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FlowLetter (Jan. 2015): Du bist nicht normal

BeitragVerfasst: Samstag 24. Januar 2015, 08:13
von Falk
1. Du bist nicht normal

Es war 5 Uhr morgens. Eigentlich viel zu früh, um schon aufzuwachen. Martin war müde, konnte jedoch nicht mehr richtig schlafen, da seine Gedanken bereits ratterten. Er dachte darüber nach, was er nachher noch alles machen muss oder soll. Die Steuerunterlagen zusammenstellen, Anabel anrufen, den Garten endlich in Ordnung bringen, auf die 25 Mails in seiner Mailbox antworten, das Auto zur Werkstatt fahren und heute noch das Elterngespräch in der Schule. Es war ein Berg. »Ich schaffe das nicht. Ich will nicht mehr!», schoß ihm frustriert durch den Kopf. Trotzdem müsste er es machen, weil es ja sonst niemand machen würde.

Mit diesen Gedanken drehte sich der 39 Jahre alte Mann mit geschlossenen Augen unruhig von links nach rechts. Die Gedankenfetzen waren wirr, die Nähe des Versagens beklemmend und das Ganze schmerzvoll persönlich. Sein Gefühl schwankte zwischen Druck, Machen und Tun und einer resignierten Schwere es einfach nicht schaffen zu können. Dieser Einstieg in den Tag war nun schon seit vielen Wochen und Monaten, vielleicht sogar seit Jahren zur Gewohnheit geworden: ein Morgentief.

An diesem Morgen jedoch sollte eine überraschende Wendung geschehen. Es begann damit, dass eine ungewöhnliche Frage in ihm aufstieg. Sie kam nicht von innerhalb seiner geschlossenen Gedankenwelt, sondern von außerhalb, wie von einem unbeteiligten Beobachter des gestressten Menschen. »Bin ich eigentlich jemand, der früh aufwacht, frisch und gutgelaunt seine Dinge abarbeitet, um dann mittags seine Pflichten hinter sich gebracht zu haben und zu entspannen? War ich jemals diese Person oder bin ich anders?» Dann war er still, sucht nach Wahrheit.

Als Martin erkannte, dass wenn er ganz ehrlich mit sich ist, er morgens schon immer etwas fauler und antriebslos gewesen war und immer schon versuchte hatte etwas länger zu schlafen, machte etwas Klick in ihm. Er hat etwas Überraschendes entdeckt: er war nicht der, der er sein sollte. Er war morgens nicht frisch und voller Tatendrang, wie er sein sollte oder müsste, sondern in der Regel etwas faul und bequem, wie er ist und eigentlich auch schon immer war. Etwas Grundlegendes in ihm entspannte mit dem neuen Verständnis. Er dreht sich um, legte sich ein Kissen auf den Kopf und schlief die nächsten 2 Stunden, ohne nennenswerte Grübeleien.

Was war passiert, dass sich, trotz aller Gewohnheit, in solch einer kurzen Zeit eine derartige Entspannung einstellen konnte? Er hatte ein typisches Merkmal von sich erkannt, seine Morgenfaulheit, und irgendwie angenommen. Er hatte die wahnhafte Vorstellung, dass er morgens anders sein sollte oder müsste in einem offenen und wachen Moment loslassen können. Er ist wie er ist: nicht perfekt. Jetzt wars raus. Für Martin, den Perfektionisten, bot dies eine sofortige fühlbare Entlastung. Sie führte zu Schlaf und Regeneration.

Du kannst auf Dauer nicht anders sein, als deine Merkmale sind. Eine angelernte Störung kannst du ändern, Merkmale jedoch nicht. Du bist einzigartig in Merkmal, Talent, Aussehen und Ausdruck. Dieses Sehen und Annehmen ist der Beginn vom Ja! zu dir selbst. Auf Dauer gibt es nur diese eine Wahl: Dauerstress oder Selbstakzeptanz. Der Weg der Selbstakzeptanz bedeutet ein schrittweises Akzeptieren von dem, wie du bist: das Annehmen der Realität und das Loslassen der irreführenden Idee von dir selbst.

Du bist nicht normal und schon gar nicht gut, auch nicht schlecht, sondern einfach nur du selbst. Im Gutsein wirst du auf Dauer nicht gut sein, auch nicht in der Norm, so wie es die Eltern, die Gesellschaft, der Chef, die Nachbarn, die Kinder und andere Mitmenschen von dir wollen oder verlangen. Auch die besten Argumente können deine Natur nicht ändern. Nur im ehrlichen Selbstsein kannst du im Laufe des Lebens gut werden und aufblühen. Sei der beste Du-selbst, der du sein kannst. Das ist die Basis eines natürlichen und nachhaltigen Selbstwertes.

Als Martin morgens aufwachte, hatte er mit dem Herzen etwas Wichtiges verstanden. Es hatte ihn zum erholsamen Schlafen geführt. Heute war ein guter Tag.

Wie war es mit den anderen Bereichen in seinem Leben? Welche Merkmale von sich hatte er sonst noch nicht gesehen? Er begann sich die Bereiche anzuschauen, wo er regelmäßig im Kampf war. Mit seinen Eltern, seinen Kindern, mit Forderungen und unerfüllten Sehnsüchten. Konnte es sein, dass er in all diesen Bereichen unbewusst gegen sich und seine natürlichen Merkmale kämpfte?

Die nächsten Jahre begab sich Martin auf eine lebenslange Reise: das schrittweise Erkennen von sich selbst und dem authentischen Ausdruck. Das Schreckensgespenst von hätte-könnte-sollte wurde mit der Zeit schwächer und löste seinen gnadenlosen Würgegriff. Im Nachhinein wusste er, dass die Wurzel seiner vergangenen Ängste, Sorgen und letztendlichen Schwermut und Resignation vor allem im Kampf oder der Flucht vor dem natürlichen Selbst begründet war. Sein Schlaf war mittlerweile stabil geworden.

Jeder Perfektionist, alle die, die Versagensängste haben, von Selbstzweifel oder Minderwertigkeitskomplexen geplagt sind, viele der Ängstlichen, Zögerlichen und Depressiven, aber auch die Menschen, die unter einem ständigen Erfolgsdruck stehen, verneinen kleinere oder größere Anteil von sich selbst. Ein auf lange Sicht hoffnungsloses Unterfangen. Vorbeigelebt.

Was ist deinen Morgenfaulheit? Was sind die natürlichen Merkmale von dir selbst, wie du nicht sein sollst, jedoch insgeheim bist und wahrscheinlich immer schon warst? Die angelernte Oberflächenshow änderte nichts an der Natur.

Die Entdeckungsreise lohnt sich. Sie bedeutet mehr und mehr Freiheit von den unsichtbaren Fesseln des eigenen unbewussten Gefängnisses. Erst dann kann ich beginnen wirklich zu erfahren, was es bedeutet zu lieben was ist. Wenn ich mich annehme, kann ich die anderen annehmen. Bis dahin

Martin ist einzigartig und sich heute vieler seiner Merkmale bewusst. Ich bin Martin und du auch.

Viel Flow, Falk