FlowLetter (Dezember 2012): Ja zum Leben!

FlowLetter (Dezember 2012): Ja zum Leben!

Beitragvon Falk » Mittwoch 2. Januar 2013, 11:24

1. Ja zum Leben!

Vor etwa 12 Jahren bekam ich eine ersten bewussten Geschmack dafür, was es bedeutete im Alltag achtsam zu sein. Gleichzeitig entdeckte ich, dass dem, was ich im Kern bin, nichts fehlt, nie gefehlt hat und niemals fehlen wird. Daraus entstand etwas äußerst seltenes und gewaltiges: Veränderung im Alltag. Sie war nicht nur innen, sondern auch außen. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass eine Einsicht die Kraft hatte in kurzer Zeit etwas Grundlegendes zu ändern. Es war ein Paradigmenwechsel. Meine alte Welt kam ins Wanken und fiel. Das Neue war unendlich spannend und anziehend.

Alles was es damals brauchte, waren ein Gespräch, mein Zuhören und eine Erfahrung, die auf fruchtbaren Boden fielen. Ein alter Freund, den ich zuvor noch nie gesehen hatte, zeigte mir einen einfachen Weg, wie ich im bewegten Alltag mit der Aufmerksamkeit mehr bei und in mir verweilen konnte und führte mich zudem in eine neue und befreiende Perspektive von mir selbst. Dies waren Geschenke höchsten Ranges. Sie bereicherten mich wie Wasser, das in durstige und dankbare Erde eindringt. Vieles änderte sich in den nächsten Wochen und Monaten. Ich begann besser zu schlafen. Wurde innerlich still. Hetze, Angst und Unruhe legten sich. Ich sah wieder Sonnenuntergänge und Tautropfen auf Gräsern. Ich war berührt. Ich ging für Stunden durch den Regen. Freute mich grundlos des Lebens. Ich schwamm in einem stillen Strom der Dankbarkeit.

All das passierte, ohne dass sich meine äußeren Umstände änderten. Symptomatik ließ mich wie von alleine los. Mitgerissen vom Strom der Veränderung entwickelte sich mit der Zeit mehr und mehr Vertrauen in den Weg. Ich nannte ihn den Weg der Achtsamkeit. Ich wusste mitlerweile, dass er real war. Der Beweis war die bleibende Veränderung, die zur Norm geworden war. Ich hatte einen Schatz entdeckt an einem Ort, wo ich davor nie gesucht hatte: in meiner Hosentasche. Ganz nah in mir existierte eine Quelle von Lebenskraft. Und ich freute mich darüber.

Erst viele Jahre später verstand ich, was mit mir passiert war, denn auch wenn es mir anfangs wie Magie erschien, war es eigentlich keine. Ich hatte mich »nur« dem Leben zugewandt, hatte unbewusst Ja zum Leben gesagt. Das Leben erwiedert diese Zuwendung in Form von Lebenskraft. Ja zum Leben kann auf die unterschiedlichsten Art und Weisen geschehen. Manche sind eher an der Oberfläche und andere grundlegender. Manche sind grob und laut, andere fein und formlos. Eigentlich ist das menschliche Leben selbst eine permanente Einladung dazu ins Ja zu finden. Das Gegenteil davon wäre Widerstand, ein Nein zum Leben. Dieses innere Nein zum Leben kann jedoch so subtil sein, dass es der Person gar nicht auffällt. Und selbst wenn es einem auffällt, was könnte man gegen die alte Gewohnheit tun? Aus diesem Nein entwickelt sich früher oder später der Energiemangel, die Erschöpfung, die Schlafstörung und die stressbedingte Symptomatik, die für einen Burnout typisch sind. Nichts erschöpft mehr, als der Kampf gegen das Leben.

