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FlowLetter (April 2013): Essenzielles Wissen I: Achtsamkeit

BeitragVerfasst: Sonntag 14. April 2013, 05:31
von Falk
1. Essenzielles Wissen I: Sei hier und jetzt

Wie angekündigt, ist dieser FlowLetter der erste Teil in einer Reihe über essenzielles Wissen. Zur Erinnerung an das, was essenzielles Wissen bedeutet, können Sie hier nochmals nachlesen. In der jetzigen Ausgabe geht es um das Wissen der Achtsamkeit.

So lange ich denken kann, gehörte in unserer Familie Meditation zur täglichen Routine, 20 Minuten morgen und 20 Minuten abends. Mein Vater war ein westlicher Yogi. So lernten wir die Praktiken von ihm in einem spirituellen Kontext kennen. Ich übte und hoffte als Kind auf die besondere Erfahrung, auf magische Kräfte und letztendlich auf die Erleuchtung, die ich mir durch indische Göttergeschichte geprägt vorstellte. Oft döste ich auch nur so vor mich hin und ließ mein letztes Fußballspiel vor dem inneren Auge Revue passieren.

Die Meditation wurde bei uns separat vom Alltag praktiziert in dem Glauben, dass der innere Friede der Sitzmeditation eines Tages irgendwie in den Alltag einfließen würde. In 20 Jahren Meditation passierte jedoch nichts dergleichen, zumindest nicht bleibend oder in schweren Lebensphasen. Ich war am Ende der jahrelangen Übung immer noch am Anfang. So gab ich nach und nach das Meditieren auf. Vielleicht konnte ich es einfach nicht. Vielleicht führte sie nicht dorthin, wo ich hinwollte. Ich wusste es nicht. Erst Jahre später sollte ich wieder einen Zugang zur Meditation finden, diesmal aber anders und ehrlich aus mir selbst heraus.

Es kam zu diesem Wandel, weil ich in einem ungewöhnlich klaren Moment und durch einen Hinweis eines Freundes erkannte, dass ich jederzeit bewusst hier und jetzt sein konnte, ohne Technik, ohne Machen und ohne Regeln. Nicht einmal die Augen musste ich dafür schließen. Nur verweilen, einfach anwesend sein, ohne direkten Vorteil (auch wenn mein Ego sich bald wieder einen daraus bastelte). Nach dieser Entdeckung begann ich bewusst achtsam zu werden, mitten im bewegten Alltag.

Jede Phase der Achtsamkeit, egal wie klein, war ein kleines Aufwachen für mich. Ich freute mich an dieser Wachheit. Und so wurde mein Alltag mehr und mehr zur Meditation, nicht dämmrig oder entrückt, sondern klar, einfach und still. Der Unterschied dieser Bewusstheitspausen zum gewohnten Gedankenschlaf war gewaltig. Ich wusste sofort, dass ich in mir etwas Grundlegendes entdeckt hatte: essenzielles Wissen. Ich war dankbar dafür. Ein Schlüssel lag in meiner Hand, scheinbar zum ersten Mal im Leben. Die tägliche Praxis und seine Wirkungsweise entfachten ungeahnte Kräfte und Einsichten, als ob sich eine innere Schleuse geöffnet hatte. Viele Zusammenhänge wurden klar. Meditation war ab da nicht mehr separat vom Alltag. Der Alltag wurde zur Meditation. Was war passiert? Ich war im Prozess nachhause zu kommen.

Gedanken an sich sind Freunde, aber nur solange ich sie habe und nutze, sie geordnet und an ihrem Platz sind. Wenn sie jedoch mich haben, das ICH überlagern und ich nicht mehr zur Ruhe komme, dann entstehen mit der Zeit Störungen und sogar Krankheit. Am Anfang des Problems stehen meist formalen Denkstörungen: Gedankeneinengung, zwanghaftes Analysieren und Bewerten, gedankliche Hyperaktivität, Grübeln, Sorgen und Gedankenverlangsamung. Bei einer Vertiefung der Muster können mit der Zeit Krankheiten, wie Burnout, Angststörungen und Depression entstehen. Man kann sie als natürliche Aufforderungen zur Veränderung der Gedankenformen und Gedankeninhalte ansehen.

