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FlowLetter (Feb. 2012) - Die Momentaufnahme

BeitragVerfasst: Donnerstag 9. Februar 2012, 08:27
von Falk
Die Momentaufnahme

Horst* war über 25 Jahre am Theater als Fotograf tätig. Er sah seine Aufgabe darin, die Stimmungen der Stücke, Schauspieler und Szenerien einzufangen. Er war gerne in seiner Arbeit, präzise im Klick und zufrieden mit seinem Gesamtwerk. Er war kein Mann der vielen Worte. Er war vom alten Schlag, nur schwarz-weiß Fotos, geschossen mit seinen alten Leica Kameras. Die digitale Revolution kam ihm verdächtig vor, zu schnell, zu künstlich, sei sie. Aber irgendwann kam auch für Horst, das Urgestein, die Zeit der wohlverdienten Rente und eigentlich auch endlich, nach all den Jahren vor und neben der großen Bühne, einen Abschied in den Ruhestand. Und so freute er sich auf den neuen Lebensabschnitt mit mehr Zeit zum Reisen, Lesen und Kultur.

Die feierliche Verabschiedung lag mittlerweile bereits etwas mehr als 3 Jahre zurück. Aber für Horst war es nicht mehr feierlich. Ihm ging es nämlich in letzter Zeit immer schlechter. Er fühlte oft keine Kraft mehr, hatte viele Ängste, war ohne Ziel und Antrieb, selbst wenn die Kinder auf einen kurzen Besuch vorbei kamen. Die innere Schwere plagte ihn immer öfters und tiefer. Und sie kam nicht vom Altern.

Gebückt und allein, so lernte ich ihn kennen. Seine Frau hatte ihn in unser Zentrum geschickt. Er wäre selbst wohl nicht zu uns gekommen, ohne ihr gutes, aber ständiges Zureden. Er war zurückhaltend, höflich und vorsichtig, auch nach unseren ersten beiden Gesprächen noch. Meditation war nicht sein Welt, aber nun gut, auch das ging, denn er musste ja etwas für sich tun. Das war ihm klar.

Als wir uns zum ersten Mal für eine Übung der Stille (Meditation) hinsetzen, wies er mich anfangs etwas unsicher darauf hin, dass er so etwas noch nie gemacht habe. Ich antwortete ihm: «Umso besser.» Danach schlossen wir die Augen und ich führte ihn für ein paar Minuten ins Entspannen, Hiersein und in die Zwischenräume in sich selbst. Dann war auch ich still. So verbrachten wir dann die nächsten 20 Minuten zusammen, jeder nah mit und in sich selbst, mal mit Gedanken und mal ohne.

Als die Übung beendet war, schaute er mich mit weiten, offenen Augen an und sagte so aufgeregt und lebhaft, wie ich ihn bis dahin noch nicht erlebt hatte: «Ich hatte keine Ahnung, aber ich habe schon tausende Male meditiert! Wenn ich Form und Raum fotografiere, werde ich still. Ich glaube, ich bin schon viel zu lange nicht mehr still gewesen, nicht mehr hier und jetzt. Ich muss wieder anfangen zu meditieren. Ich möchte wieder Momentaufnahmen machen - für mich.» Dann grinste er verschmitzt wie ein Schelm, wie ein Kind.

Dies war der Moment als Horst wieder aufwachte, wieder begann zu atmen. Es war der Anfang eines Prozesses, der Anfang der Entdeckung von innerem Freiraum. Nach dieser Stunde, in der Horst seine ganz eigene Meditation wieder entdeckte, wurde vieles leichter und klarer in ihm. Auch heute, soviel ich weiß, geht es Horst gut, mit all den Hochs und Tiefs eben, die das Leben im Alter (und in der Jugend) so mit sich bringen kann.

