulse zu setzen, grundlegende Zusammenhänge zu sehen, neue Gewohnheiten anzustoßen und mit sich, seinem Glück und seinem Unglück zu experimentieren. In diesem Selbsttrainingssystem und der nachhaltigen Burn-out Bewältigung gibt es keine festen Regeln, keine Experten und keine Wissen außerhalb von einem selber.
In einem selber liegt der Halt und die Stabilität, die man sucht. Man selber ist dran das zu beleben, was ehrlich ist und gut tut. Kein anderer kann dies langfristig für einen machen.

Eine schöne Weihnachtszeit.

P.s. Bis auf weiteres wird der Flow Letter nur noch jeden zweiten Monat erscheinen, unter anderem auch deshalb, da wir gerade an der Fertigstellung eines Buches und Audiomaterial arbeiten.
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2. Über Wasser gehen - etwas Humorvolles

Drei Mönche beschlossen zusammen zu meditieren. Sie saßen nebeneinander am Ufer eines Sees und schlossen die Augen in Konzentration. Plötzlich stand der eine Mönch auf und sagte: "Ich habe mein Kissen vergessen." Er sprang auf das Wasser und lief, nicht zu fassen, über de See zu ihrer Hütte am anderen Ufer. Als er zurückkam, stand der zweite Mönch auf und sagte: Ich vergaß, meine Unterwäsche zum Trocknen aufzuhängen." Er lief seelenruhig über den See und kam auf die gleiche Weise zurück. Der dritte Mönch hatte die beiden ersten aufmerksam beobachtet bei dem, was er für einen Test seiner Fähigkeiten hielt. "Sollte eure Fähigkeiten so viel weiterentwickelt sein als meine? Ich kann mit allem mithalten, was ihr beiden vorführt!" Mit einem Wort sprang er auf, um auch über den See zu laufen. Prompt versank er im tiefen Wasser. Dies konnte den Yogi nicht abschrecken. Er stieg aus dem Wasser und versuchte es wieder, und versank wieder. Er stieg noch einmal heraus und versuchte es noch einmal, und immer wieder versank er. Das wiederholte sich, und die anderen beiden Mönche schauten zu. Nach einiger Zeit wandte sich der zweite Mönch an den ersten und fragte: "Was meinst du? Sollen wir ihm sagen, wo die Steine liegen?".