Seite 1 von 1

Flow Letter (Feb 09) - Honig von Messers Schneide lecken...

BeitragVerfasst: Freitag 20. Februar 2009, 13:41
von Falk
1. Honig von Messers Schneide lecken...

Vor zwei Wochen, bei einem Vortrag vor etwa 600 Menschen in Donauwörth, lud der Benediktiner Pater und Autor Anselm Grün seine Zuhörer ein, einzutauchen in ihr inneres Haus der Stille. „Dort, wo wir heil und ganz sind, ursprünglich und authentisch, frei von Ängsten, Sorgen, Ansprüchen und Erwartungen. Dort, wo wir nicht verletzbar sind, wo das Reich Gottes in uns ist, wo sein Segen in uns ist. Dort sind wir daheim und bei uns selbst.“ Dort könne man Zufriedenheit finden und zur Ruhe kommen. Viele Menschen würden heute über Burnout oder Ausgebranntsein klagen. Das läge oft daran, dass sie die Türe ihres inneren Ofens offen stehen hätten. Und so lud er alle ein, die Türen zu schließen, die innere Stille zu genießen und sich so zu nehmen, wie man ist.

Ist der Geistliche nur ein charismatischer Selbstdarsteller, der nach neuen Schäfchen sucht, seine Bücher verkaufen möchte und religiöse Hoffnung feil bietet oder weißt er auf einen praktischen Weg der Heilung, der jenseits einer bestimmten Konfession liegt? Ohne ihn näher zu kennen, denke ich, das Zweite trifft zu.

In der Therapie von Menschen, die unter Burnout, chronischem Stress und Druck leiden, kann man beobachten, dass die Leidenssymptome in ihrer Intensität sofort abnehmen, wenn die Person beginnt, wieder praktisch bei sich zu sein. Am Anfang dieses Prozesses steht die Bereitschaft des Menschen innerlich einzutauchen, nach Innen zu spüren, ohne Ziel und Interpretation. Ein Raum eröffnet sich, formlos und doch sehr lebendig. Man beginnt sich zu spüren, jenseits von Ängsten, Sorgen, Ansprüchen, Erwartungen, Verletzungen und Gedankenlärm. Es ist, um die Worte des Paters zu nutzen, als ob man in ein inneres Haus der Stille tritt, unendlich nah und zutiefst vertraut. Manche Traditionen, wie der Buddhismus, nennen diese Ausrichtung nach Innen auch Achtsamkeit oder Bewusstheit.

Auch wenn es anfangs nur Momente der Bewusstheit sind, in diesen Momenten beginnen wir unweigerlich zu entspannen, zunehmend klarer und tiefer. Bei den meisten Menschen wird dies als ein allmählicher Prozess erfahren und bei manchen, als eine explosionsartige Veränderung. Entscheidend ist aber nicht die Geschwindigkeit, sondern die "neue" Beziehung, die wir mit uns eingehen. Es ist jedes Mal wie ein Aufwachen zu sich selbst.

Ab einem gewissen Punkt dann passiert etwas Überraschendes. Haben wir uns sonst über die Stimme im Kopf, über den Intellekt und über die Gedankeninhalte definiert, beginnen wir uns zunehmend über das was wir sind, jetzt in diesem Moment, zu verstehen. Die "neue", direkte Beziehung zu sich selbst, ist stärker geworden, als die alte Beziehung zu den gewohnten Gedankeninhalten über sich selbst. So ändert sich auch die Basis für das Selbstwertgefühl und für Selbst-Bewusstsein. Eine ungeheuerliche Last fällt von den Schultern. Die Sucht der Sorgen, Ängste, Mangel, Suche lässt los, weil wir sie nicht länger berühren müssen. Wir spüren, wie auch im bewegten Alltag wir mit schwierigen Situationen und Person zunehmend anders umgehen können. Bewusster, gelassener, offener und ehrlicher.

In dieser, unserer schnellen Zeit, eine ganz besonderes Glück. So wie Honig von Messers Schneide zu lecken...

--------------------------------------------------------------------------------

2. Der Sprung in der Schüssel (eine chinesische Kurzgeschichte)
Es war einmal eine alte chinesische Frau, die zwei große Schüsseln hatte, die von den Enden einer Stange hingen, die sie über ihren Schultern trug. Eine der Schüsseln hatte einen Sprung, während die andere makellos war und stets eine volle Portion Wasser fasste. Am Ende der lange Wanderung vom Fluss zum Haus der alten Frau war die andere Schüssel jedoch immer nur noch halb voll.

Zwei Jahre lang geschah dies täglich: die alte Frau brachte immer nur anderthalb Schüsseln Wasser mit nach Hause. Die makellose Schüssel war natürlich sehr stolz auf ihre Leistung, aber die arme Schüssel mit dem Sprung schämte sich wegen ihres Makels und war betrübt, dass sie nur die Hälfte dessen verrichten konnte, wofür sie gemacht worden war. Nach zwei Jahren, die ihr wie ein endloses Versagen vorkamen, sprach die Schüssel zu der alten Frau: “Ich schäme mich so wegen meines Sprungs, aus dem den ganzen Weg zu deinem Haus immer Wasser läuft.” Die alte Frau lächelte. “Ist dir aufgefallen, dass auf deiner Seite des Weges Blumen blühen, aber auf der Seite der anderen Schüssel nicht?” “Ich habe auf deiner Seite des Pfades Blumensamen gesät, weil ich mir deines Fehlers bewusst war. Nun gießt du sie jeden Tag, wenn wir nach Hause laufen. Zwei Jahre lang konnte ich diese wunderschönen Blumen pflücken und den Tisch damit schmücken. Wenn du nicht genauso wärst, wie du bist, würde diese Schönheit nicht existieren und unser Haus beehren.” Jeder von uns hat seine ganz eigenen Macken und Fehler, aber es sind die Macken und Sprünge, die unser Leben so interessant und lohnenswert machen. Man sollte jede Person einfach so nehmen, wie sie ist und das Gute in ihr sehen.

Also, an all meine Freunde mit einem Sprung in der Schüssel, habt einen wundervollen Tag und vergesst nicht, den Duft der Blumen auf eurer Seite des Pfades zu genießen.

(Danke für die Geschichte, Martin :-)