FlowLetter (Oktober 2012): Die Seele fegt mit

FlowLetter (Oktober 2012): Die Seele fegt mit

Beitragvon Falk » Mittwoch 2. Januar 2013, 11:23

1. Und die Seele fegt mit

Und die schöpfende Kraft (Gott) sah, dass es gut war.

Diese Stelle ist aus einer uralten Lagerfeuergeschichte, nämlich der biblischen Schöpfungs-geschichte, die seit jeher erzählt wird, damit das Wissen der Weisen nicht in Vergessenheit gerät und weiter dem Menschen dienen kann. Das Gute in der Schöpfung bezieht sich auf alle Aspekte der Schöpfung, die unbelebte und belebte Natur und natürlich auch auf den Menschen. Der Hinweis besagt, dass der Mensch von Grund auf gut ist und im Wesen Gutsein in sich trägt. Dieses Gutsein hat nichts mit falsch und richtig zu tun oder mit irgendwelchen Normen, sondern ist noch tiefer gemeint. Es geht um das Wesen eines Menschen. Dieses Wesen kann von großen und kleinen Irrtümern leicht überlagert werden (unbewusst), vor allem dann, wenn die Einflüsse von außen dementsprechend sind. Das Wesen ändert sich dadurch zwar nicht, es rückt jedoch in den Hintergrund und das Leiden in den Vordergrund.

Diese Irrtümer aufzudecken, sich selbst zu erkennen und wieder umzukehren zum einfachen und authentischen Ausdruck von sich selbst sind grundlegende Einladungen und Herausforderungen im Menschenleben. Es ist ein Zurückfinden zum einfachen puren Gutsein. Die gute Nachricht ist, man hat dazu sein ganzes Leben lang Zeit und man hat einen mächtigen Verbündeten, nämlich das Leben selbst. Wachstum und Liebe passieren so oder so, früher oder später.

Ein Lebensbereich der möglichen Irrtümer und des nicht-Wissens, ist der rechte Umgang mit Verlust, z.B. von einem geliebten Menschen, einer vertrauten Situation, von finanzieller Sicherheit, vom Happy-End Plan. Verlust gehört zum natürlichen Portfolio der menschlichen Erfahrung. Wir versuchen ihn zu vermeiden und doch gehört er zum Leben, wie der Winter zu den Jahreszeiten. In der Regel führt Verlust zu Trauer, Unsicherheit und manchmal auch zu Angst. Über einen gewissen Zeitraum ist das natürlich und gut, menschlich eben und dient zum Abbau und der Bewältigung. Auf Dauer kann sich die Trauergeschichte jedoch verdichten und sich wie eine bleischwere Decke über der Person legen. Ein Schmerzkörper entsteht. Lethargie hat sich breit gemacht und das Leiden wird zur Gewohnheit. Es ist der Beginn einer Depression, die in verschiedene Stadien der Perspektivlosigkeit münden kann.

Auch wenn Verlust unvermeidlich ist, die Länge und Intensität des Leidens sind optional, denn sie können aktiv beeinflusst werden. Das Ziel ist eine emotionale Akzeptanz. Manchen Menschen ist es sogar möglich den größtmöglichen Verlust, nämlich den Verlust des eigenen Lebens, friedlich zu begegnen. Und wenn selbst das möglich ist, dann ist alles andere ebenfalls möglich.

In der Praxis kommen regelmäßig Menschen ins HumanFlow Zentrum, die unter Verlust leiden, sich nach mehrere Monaten und manchmal Jahren immer noch nicht davon erholt haben und nach einem praktischen Weg suchen, um bald wieder zurück in Balance und Kraft zu finden. Verlust schmerzt. Ich arbeite mit diesen Menschen mit Empathie, alltäglichem Achtsamkeitstraining für inneren Freiraum, begleite sie in die Trauerarbeit und hinterfrage die Glaubensmuster der Person. Bei akuten Problemen hilft jedoch vor allem eines: Handlung und Ausrichtung auf etwas Tragendes.

Dazu die Geschichte von Peter, einem Freund.

Peter hatte überraschenderweise seinen Vater verloren und fiel über viele Wochen und Monate in eine schwere Trauer, die sich zu einer Depression entwickelt hatte. Er war lethargisch geworden, grübelte viel und sah keinen Sinn mehr in dem ganzen großen Aufwand. In dieser Zeit saß er öfters zusammengesunken auf Parkbänken im Stadtpark und schleppte sich gedanklich durch die endlosen Irrgärten seiner dunklen Gedankenwelt.

Eines Tages sprach ein fremder Mann ihn auf der Parkbank an. Er sah arabisch aus, vielleicht ein Ägypter. »Warum schaust du so traurig?«. Peter erzählte ihm, dass sein Vater vor einiger Zeit gestorben sei, dass er ihm sehr fehle und er ihn nicht loslassen könne. Der Ägypter musterte ihn mit seinen dunklen Augen und entgegnete, dass er ihn aber loslassen müsse und gab ihm folgenden Rat: »Gehe nachhause und beginne zu fegen. Fege und sage dir dabei Ich fürchte mich nicht. Immer wieder. « Dann verabschiedete sich der Ägypter und verschwand. Wer hatte den Mann geschickt?

Peter ging nachhause und begann zu fegen und zu beten. Er musste dem Rat folgen. Er fegte und fegte, bis er den Spruch nicht mehr dachte, sondern zu fühlen begann. Er hatte sich verfeinert, war in sein Herz gesunken. Das passierte nicht von jetzt auf jetzt, jedoch von jetzt auf bald. Nach und nach begann sich das Leben wieder in ihm zu regen. Er hatte begonnen wieder zu handeln und sein Spirit begann sich zu heben durch die Ausrichtung auf etwas Tragendes, etwas Höheres.

Aus dem selben Grund kann Laufen, Spazierengehen, Ausdauersportarten oder Gartenarbeit bei einer Depression Linderung verschaffen. Das Motto heißt Handlung anstatt innere Lethargie. Spirituell oder religiös geprägte Menschen können auch eine kurzes Gebet oder ein Mantra zur Wiederholung nutzen. Es kann nur gedacht oder auch laut gesungen oder gesprochen werden. Einmal reicht meist nicht aus. Viele Male. Täglich. Immer wieder Fegen. Like a madman.

Und mit diesem aktiven Impuls kommt nicht nur das Leben wieder zum Vorschein, sondern auch das innewohnende Gutsein. Lebenskraft und Mut sind die Schwestern und Brüder meines Gutseins. Ich fege nicht nur den Hof, sondern auch die Oberfläche meiner Seele. Ich müsste nur den ersten Schritt machen. Wenigstens eine Woche lang.

Aus dem Fegen erwächst Verantwortung. Ich nehme das Leben wieder an. Nach und nach, Schwung für Schwung. Und es war gut so. Danke Ägypter. Danke Vater.

In diesem Sinne, have a lovely day, Falk

2. Zitat über Hingabe (Tagore)

»Ich schlief und träumte, dass das Leben Freude sei.
Ich erwachte und erkannte, dass das Leben Hingabe ist.
Ich diente (dem Leben) und tatsächlich, Hingabe war Freude.«

Rabindranath Tagore (ind. Dichter u. Philosoph, 1869-1941)
Falk
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