FlowLetter (Juni 2013): Ich fühle mit.

FlowLetter (Juni 2013): Ich fühle mit.

Beitragvon Falk » Donnerstag 27. Juni 2013, 20:36

1. Ich fühle mit.

Der althochdeutsche Begriff »barmen« bedeutet das Umarmen des Kindes durch die Mutter für mehr Sicherheit und Geborgenheit. Das Wort Barmherzigkeit hat sich aus dieser sprachlichen Wurzel entwickelt. Die Buddhisten nennen es Mitgefühl. Mitgefühl ist ein weiblicher Ausdruck des Lebens. Die göttliche Mutter, einschließlich Mutter Natur, Mutter Maria, Tara und andere sind die symbolischen Botschafter, die uns Menschen an diese Sicherheit und Geborgenheit erinnern sollen. Ihnen sei Dank, haben sie doch vielen Menschen über Jahrtausende Halt in Leiden und Krise bieten können.

Achtsamkeit ohne lebendiges Mitgefühl, passt auf Dauer nicht zusammen. Etwas fehlt. Offensichtlich sind gewissen Edelsteine, die in der Praxis der Achtsamkeit enthalten sind, noch nicht erkannt worden. Mitgefühl wird oft missverstanden und mit einer einseitigen Aufopferung gleichgesetzt. So war das aber, glaube ich, nie gemeint. Die Qualität des Mitgefühls besitzt mehrere Nuancen, dessen Reflexion, Erfahrung und Übung sich lohnt, vermitteln sie doch nur im Gleichgewicht ein harmonisches Ganzes. Mitgefühl anderen gegenüber bei gleichzeitiger Rücksichtslosigkeit sich selbst gegenüber ist kein Mitgefühl, sondern ein Irrtum, der sich früher oder später im Leben als mehr Leiden zeigen würde. Alle Ungleichgewichte, alles Unbewusste kommt früher oder später auf den Tisch, damit der Menschen es sehen und daran wachsen kann.

Es gibt drei Ebenen des Mitgefühls. Es gibt zum einen das Mitgefühl dem anderen gegenüber. Das ist die bekannteste Art des Mitgefühls. Dann gibt es noch das Mitgefühl der oder des anderen einem selbst gegenüber. Damit diese Art des Mitgefühls fließen kann, braucht es Deine Annahme des Mitgefühls. Erst dann schließt sich der Kreis und die Energie kann frei fließen. Der oder die andere kann die göttliche Mutter oder jemand irdisches sein, wie der Freund, eine Therapeutin oder auch die Eltern. Das Gebet ist die traditionelle Art, um Mitgefühl durch die höhere Kraft zu erbitten und zu erfahren. Fühlen wirst Du es jedoch nur, wenn Du offen dafür bist und lauscht.

Die dritte Art des Mitgefühls ist Dir selbst gegenüber. Dieser Aspekt geht in der Praxis am leichtesten unter und wird manchmal sogar mit Egoismus verwechselt. Selbst-Mitgefühl ist jedoch weit vom Egoismus entfernt. Im Gegenteil, es bietet sogar eine Basis für nicht-Egoismus. Mitgefühl kennt keine Lösung und braucht keine Lösung. Es fühlt nur mit.

Damit Mitgefühl überhaupt erst entstehen kann, existiert eine Voraussetzung: Leiden. Ohne Leiden, kein Mitgefühl. Das Leiden muss also erst einmal wahrgenommen, als Leiden erkannt und zugelassen werden. Mag das Leiden letztendlich auch nur auf Irrtümern und Missverständnissen basieren, es zu verneinen, macht keinen Sinn, wenn es in der alltäglichen Realität des Menschen auftritt. Und selbst bei außerordentlich intelligenten, entwickelten und erwachten Menschen tritt es auf. Daher sagte der Buddha auch: Das menschliche Leben ist dem Leiden unterworfen.

Zu behaupten, Leiden gäbe es nicht oder es gibt eine Lösung für alles, stimmt nicht überein mit der alltäglichen Erfahrung im Lebensfluss, auch wenn es für den Wesenskern stimmen mag. Der Seele fehlt nichts. Die Oberfläche jedoch leidet. Ich erfahre Leiden. Ich leide. Das Besondere an diesem Zulassen ist, dass wenn das innere Leiden seinen Platz erhalten hat, dann kannst Du ihm Dein Mitgefühl entgegen bringen. Fühle mit. Begegne dem Leiden mit Mitgefühl.

Das Leiden kann klein sein, wie ein einfacher Bauchdruck, Müdigkeit, Unruhe oder ein quälendes, lautes Leiden auf der Ebene von Psyche und Körper. Indem man dem eigenen Leiden immer wieder mit Selbst-Mitgefühl begegnet, wächst nach und nach der Selbst-Mitgefühl-Muskel. Diese Reaktion beginnt durch die Übung automatisch zu werden. Wichtig ist zu verstehen, dass es dabei nicht um ein Verlorensein in der eigenen Leidensgeschichte geht. Es geht auch nicht um das Lösen des Leidens, sondern einzig und alleine um das stille Mit-Gefühl mit dem Schmerz. Die innere Mutter wacht auf.

Wissenschaftliche Studien am Gehirn von buddhistischen Mönchen und Langzeitmeditierenden haben sogar strukturelle und funktionelle Veränderungen im Bereich der neuronalen Gefühlsempfindung durch Mitgefühl nachgewiesen.