Als ich diese Zusammenhänge mehr und mehr in mir entdeckte, wusste ich, dass sie allgemeingültig sind. Sie würden bei jedem wirken und jedem helfen können, der sich praktisch damit beschäftigte, weitgehend unabhängig von der Schwere und der Ursache der emotionalen Erschöpfung. Ich wusste aber auch, dass jede Person das Wesentliche selbst entdecken und eigentständig die Impulse setzen müsste. Lebenskraft entsteht nicht aus Passivität. Das Leben ist aktiv.

Daraus entwickelte sich später die HumanFlow Methode. Nicht die Symptomatik stand im Fokus, sondern es ging ausschliesslich darum innerlich (und manchmal auch äußerlich) aufzuräumen. Aus Nein wurde Ja, viele Jas. Praktisch, einfach und jetzt. Und dann mal sehen, was mit dem Menschen, der Lebenskraft und der leidvollen Symptomatik passiert. Und meist passierte vieles, manchmal magisches, nie etwas nachteiliges. Mittlerweile habe ich diesen positiven Wandel hunderte Male beobachten können, auch wenn die individuellen Verläufe immer unterschiedlich voneinander sind.

Ein menschliches Leben ist nicht als Überlebenskampf gedacht. Es ist vielmehr eine ständige Einladung in ein bewusstes Ja zum Leben. Es ist eine Entdeckungsreise zum Wesentlichen. Das Leben möchte im Menschen voll und komplett gelebt und ausgedrückt werden. Daraus entsteht Erfüllung, das Potenzial, das einem jeden geschenkt wurde. Es hat nichts zu tun mit den Umständen der Person, sondern mit dem inneren Umgang mit den Umständen: das Ja, das Nein und all die Zwischentöne. Der Mensch ist hierbei ausgestatet mit der freien Wahl und dem Potenzial für Einsicht und Umkehr. Ich bin dankbar, dass es so ist.

Auch wenn es unendlich viele Ja und Nein Ebenen gibt, hier sind einige, die sich in meiner Erfahrung in Therapie und ganz allgemein in der Förderung von Lebenskraft als besonders starke Transformer erwiesen haben:
Ja zur Gegenwart: ich bin bewusst anwesend im Hier und Jetzt. Das ist mein Leben. Es gibt kein anderes. Ich atme, fühle, gehe, wasche ab, ohne gedankliche Wertung, ohne Geschichte. Ich nehme am jetztigen Leben teil. Auch Sekunden der praktischen Achtsamkeit können beginnen ein Leben zu transformieren. Ich übe immer wieder, mein Leben lang.
Ja zu mir Selbst: ich bin, das ich bin. Ich bin das, was nicht kommt und geht. Was also kommt und geht nicht? Fühle genau. Wer bin ich im Wesen? Ich bin frei, heil und ganz, ohne Makel. Ich erforsche mich selbst jenseits von Gelerntem und externen Vorgaben.
Ja zur Angst: wenn Angst, Trauer oder Schmerz mich überkommen, fühle ich in sie hinein, ohne Widerstand, Kampf oder Flucht. Ich erlaube sie, indem ich in sie eintauche und in innerer Stille ihre Quelle erforsche. Keine Geschichte, keine Gedanken, sondern reines pures Fühlen. Was passiert im Zentrum meiner Angst, wenn ich still dort verweile? Ich lasse los.
Ja zum Atmen: ich atme wieder voll, fließend und tief. Ich atme entspannt, jedoch ganz und an den Umkehrpunkten, halte ich kurz bewusst an, bevor die andere Atemrichtung beginnt. Ich sammle Kraft und lasse los.
Ja zur Realität: ich lebe in dem, wie es momentan ist, ob gut oder böse und nicht dem wie es sein sollte, könnte oder müsste. Ich finde aus dem Labyrinth meiner Vorstellung. Es gibt nur eine Realität, nämlich die, wie es momentan ist, wie ich bin und die anderen sind. Ich sage ja zu meinem Leben, selbst wenn die Realität schmerzlich ist. Die Realität ist nicht fair, aber sie befreit.
Ja zur Handlung: ich handle in meinem Verantwortungsbereich. Alles was ich komplett in der Hand habe, ist mein Handlungsbereich. Alles andere lerne ich loszulassen. Ich warte nicht, hoffe nicht, rechtfertige nicht, sondern räume auf, was in meinem Leben unaufgeräumt ist. Dafür muss ich wissen, was meine wirklichen Bedürfnisse sind und dann handeln. Schritt für Schritt, egal wie lange es dauert. Rückzug, Tricksen und Passivität sind das Gegenteil davon.
Ja zur höhere Kraft: auch wenn ich alles mache, was in meiner Kraft steht und mein volles Potenzial lebe, trage nicht ich das Leben, sondern das Leben trägt mich. Ich gehe eine aktive Verbindung mit dieser Kraft ein, die jenseits von Glauben, Tradition und Religion existiert. Dafür gehe ich auf sie zu und habe mich ihr anvertraut, indem ich das »Das-Leben-trägt-mich« gesprochen, gesungen und gefühlt habe. Ich fühle das Getragensein. Ich praktiziere es. Ich fühle Dankbarkeit. Fühlen ist beten.
Das Wissen über die verschiedenen Ja Bereiche ist jedoch nur ein Teil der Veränderung. Damit im wirklichen Leben tatsächlich etwas Positives passieren kann, müssen die Impulse auf einen fruchtbaren Boden fallen. Sonst kann die Person nichts Praktisches damit anfangen. Veränderung braucht auch Willenskraft. Die Person muss ein klares Interesse am Leben haben und bereit sein etwas dafür zu tun. Es ist ein Prozess, der ein Leben lang im Gange ist und keine Pille oder etwas, das passiv konsumiert werden kann und dann funktioniert. Praxis, Praxis, Praxis - bei Sonnenschein und bei Sturm. So kann sich Tiefe entwickeln, individuelle Tiefe, jenseits von Dogma und Zwang. Eine innere Haltung kommt zum Vorschein. Es ist ein klares Ja zum Leben auf allen Ebenen des Lebens.

