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Flow Letter (April 2011) - Epiktet

BeitragVerfasst: Freitag 1. April 2011, 07:02
von Falk
1. Epiktet - der freie Sklave

Epiktet (50-120 n. Chr.) lebte zur Zeit von Kaiser Nero in Umständen, die die meisten Menschen totunglücklich gemacht hätten. Er war körperlich ein Krüppel und diente als Sklave für einen Herrn, der am Hofe des Kaisers tätig war. Epiktet war aber nicht unglücklich, ganz im Gegenteil. Er erforschte nämlich die Möglichkeiten, um anders und intelligenter mit seinen Umständen umzugehen. So wurde er, obwohl er äußerlich gebunden war, innerlich frei.

Als Beobachter der Mächtigen und Reichen des römischen Reiches, die am Hofe des verrückten Kaisers ein und aus gingen, fiel Epiktet folgendes Grundprinzip auf: das Leiden wird nicht durch die Umstände erzeugt, sondern durch die eigene Meinung über die Umstände. Erst die Gedanken und Vorstellungen erzeugen das Leiden. Und so begann Epiktet, an seinen Gedanken und Vorstellungen zu arbeiten, man könnte auch sagen, sie zu vereinfachen, auf den Boden der Tatsachen zu holen und Verantwortung zu übernehmen.

Er beschäftigte sich unter anderem mit der genauen Beobachtung und Unterscheidung von dem, was er wirklich in der Hand hält und kontrollieren kann und dem, was nicht. Was er in der Hand hält, betrachtete er als seinen Verantwortungsbereich. Nur in ihm konnte er handeln und etwas ändern. Was er nicht in der Hand hält, musste er loslassen, ob er nun wollte oder nicht. Aus dieser Perspektive heraus entdeckte er, dass er viele Dinge zwar beeinflussen, sie aber nicht kontrollieren konnte. Zu diesen unkontrollierbaren Faktoren zählte er seinen Körper, Reichtum, Status, Erfolg, Zukunft und die Meinungen der anderen. Ich kann sie zwar beinflussen, habe sie aber nicht in der Hand.

Hier ist eine Übung, die Epiktet vor fast 2000 Jahren empfahl, um den strukturellen Gedankenlärm und das Klagen umzutrainieren. Jedes Mal wenn ein leidvoller Gedanken kommt und man ihn wahrnimmt, dann sage dir innerlich "es ist nur ein Gedanken, aber nicht die Realität" . Dann schaue dir an, ob der Inhalt des Gedankens in deiner Hand liegt. Wenn dies der Fall ist, handle. Wenn dies nicht der Fall ist, wie meist, dann sage dir innerlich: "es geht mich nichts an" und lasse ihn los. Durch diese Übung wird ein Prozess initiiert, auch wenn es sich anfangs mechanisch anfühlen kann. Selbst wenn es eine Woche dauern sollte, bevor der Prozess tatsächlich fruchtet, kann dabei Bemerkenswertes entdeckt werden.

Diese Vorgehensweise heißt übrigens nicht, dass man sich nicht auch um die Dinge, die man nicht in der Hand hält, wie z.B. das Glücklichsein der Eltern, kümmern darf, sondern nur, dass es einen in Wirklichkeit nichts angeht, da man das Glücklichsein der Eltern nicht in der Hand hat. Es liegt im Verantwortungsbereich der Eltern, auch wenn die Eltern dies anders sehen sollten.

Epiktet fasste zusammen, dass psychisches Leiden nur dann entsteht, wenn man sich gedanklich mit etwas beschäftigt, was man nicht kontrollieren kann und dadurch den eigenen Verantwortungsbereich vernachlässigt. Epiktet sagte auch, dass es selbst in den schwierigsten Umständen möglich ist glücklich zu sein, innerlich frei von den Umständen. Die Richtigkeit dieser Aussage in der Praxis zu erforschen, ist eine Einladung an uns alle. Wenn ich seine Übung nur eine Woche regelmäßig innerlich praktizieren würde, was macht dies mit mir? Die Antwort darauf liegt in der Praxis.

Nachdem Epiktet von seinem Meister nach vielen Jahren guter Diensten die äußere Freiheit geschenkt wurde, zog er bald aus Rom zurück nach Griechenland und eröffnet eine Schule der Philosophie (wobei damals Philosophie nichts theoretischer Natur war, sondern als praktische Lebenshilfe begriffen werden wollte). Die Schule und seine Lehre wurden so bekannt, dass selbst Kaiser zu seinen Anhängern gehörten. Der berühmteste unter ihnen war wohl Kaiser Marc Aurelius, der letzte bekannte Vertreter der Stoa.

Was der Kaiser wohl von dem ehemaligen Sklaven wollte?

(Empfohlene Quelle: Epiktet - das Buch vom glücklichen Leben).

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2. Trägst du sie noch immer?


Auf dem Rückweg von einer längeren Pilgerreise näherten sich zwei Zen-Mönche einem Fluss. Schon von weitem konnten sie eine anmutige, junge Frau erkennen, die unruhig am Flussufer hin und her trippelte. Es stellte sich heraus, dass sie nicht schwimmen konnte und sich fürchtete den Fluss zu überqueren. Der eine Mönch hob sie deshalb auf seine Schultern und trug sie ans andere Ufer hinüber. Dort setzte er sie ab und jeder ging wieder seines Weges.

Der andere Mönch aber kochte vor Wut und Empörung. Buddhistischen Mönchen war es verboten eine Frau zu berühren! Und dieser scheinheilige Kerl hatte die junge Frau nicht nur berührt, sondern sie sogar auf seiner Schulter getragen! Eine der heiligsten Regeln war gebrochen worden. Er sagte kein Wort, aber das unzüchtige Bild verfolgte ihn Meile um Meile und er wurde immer wütender. Am Abend erreichten sie ihr Kloster. Kurz bevor sie durch das Tor traten, hielt der empörte Mönch den anderen am Ärmel fest. “Hör zu” sagte er, “was du heute getan hast, werde ich dem Meister melden müssen. Du hast ein Verbot übertreten und musst dafür bestraft werden. Ich werde es melden müssen.” Der andere Mönch sah ihn überrascht an. “Wovon redest du?” fragte er. “Was musst du melden?” “Tu doch nicht so unschuldig. Du hast die schöne, junge Frau über den Fluss getragen! Hast du das etwa vergessen?” entgegnete der erboste Mönch. Da begann der andere Mönch zu lachen. “Das stimmt” sagte er, “das habe ich getan. Aber ich habe sie vor vielen Stunden am Flussufer abgesetzt. Trägst du sie etwa noch immer?”


Noch ein paar Sätze in eigener Sache. Vor ein paar Tagen ging eine wundervolle HumanFlow Coach Ausbildung mit 9 Teilnehmern und Teilnehmerinnen zu Ende. Es war die erste Gruppenausbildung und auf unterschiedlichster Ebene ein voller Erfolg. In den 5 Jahren HumanFlow war dies für mich ein Highlight. Die nächste HumanFlow Coach Ausbildung vom 5.-11. September, 2011 ist bereits ausgebucht und so bieten wir vom 3.-8. Oktober, 2011 einen weiteren Ausbildungskurs an. Bei Interesse an der Teilnahme kann man auf der HumanFlow Webseite mehr Infos dazu finden.