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FlowLetter (Jan. 2012) - Die Indienreise

BeitragVerfasst: Donnerstag 19. Januar 2012, 07:23
von Falk
Die Indienreise

Im Rückblick scheint mir meine Indienreise über Weihnachten und Neujahr jetzt schon wie ein Märchen aus tausend und einer Nacht gewesen zu sein. Ich wusste vor meiner Reise nicht, was das Land mit meinem körperlichen und geistigen System machen würde. Die Perspektive von Krankheit, Lärm, fehlender Hygiene, Armut, Müll und zu vielen Menschen rief keine Begeisterungsstürme in mir hervor, auch wenn Neugierde und Anziehung sich unter meinen Vorbehalt mischten. Ich wusste aus Erzählungen, dass Indien ein Land ist, dass die Gemüter spaltet. Manche berichteten mir begeistert von dem Land und andere wiederum warnten mich, zuletzt noch eine Müllheimer Ärztin , die von der schlimmsten Reise ihres Lebens sprach. Aber Indien war dran, endlich. Und dann kam sowieso alles anders, als ich es mir vorstellen konnte - Indien eben, so wurde mir gesagt.

Ich war also auf dem Weg nach Tiruvannamalai und dem heiligen Berg Arunachala im Süden Indiens. Dort wollte ich den Ashram von Ramana Maharishi besuchen, ein spiritueller Meister, der vor etwa 60 Jahren verstorben war, dessen Texte, Worte und Fotos mich aber in den letzten 10 Jahren immer wieder tief berührt hatten. Er war einer dieser seltenen Menschen, der ohne sprechen zu müssen, viele Menschen aus aller Herren Länder in den Bann der inneren Stille und der Suche nach Freiheit gezogen hatte. Auch heute noch. Sein Hauptbotschaft war die Selbsterforschung mit der Frage: Wer bin ich (wirklich)?

Als Anlaufstelle in Tiru hatte ich glücklicherweise meinen Onkel Wolfgang und Tante Karin, die jedes Jahr ein paar Monate an dem Ort verbringen. Als ich nach meiner Ankunft das erste Mal mit meiner Tante zum Ashram lief, kam mir auf der äußerst lebendigen Straße mit gelben Mofataxis, farbigen Bussen, heiligen Kühen und hupenden Autos, zwischen den orange gekleideten Sadhus (asketische Wandermönche), bettelnden Frau und Straßenhändlern ein junger, seltsam vertrauer Mann entgegen. Falk?, sprach er mich an. Das gibt es doch nicht! Ein ehemaliger FlowKur Gast aus Badenweiler, den ich hier zufällig auf der Straße am anderen Ende der Welt treffe. Wir wechselten ein paar Worte und Indien nahm weiter seinen Lauf.

Die ganzen neuen Eindrücke, ungewöhnlichen Gerüche, Klänge und fremden Sitten beindruckten mich, auch wenn, wegen meinem Elternhaus, eine gewisse Vertrautheit vorhanden war. Und so schwamm ich anfangs einfach mit, so gut ich konnte. Im Ashram selbst gab es einige Plätze, an denen ich ganz leicht loslassen und Hiersein konnte. Vor allem Ramanas ehemaliger Sitzungsraum, der heute als stille, kleine Meditationshalle genutzt wird, hatte es mir angetan. Gerne saß ich dort immer mal wieder während der nächsten 10 Tage in eine Decke gehüllt und war still. Was auch überall zu finden war, waren die Indien-typischen Rituale, Symbole und Traditionen. Was bei Indern noch ganz normal wirkte, schien bei manchen der Westlern etwas aufwendiger und heiliger gestaltet zu sein und nicht unbedingt so entspannt und natürlich, wie die Person sich bei Muttern am Kaffeetisch verhalten würde. Aber nun gut, etwas Kirmes, Rauch und Spiegel gehören eben auch dazu.