In meiner Erfahrung kann theoretisch alles Meditation sein und zur Meditation werden - es kommt nur auf das wie an. Man müsste dafür aber selbstständig und offen experimentieren, forschen und schauen, auch wenn man den ersten Einstieg durch einen "Experten" findet. Was macht mich still? Was hilft mir in die Gegenwart? Was macht mich nah und mühelos? Es kann sein, dass die eigene Übung einer konkreten Form und erprobten Tradition folgt, wie einem Gebet, Tai Chi oder Zazen (eine Art der Zen-Meditation). Sie kann aber auch formlos sein, wie der achtsame Spaziergang im Wald, ein freier Tanz oder Motorrad fahren.

Der Wald- und Feldspaziergang war über viele Jahre hinweg übrigens meine Art der Meditation, mal nur 20 Minuten und oft viel länger, jeden Tag, bei Wind und Wetter. Mein Ziel hierbei war nicht zu gehen und zu grübeln, sondern einfach zu gehen und zu gehen. Das tat mir gut. Irgendwann änderte sich meine persönliche Form der Meditation und heutzutage sitze ich meist um 5 Uhr morgens bei mir im Bett, still.

Den HumanFlow Gästen, nachdem wir im Verlaufe der Kur einige Möglichkeiten zusammen praktiziert haben, empfehlen wir solch eine persönliche Meditation für sich zu entdecken und täglich, ohne dabei starr und mechanisch zu werden, für wenigstens 20 Minuten zu praktizieren. Die beste Zeit für diese Makropraktiken (Meditation) ist meist morgens. Ein paar Anregungen zu Meditationsmöglichkeiten haben wir in der HumanFlow Mediathek auf unserer Webseite gepostet.

Zusätzlich empfehlen wir aber auch Mikropraktiken (Mini-Meditation;-), meist Sekunden- und manchmal Minuten-lange Phasen der Achtsamkeit, des Loslassens und der Präsens mitten im Alltag. Beim Essen, beim Duschen, nach einem anstrengenden Treffen, kurz bevor ich den Telefonhörer abnehme, beim Zähneputzen, usw. Es gibt keine Grenzen. Keiner sieht sie mir an. Ich bin innerlich für einige Momente in Pause, immer wieder, manchmal 3 Mal am Tag und manchmal 100 Mal. Bald passiert es von alleine.

Gedankliche Freiräume werden somit von mir wieder aktiv belebt - ein Nährboden für Lebenskraft und Lebensfreude entsteht. Ich warte nicht auf bessere Umstände oder bis meine Lebenskraft erst am Ende ist. In einem Kollektiv und zu einer Zeit, in der Dinge, die zwar möglicherweise wichtig, aber nicht wirklich wesentlich sind, im Zentrum des Strebens stehen, wird die Kunst der persönlichen Balance immer wichtiger werden. Jede Person steht für sich selbst in der Verantwortung.

Was ist Deine Meditation?

(* Name geändert)

2. Wie man ein Künstler ist (von Joseph Beuys)

How to be an artist

Lasse dich fallen. Lerne Schlangen zu beobachten
Pflanze unmögliche Gärten.
Lade jemand Gefährlichen zum Tee ein.
Mache kleine Zeichen, die <<ja>> sagen und
Verteile sie überall in deinem Haus.
Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit.
Freue dich auf Träume. Weine bei Kinofilmen.
Schaukel so hoch du kannst
mit einer Schaukel bei Mondlicht.
Pflege verschiedene Stimmungen.
Verweigere dich <<verantwortlich>> zu sein.
Tue es aus Liebe.
Mache eine Menge Nickerchen.
Gib weiter Geld aus. Mache es jetzt. Das Geld wird folgen.
Glaube an Zauberei. Lache eine Menge.
Bade im Mondlicht.
Träume wilde, phantastische Träume.
Zeichne auf die Wände. Lies jeden Tag.
Stell dir vor, du wärst verzaubert. Kichere mit Kindern.
Höre alten Leuten zu. Öffne dich. Tauche ein.
Sei frei. Preise dich selbst.
Lass die Angst fallen.
Spiele mit allem.
Unterhalte das Kinde in dir.
Du bist unschuldig.
Baue eine Burg aus Decken.
Werde nass.
Umarme Bäume.
Schreibe Liebesbriefe.
… und ich sage: Tanze so viel wie möglich.

Joseph Beuys: How to be an Artist