Leider gibt es keinen Knopf, der die Formen und Inhalte einfach verändern kann, auch wenn manche Arzneimittelhersteller dies den Kunden glauben machen wollen. Vielleicht ist der fehlende Knopf aber auch gut so, denn dann komme ich nur durch mein eigenes klares Verstehen, die eigenen Willenskraft und die aktive Praxis aus dem Schlamassel heraus. Ich wachse an meinen Herausforderungen. Etwas authentisch Freies kann sich entwickeln.

Achtsamkeit ist eine Mittel, wie ich aktiv und in relativ kurzer Zeit ein gestörtes Gedankensystem umtrainieren kann. Ab dem Punkt, wenn man verstanden hat, wie es geht, geht es leicht. Daher laden ich Sie ein, es jetzt auszuprobieren. Sie müssten sich jedoch ein paar Momente Zeit dafür nehmen, sonst verpassen Sie den Kern. Man kann essenzielles Wissen nämlich nicht wirklich intellektuell verstehen, sondern es muss als Realität erfahren werden. Wenn Sie Glück haben, spüren und begreifen Sie das Prinzip mit jeder Zelle Ihres Körpers bereits beim ersten Versuch. Wenn Sie Pech haben erst beim 108 Versuch, aber auch das ist kaum Zeit, wenn man bedenkt, was man dafür bekommt und wie lange man schon sucht. Wurde essenzielles Wissen erst einmal erfahren, ist es unumkehrbar. Es arbeitet in und an einem auf sichtbaren und unsichtbaren Wegen.

Lassen Sie für diesen Versuch also Ihre Schultern los, so gut es geht. Lassen Sie Ihren Atem fließen und fließen Sie mit ihm mit. Lesen Sie diese Zeile jetzt ganz genau, Wort für Wort. Lesen Sie langsam. Achten Sie dabei auf die Zwischenräume zwischen den Worten und den Buchstaben. Verweilen Sie mit dem weißen Hintergrund. Freiraum. Bleiben Sie, aber ohne Mühe. Fühlen Sie jetzt nach innen. Entspannen Sie. Greifen Sie nach nichts, keine Suche, keine Kontrolle. So gut es geht, mit Gedanken oder ohne. Gedankenwolken kommen und gehen. Der Himmel bleibt. Seien Sie ganz dabei, wach, bewusst. Fühlen Sie Ihren Atemzug. Seien Sie still, hier und jetzt. Denken Sie für die nächsten 5 Atemzüge einmal nicht in Worten, Bilder oder Sprache. Mind the gap.

Wenn Sie gerade nicht durch das Lesen der Worte hetzen mussten, erahnen Sie es jetzt vielleicht: Raum, innerer Raum. Es ist eine Erfahrung, jedoch nicht von etwas Lautem oder Fassbarem. Aus der Perspektive des Verstandes ist es die Erfahrung von Nichts. In Realität ist es jedoch die Erfahrung von Etwas: Raum. Die Erfahrung ist voll von Raum: pures reines Wahrnehmen - Bewusstheit. Das ist Praxis der Achtsamkeit mitten im Alltag. Sie ist trainierbar.

Wenn Sie auch nur einen kleinen Geschmack dieses Freiraumes jetzt in sich tragen, wissen Sie was Sie für sich selbst machen können. Immer wieder, wo auch immer, so oft, so lange und so tief es geht, können Sie es praktizieren. Bitte ohne Falsch und Richtig, denn dieses erlernte Muster führt Sie in die Irre. Und keine Sorge, wenn Sie bemerken, dass Sie in Gedanken verloren sind, sind Sie bereits wieder hier und jetzt. Bleiben Sie.