Und so könnte der erste Zugang zum bewussten Selbst-Mitgefühl in der Praxis aussehen: Wenn Du innerlich Leiden, wie Unwohlsein, Schmerz, Unruhe, etc. wahrnimmst, sage Dir in Gedanken den Satz»ich leide!«. Du bestätigst die Anwesenheit des Leidens. Ein feines Loslassen liegt in dieser Bestätigung verborgen. Danach schaue Dir das Leiden noch genauer an. Warum leidest Du jetzt? Vielleicht bemerkst Du folgende Ursachen für das Leiden: »Ich habe Angst es nicht zu schaffen. Ich bin müde vom Kämpfen. Ich spüre Einsamkeit, weil keiner auf mich hört.« Viele Schattierungen sind möglich. Nehme sie wahr.

Ist das Leiden einmal in Dir wahr- und angenommen, sage Dir in Gedanken folgendes: »Ich habe Mitgefühl«. Dann fühle das Mitgefühl, lasse es fließen und strahlen in Richtung des Leidens. Du gibst Mitgefühl, weil Leiden da ist. Das Mitgefühl stellt keine Bedingung an das Leiden, es fühlt nur mit, verweilt. Verweile mit dem Leidenden, wie mit einem kleinen Junge oder einem kleinen Mädchen, das bitterlich weint. Eine Welle von Mitgefühl fließt in Richtung des Leidens. Meist folgt ihr die Erfahrung einer stillen Wärme, die sich wie eine Welle im Körper ausdehnt. Der Geist wird friedlich. Mache das immer wieder.

Wichtig bei der Übung ist zu verstehen, dass dies kein Trick oder Werkzeug ist, damit es einem schnell besser geht. Ich gebe einfach nur mein Mitgefühl, weil ich leide, ohne Bedingung oder dem Zwang der Lösung. Selbst-Mitgefühl ist auch kein Selbst-Mitleid. Ich leide nicht mit, ich fühle mit mir, wie eine Mutter, die in Güte ihr Kind umarmt.

Der Übergang zwischen Selbst-Mitgefühl und Selbstliebe ist fließend. Die Liebe braucht jedoch nicht einmal ein Leiden als Fokuspunkt. Sie ist noch offener, allumfassender und bedingungsloser als das Mitgefühl. Mitgefühl ist ein Aspekt der Liebe.

Das Selbst-Mitgefühl ist das, was noch übrig bleibt, wenn jemand in Selbstverantwortung alle Möglichkeiten der bewussten Krisenbewältigung ausgeschöpft hat, wenn die Verbindung zur höheren Kraft stark ist und der Mensch trotzdem noch leidet. Manchmal hilft kein Wissen oder Können. Spätestens dann ist es an der Zeit, des Gleichgewichts wegen, den Weg des Selbst-Mitgefühls zu beschreiten.

Besteht die Möglichkeit bereits vor dem lauten, großen Leiden vorbeugend mit der Praxis zu beginnen, dann nutze die Chance. Fühle die Wärme und die Sanftheit. Und wenn Du merkst, dass Du trotz aller Bemühung, Übung und Einsichten nicht voran kommst und es nicht funktioniert, genau dann ist der richtige Moment für Selbst-Mitgefühl. Das tiefere Verstehen dieses Prinzips kann Sekunden dauern oder auch Jahrzehnte. Nichts kann erzwungen werden. Ich empfehle Dir in Jahrzehnten zu denken.

Durch die Übung kann man bald die tiefere Bedeutung hinter dem alten Satz »Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst» verstehen. Selbst-Mitgefühl macht heil und ganz.

Eine bewusste Zeit,
Falk
www.humanflow.de

P.s. Anders als im letzten FlowLetter angekündigt, habe ich in dieser FlowLetter eine kleine Pause von der Reihe über die essenzielle Forschung gemacht. Mitgefühl kann nie schaden. Ich möchte das nächste Mal wieder zur Forschung zurückkehren, solange keine anderer Edelstein dazwischen kommt. Alles ist miteinander verknüpft.


2. Von der Freude und vom Leid - Khalil Gibran

Dann sagte eine Frau: Sprich uns von der Freude und vom Leid.
Und er antwortete: Eure Freude ist euer Leid ohne Maske.
Und derselbe Brunnen, aus dem euer Lachen aufsteigt,
war oft von euren Tränen erfüllt.
Und wie könnte es anders sein?
Je tiefer sich das Leid in euer Sein eingräbt,
desto mehr Freude könnt ihr fassen.
Ist nicht der Becher, der euren Wein enthält, dasselbe Gefäß,
das im Ofen des Töpfers gebrannt wurde?
Und ist nicht die Laute, die euren Geist besänftigt,
dasselbe Holz, das mit Messern ausgehöhlt wurde?
Wenn ihr fröhlich seid, schaut tief in eure Herzen,
und ihr werdet finden, daß nur das, was euch Leid bereitet hat,
euch auch Freude gibt.
Wenn ihr traurig seid, schaut wieder in eure Herzen, und ihr werdet sehen,
daß die Wahrheit um das weint, was euch Vergnügen bereitet hat.
Einige von euch sagen: "Freude ist größer als Leid",
und andere sagen: "Nein, Leid ist größer".
Aber ich sage euch, sie sind untrennbar.
Sie kommen zusammen,
und wenn einer allein mit euch am Tisch sitzt, denkt daran,
daß der andere auf eurem Bett schläft.
Wahrhaftig, wie die Schalen einer Waage hängt ihr zwischen eurem Leid und eurer Freude.

Khalil Gibran
Falk
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