FlowLetter (Juli 2012): Die Heldenreise

FlowLetter (Juli 2012): Die Heldenreise

Beitragvon Falk » Dienstag 10. Juli 2012, 06:05

1. Die Heldenreise

Im Chinesischen setzt sich das Wort Krise aus 2 Schriftzeichen zusammen. Das eine bedeutet Gefahr und das andere Gelegenheit. Burnout, Depression und chronische Angststörungen sind solche Gefahren, aber auch Gelegenheiten, die es nicht gilt zu unterdrücken, sondern zu meistern. Die Gefahren der Krise sind allgemeinhin bekannt. Die Gelegenheit jedoch bleibt der oberflächlichen Betrachtung verborgen, zumindest während der Krise. Sie zeigt sich erst nach der Bewältigung in der Veränderung.

Des Öfteren haben mir ehemalige Betroffene berichtet, wie wichtig die damalige Krise für ihr Leben und die Veränderungen war, auch wenn sie so etwas nicht noch einmal erleben wollen und es keinem anderen wünschen. Im Wachstumspotenzial liegt der eigentliche Sinn einer Krise.

Viele Menschen, die in einer tiefen inneren Krise steckten und erfolgreich aus ihr herausgefunden haben, sind typischerweise durch einen Prozess gegangen, der in der Nachbetrachtung einer archetypischen Heldenreise, wie die klassische Odyssee des Odysseus, ähnelt. Auf dieser Reise durch die Krise geht der Protagonist durch 6 verschiedene Phasen. Manchmal passieren im individuellen Verlauf der Krise alle Phasen auf einmal und manchmal fehlt auch eine der Phasen (vor allem die Phase der Nacht). Wenn man den Phasenverlauf aber kennt, kann man das Vertrauen entwickeln, dass die Krise für einen und nicht gegen einen ist.

Am Anfang der Reise steht immer ein Wachruf. Die Person weiß, dass sie feststeckt und etwas verändern muss. Dies ist der erste große Impuls für Handlung und Veränderung, der bei vielen bereits eine erleichternde Wirkung haben kann, nach dem Motto: Ich mache jetzt etwas für mich.

Danach folgt der Fremdenführer, das Finden eines geeigneten Führers oder Mentors für Unterstützung in dem Gefahrenbereich. Der Fremdenführer sollte sich in der Fremde auskennen (Kompetenz) und zwischen den beiden sollte eine Atmosphäre des Vertrauens herrschen. Man sollte sich gut mit der Person fühlen, sei es eine professionelle Therapeutin, Coach oder Freund. Bei Odysseus kam die Unterstützung, unter anderem, in Form der Göttin Athene und des Götterboten Hermes. Auch trägt der Fremdenführer nicht die andere Person, zumindest nicht lange, sondern führt sie in die Selbstständigkeit, sodass der Held oder die Heldin selbstständig und kompetent in der Fremde handeln kann.

Die 3. Phase ist der Fluss. Die Person begibt sich in den Fluss, schwimmt mit, anstatt sich gegen die Fluten zu stemmen. Sie lernt sich zu stellen und die eigenen Potenziale und Möglichkeiten in der Krise zu entfalten und nutzen. Hier zeigt sich der Wert oder nicht-Wert der Hinweise des Fremdenführers, der praktische Nutzen der neuen Perspektiven, Methoden und Strategien. Dieser Teil ist die Praxisarbeit, der tatsächliche Umgang des Helden/der Heldin mit Gefahr und das Entzünden von Lichtern, damit man in der Dunkelheit wieder sehen kann. Bei Odysseus war es die List im Kampf gegen den Zyklopen und das Überwinden der Zauberin Kirke mit Hilfe des heiligen Moly Krauts.

Die Nacht ist eine Phase, die nicht jede Person in einer Krise erlebt. Nur in einer äußerst schweren Krise kommt sie zum Vorschein. Dies ist eine Zeit der absoluten Hoffnungslosigkeit und Unlösbarkeit der Situation, wie sie bei einer schweren Depression vorkommt. In dieser Zeit ist der Fremdenführer besonders wichtig und wertvoll, bietet er oder sie doch Komfort, Perspektive und Sicherheit, dass der Morgen wieder kommt, auch wenn es im Moment nicht so scheint.

Danach kommt die Phase der Illumination. Ein Licht erscheint unerwarteterweise in der Dunkelheit. Eine grundlegende innere Veränderung tritt ein, ein Loslassen und die Verbindung mit einer höheren Kraft. Dies entsteht nicht unbedingt durch mein Machen, Tun und Wissen, sondern aus dem Abgeben und aus dem vom Leben-getragen-sein heraus. Akzeptanz ist ein anderer Begriff für diese Phase. Die resultierende Erfahrung ist wesentlich stärker als eine vage Hoffnung. Sie ist die stille Sicherheit, dass alles gut ist und gut gehen wird. Der innere Fremdenführer oder Spirit ist erwacht Mit der Akzeptanz entsteht der Zugang zum Wesentlichen.

Die 6. Phase ist die Rückkehr der Heldin oder des Helden in die Heimat, aber nicht mehr als die selbe Person, sondern gereifter, weiser, unabhängiger und vielleicht sogar emphatischer und liebevoller. Die Bedrohungen auf der Reise schienen zuzeiten überirdisch und manchmal viel zu lange, aber der Lohn der Mühe kommt ebenfalls von oben, tief in einem drin: ein mehr an Liebe, Stille und Freiheit.

Und so tragen Krise und Verlust, obwohl wir stets versuchen sie zu vermeiden, in ihrem Zentrum auch das Potenzial für Wachstum, das weit über die Oberfläche der Krisensituation hinausgeht. Krisen sollten nicht erfunden, heraufbeschworen oder idealisiert werden. Wenn sie aber da sind, dann sollte man mit ihnen arbeiten und bei einer schweren Krise, am besten mit einem Fremdenführer. Möglicherweise findet man dabei einen Diamanten in der eigenen Tasche.

In diesem Sinne, einen lieben Gruß und gutes Gelingen, Falk

2. Autobiographie im 5 Kapiteln (Portia Nelson)

1.
Ich gehe die Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich falle hinein.
Ich bin verloren, ich bin ohne Hoffnung.
Es ist nicht meine Schuld.
Es dauert endlos, wieder herauszukommen.

2.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich tue so, als sähe ich es nicht.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben, schon wieder am gleichen Ort zu sein.
Aber es ist nicht meine Schuld.
Immer noch dauert es sehr lange, herauszukommen.

3.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich sehe es.
Ich falle immer noch hinein, aus Gewohnheit.
Meine Augen sind offen. Ich weiß, wo ich bin.
Es ist meine eigene Schuld.
Ich komme sofort heraus.

4.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich gehe darum herum.

5.
Ich gehe eine andere Straße.

Portia Nelson
Falk
Site Admin
 
Beiträge: 215
Registriert: Freitag 14. März 2008, 18:55
Wohnort: www.humanflow.de

Zurück zu Flow Newsletter Archiv

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

cron