Nach 2-3 Tagen Aufenthalt breitete sich in mir ein tiefes Gefühl des Heimkommens aus. Ich spürte dies an der tiefen, inneren Gelassenheit und auch der Schlaf schien eine süßere Qualität der Leere anzunehmen. Das früh morgendliche Aufwachen war meist absolut erfrischend, zu meiner großen Verwunderung. Einen großen Beitrag zu diesem Loslassen leisteten sicherlich die Menschen vor Ort, die einen, ob man sich gegenseitig kannte oder nicht, in solch einer Offenheit und Nettigkeit mit Namaste oder Namaskar begrüßten, die Hände vor sich falteten, sanft mit dem Kopf hin und her wogten oder einfach nur neugierig-freundlichen anschauten. Das tat der Seele gut.

Die ganzen anfänglichen Befürchtungen, obwohl ich sie dort antraf, verblasten im Glanze dieser Schönheit. Alles war im Fluss. Und auch der Existenzdruck, die Wachstumsbesoffenheit und der Leistungsfokus, die bei uns als der fortschrittlichste Weg, als die Normalität den Massen verkauft werden, waren kaum zu fühlen. Einfach nur entspannt Mensch sein, ohne irgendein Gedöns.

Während meiner Indienreise machte ich viele ungewöhnliche und berührende Erfahrungen. Zum Beispiel, als ich Talib beim Gang auf den Arunachala Berg kennen lernte. Und das kam so. Meine Tante und ich, wir ruhten gerade neben einem Sadhu, der uns freundlicherweise eingeladen hatte neben ihm eine kleine Pause zu machen. Da tauchte ein schlanker Mann auf dem geschlängelten Steinweg nach oben auf. Er strahlte mich auf solch eine offene, weiche und natürliche Art an, dass ich wohl das gleiche machte, strahlen. Er stellte sich mir als Talib vor. Er war halb Syrier, halb Inder, war in England aufgewachsen und lebte jetzt als Gärtner in Spanien. Er war hier in Tiru nach 22 Jahren zum zweiten Mal, ebenfalls wegen seinem Bezug zu Ramana. Die nächsten 3 Stunden unterhielten wir uns wie zwei alte Vertraute, schwiegen viel und schauten von einer Felsenterasse über die Stadt, auf den riesigen Shiva-Tempel und in die weite, sonnige Ebene von Tamil Nadu. Es schien mir, als kannten wir uns bereits für immer. Er war wie der Inbegriff eines Freundes. Dann war unsere Zeit zusammen zu Ende, zumindest dieses Mal.

Und so gab es jeden Tag Dinge und Begegnungen, die reich waren und mich reich machten. Ich trank davon so viel ich konnte, ohne gierig oder hastig zu werden. Die 10 Tage kamen mir vor wie ein gut gelebtes Jahre, obwohl sie wie im Fluge vergingen. Der Kulturschock kam erst am Dubaier Luxus Airport und auf der Zugfahrt von Frankfurt nach Freiburg. Die Menschen schienen geschäftiger, enger, müder und die meisten waren für sich alleine, latent jederzeit bereit ihr Territorium zu verteidigen. Aber warum und gegen wen?

Ich glaube, wenn ich den Indern in Tiruvannamalai über Stress- oder Burnout- Bewältigung erzählt hätte, wäre ich freundlich, aber ungläubig und etwas verwirrt angeschaut worden. Wovon spricht der Europäer? Wahrscheinlich hätte der ein oder andere dann auch auf den heiligen Berg gezeigt und strahlend gesagt: Arunachala kümmert sich um alles. Und das ist gut so.

Burnout in Tiruvannamalai? Nein, außer vielleicht bei einigen Westlern ein spiritueller Burnout, keine Spur davon, obwohl es aus der unserer Perspektive viele Gründe gäbe. Ihre offenen, sanften Augen aber sprechen die Wahrheit. Was dürfen wir aus ihnen lernen? Und es ist schon eine Ironie, dass sie uns nachstreben, aber das ist eine andere Geschichte...

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