Hier ist meine Einladung an Dich: beginne jetzt mit dem Ja und nutze 2013, um mehr und mehr Tiefe im Ja zu entwickeln. Was bedeutet das Ja zum Leben in Deinem Leben? Finde es in Dir heraus, forsche. Wo bist Du im Nein zum Leben? Finde es heraus und höre auf damit, immer wieder.

2013 ist Dein Ja(hr). Zeige Dich, klar und einfach. Spreche nicht darüber, lebe es. Du wirst merken, wie in dir Kraft entsteht. Stress wird dabei unvermeidlich sein, aber ein Burnout ist optional.

Einen guten Rutsch von uns allen, klar, sanft und anwesend,
Falk und Angelica

2. Eine Sufi-Geschichte
Ein alter Mann und sein Sohn bestellen gemeinsam einen kleinen Hof. Sie hatten nur ein Pferd, das den Pflug zog. Eines Tages lief das Pferd fort. "Wie schrecklich ", sagten die Nachbarn, "welch ein Unglück!" "Wer weiß", erwiderte der alte Bauer, "ob Glück oder Unglück?"

Eine Woche später kehrte das Pferd aus den Bergen zurück, es brachte fünf wilde Pferde in den Stall. "Wie wunderbar", sagten die Nachbarn, "welch ein Glück!"
"Glück oder Unglück, wer weiß," sagte der Alte.

Am nächsten Morgen wollte der Sohn eines der wilden Pferde zähmen. Er stürzte und brach sich ein Bein. "Wie schrecklich. Welch ein Unglück!" "Glück?... Unglück...?"

Die Soldaten kamen ins Dorf und holten alle jungen Männer in den Krieg. Den Sohn des Bauern konnten sie nicht brauchen,darum blieb er als einziger verschont. Glück oder Unglück?

Und die Moral dieser Geschicht? Der Verstand arbeitet linear und das Leben nicht.
Falk
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