FlowLetter (Dez. 2011) - Das Ich ist nie erschöpft!

FlowLetter (Dez. 2011) - Das Ich ist nie erschöpft!

Beitragvon Falk » Sonntag 4. Dezember 2011, 20:04

1. Das Ich ist nie erschöpft!

Die blonde Frau saß auf dem dunkelbraunen Kunstledersofa und schaute mich bedrückt an. Die Kur war nicht nach ihrem Plan verlaufen. Sie war am Anfang tatenfreudig und hoffnungsvoll angereist und hatte sich für das Ende der Kur ein positiveres Ergebnis gewünscht. Vielleicht mehr Freiheit, mehr Leichtigkeit. Aber das fühlte sie momentan nicht, ganz im Gegenteil. Und das enttäuschte sie. In ihrer negativen Stimmung lag etwas Absolutes. Sie sagte mir, dass sie den Schalter noch nicht gefunden habe, trotz aller ernsthaften Bemühungen und Einsichten. Sie war traurig. Während ihrer Zeit hier hatte ich sie noch nicht so leiden sehen und das ausgerechnet am Abreisetag.

Für einen Moment drohte sie in Vorwürfe und in eine Opfergeschichte zu fallen, aber das passierte nicht, zumindest nicht vollständig. Ein Türchen blieb offen. Ich konnte weiterhin eine stille Bereitschaft für Veränderung in ihr spüren. Ich bat sie daher ihre Augen zu schließen. »Beschreibe mir genau, wie sich die Trauer und Enttäuschung bei dir anfühlen. Wenn du einmal nicht darüber nachdenkst, wie könntest du wirklich wissen, dass du jetzt traurig und enttäuscht bist?« Und sie begann zu beschreiben, dass sie Enge im Brustbereich verspüre, müde und irgendwie schwer sei.

Ich führte sie weiter: »Mache einmal nichts dagegen, sodass du alles in dir bis ins kleinste Detail spüren kannst. Versuche für einen Moment ohne Widerstand, Machen und intellektuelle Analyse zu sein. Werde still mit der Erfahrung der Schwere, auch wenn das bedrohliche Gefühl dadurch größer werden sollte.« Nach einer kleinen Pause fragte ich sie: »Kannst du das Gefühl jetzt in dir wahrnehmen?« Ja, das könne sie, antwortete sie. Es fühle sich nicht gut an. »Und genau in diesem Gefühl möchte ich, dass du jetzt, ohne über meine Frage nachzudenken, etwas für dich überprüfst. «, entgegnete ich »Wer ist in diesem Moment traurig? Wer spürt die Trauer?« Sie war still für ein paar Momente, wohl unsicher, worauf die Frage zielte. Dann äußerte sie zögerlich, fast fragend: »Ich?« Und das war das Stichwort: Ich.

»Es gibt hier also ein Ich und es gibt auch noch ein Gefühl der Trauer, das du jetzt wahrnimmst. Bist du das, was die Trauer wahrnimmt oder die Trauer, die wahrgenommen wird? Antworte nicht sofort. Sei still. Was von beiden ist näher bei dir?« Diese Überprüfung funktioniert nicht im Denken, sondern nur im stillen Spüren - sie bedarf bewusster Stille, Hiersein. Und die Frau war still, nah bei sich. Nach einiger Zeit sah ich, wie eine Träne ihre Wange runter lief. »Ich bin Ich, nicht die Trauer, nicht die Enttäuschung und nicht die Wut. Das Ich ist näher.« Sie entspannte merklich, ruhte friedlich. Das war er, der wohl bedeutendste Moment der Kur für sie. Sie bestätigte später, dass dies wohl der wichtigste Moment der letzten Jahre gewesen sei. Als sie abreiste, strahlte sie eine stille Sanftheit aus, die möglicherweise bereits bald wieder vom Alltagslärm überlagert werden wird. Ich weiß es nicht, aber weiß, dass etwas anders sein wird, als zuvor. Sie hatte gesehen, etwas Außerordentliches. Etwas war aufgewacht in ihr.

Eine Überprüfung des Ichs, die zwangsweise jenseits von Worten, Meinungen und Glauben führt, auf etwas weißt, das jenseits von krank, von eng, von Symptomatik und von Trauer liegt, hat die inne liegende Kraft ein Leben von Grund auf zu verändern. Das Schauen muss nur tief und klar genug sein. Es geht hierbei auch nicht um das aufgeregte Verstehen eines neuen philosophischen oder wissenschaftlichen Ich-Models oder um ein spirituelles Wohlfühl-Konzept, sondern um direkten, praktischen Selbstbezug tief in einem drin. Aus diesem winzigen Samen kann ein mächtiger Baum mit Wurzeln bis tief ins Zentrum dieser Erde erwachsen.

Ist das jetzt alles? Nein, aber auf dem individuellen Weg aus dem chronischen Energiemangel hin zu mehr alltäglichem Frieden und Freiheit kann diese eigenständige Überprüfung und simple Einsicht eine wichtige, wenn nicht sogar die wichtigste Komponente im Heilprozess werden. Ich bin ich und nicht die Erschöpfung. Ich habe die Erschöpfung, bin sie aber nicht. Das Ich ist nie erschöpft, ist immer frei. Das Ich ist unverwundbar. Es ist voll.

Und wenn Sie beim Lesen dieser Zeilen immer noch nicht wissen, was das Ich ist, dann entspannen sie sich. Sie sind nicht alleine, denn das Verstehen hat nichts mit Worten, Erklärungen oder Formen zu tun. So frei ist das Ich. Übrigens, ich weiß es ebenfalls nicht, habe dies aber genau nachgeschaut. Und das ist ein Unterschied, der seltsamerweise vieles ändern kann, führt er doch zu mehr Freiheit und Gelassenheit...

Kennen Sie sich, wirklich? Antworten Sie nicht zu schnell auf die Frage. Prüfen Sie es erst nach. Seien Sie einmal ganz still mit sich in sich selbst. Es ist nämlich anders als Sie denken. Jeder sollte das wenigstens einmal im Leben für sich selbst ernsthaft im Hier und Jetzt geprüft haben und wenn es geht, nicht erst dann, wenn man sich zu weit vom Grundzustand entfernt hat. Dieser Newsletter ist eine Einladung dazu...

Alles Freiheit, Falk
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2. In eigener Sache: HumanFlow Coach Ausbildung

Wir haben dieses Jahr drei Ausbildungskurse angeboten. Über 30 Personen haben somit bereits an unserer Coaching Ausbildung für Stressbewältigung und Burnout Prävention teilgenommen. Es werden immer mehr, die auf unterschiedlichste Art und Weise helfen und unterstützen, auch wenn wir immer noch ganz am Anfang stehen. Es ist unglaublich und immer wieder berührend für mich zu sehen, was aus dem stillen Nichts wachsen kann und wachsen will. Aus der eigenen Erfahrung andere Menschen auf eine einfache Möglichkeit von alltäglichem Frieden und Freiheit durch Stille, Worte und Taten hinzuweisen, empfinde ich als ein Geschenk. Vielleicht passt es auch für Sie/dich.

Der nächste Ausbildungstermin ist vom 8.-15.März, 2012. Bitte melden Sie sich frühzeitig an, da die Teilnehmerzahl begrenzt ist. Mehr Infos zur Ausbildung unter www.humanflow.de/ausbildung.html.
Falk
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