Mit der Praxis kommen Tiefe und Klarheit. Jeder, der will, kann es praktizieren, denn es ist Teil des natürlichen Grundzustandes eines jeden Menschen. Jeder Mensch wird in dem Zustand reiner Bewusstheit geboren. Mit der Übung der Achtsamkeit belebe ich somit nur das, was als Potenzial sowieso vorhanden ist. Ist das Wirkungsprinzip einmal verstanden, kann ich individuell damit arbeiten. Die friedvolle Wirkung wird nicht lange auf sich warten lassen.

Wird Achtsamkeit im Alltag geübt, nenne ich es Flowtraining. So entsteht die Möglichkeit durch eine bewusste innere Ausrichtung im Gehirn mitten im bewegten Alltag einen Schalter umzulegen, auch wenn es nur für eine paar Momente ist. Diese Momente werden in kurzer Zeit wachsen. Es sind Inseln der Realität. Sie ergeben mehr und mehr ein Ganzes. Sie verbinden und heilen.

Wir Achtsamkeit in der Therapie genutzt, spricht man von Achtsamkeitstherapie. Mittlerweile gibt es etliche Studien, die die Wirksamkeit der Arbeit mit Achtsamkeit belegen. Es ist schon verwunderlich, so subtil und unscheinbar das Flowtraining auch sein mag, es hat die Kraft einem Menschenleben eine neue Richtung zu geben. Der Beleg dafür liegt in meiner Selbsterfahrung und der therapeutischen Erfahrung mit vielen anderen Menschen. Essenzielles Wissen erreicht mit ganz wenig ganz viel.

Man könnte fragen, abgesehen vom therapeutischen Nutzen, wozu das Ganze? Letztendlich, um zu erwachen. Erwachen aus einem Tiefschlaf und der Unkenntnis über sich selbst. Umso wacher der Mensch ist und umso besser er sich kennt, desto gesünder und freier wird er. Er kann immer weniger manipuliert werden, da er die Realität selbst überprüft hat und nicht den Vorgaben der anderen überlässt. Wird dieses individuelle Wissen mit der Zeit zu kollektivem Wissen, kann es eine ganze Gesellschaft in Veränderung führen.

Und jetzt liegt es mal wieder an Ihnen. Sie haben die freie Wahl, wie damals im Paradies und seit dem immer wieder. Achtsamkeit ist ein offenes Geheimnis. Sie ist zugleich Quelle, Weg und Ziel. Erwacht sie in einem Menschen, wird eine Verbindung mit sich selbst (Selbstliebe), mit mir (Nächstenliebe) und unter uns allen aktiviert. Achtsamkeit verbindet.

Im HumanFlow Zentrum nutzen wir die Achtsamkeit als eine der Grundprinzipien für die 7-tägige Flowkur , für Therapie und Selbsterfahrung. Sie hat bei uns bereits viele Menschen aus gedanklich-emotionaler Enge und chronischer Erschöpfung führen können. Um tiefer in dieses Thema einzutauchen, bieten wir vom 21.-25. April einen speziellen Achtsamkeitskurs im Münstertal an. Mehr Infos dazu hier.

Der nächste Newsletter in der Essenzielles Wissen-Reihe wird über das spannendste Museum der Welt sein: das ICH. Und irgendwie sind alle Themen miteinander verbunden. Wir laden Sie ein in sich mit zu forschen warum das so ist.

Einen achtsamen Tag, Falk

2. So nah dran (Zen von Tao-hsin)

Ein Mann sitzt mit einem Zen-Meister in einem Schnell-Restaurant. Beide essen Erbsensuppe. Der Mann möchte wissen, was es mit Zen auf sich hat. Der Meister fordert ihn auf, seine Suppe zu betrachten. Der Mann tut es. “Näher, näher . . .” sagt der Meister. Als der Mann schon fast die Suppe mit der Nasenspitze die berührt, nimmt der Meister seinen Löffel und schlägt in dessen Suppe. Der Mann, vollkommen überrascht und bekleckert, verlässt verärgert das Lokal. Darauf der Meister leise und nachdenklich zu sich selbst: “Schade, wo er so nah dran war.”