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FlowLetter No. 76: Lebe aus der Fülle!

BeitragVerfasst: Samstag 18. Juli 2015, 17:59
von Falk
1. Lebe aus der Fülle!

Wir leben alle so gut, wie wir es können, aber nur ein kleiner Teil von uns hat gelernt, nachhaltig zu leben. Nachhaltigkeit ist der Zwischenraum zwischen Alles-geben und Alles-nehmen. Sie bedeutet ein Geben und eine Nehmen von einem gesunden und vitalen Fundament aus, ein Leben aus der blühenden Fülle.

Viele von uns haben gelernt, ständig alles zu geben, einschließlich die Perfektionisten, die Kämpferinnen, die Zielorientierten, die Frauen, die Kümmernden und die ewig Dienenden. Sie wurden durch ihre frühkindliche Prägung oder später Umstände konditioniert so unglaublich viel zu geben, bis nichts zum Geben mehr vorhanden ist: ein Geben bis zum Umfallen.

Sie entleeren sich für eine kurz- und mittelfristige Wertigkeit, die auf Dauer ihre Hoffnung nicht stillt. Auf Dauer verliert man mit diesem tiefen Muster immer. Weil es nicht wahr ist, tut es nicht gut. In unserem bedingungslosen Geben, Machen und Tun, liegt meist eine langfristige und unsichtbare Rücksichtslosigkeit einem selbst und den anderen gegenüber verborgen.

Es ist ein fundamentales Missverständnis, dass wir als Menschen mit relativem Wissen, relativen Kräften, relativen Fähigkeiten, relativer Haltbarkeit bedingungslos und ewiglich geben sollten, geben müssten oder geben könnten. Wir sind in unserer menschlichen Form und Ausdruck nicht absolut, sondern nur relativ. Nur die Quelle ist absolut. In unserer menschlichen Form sind wir wie die Quelle, nicht aber die Quelle selbst. Das ist ein feiner, aber gewaltiger Unterschied.

Diesen Unterschied zu sehen, mit dem Herzen zu verstehen und im alltäglichen Leben zu leben, braucht Einsicht, Demut und Zeit. Eine Lebensaufgabe. Am Ende stellen wir fest, es war ein Prozess des Sehens-was-ist, ein Prozess der zunehmenden Selbst-Wertschätzung und des natürlichen Reifens.

Egoismus ist das andere Extrem. Als Egoist nehmen wir möglichst viel Energie von außen und geben möglichst wenig ab. Das Kümmern und Teilen kommt zu kurz. Auf Dauer ist auch das eine Suppe ohne Salz. Interessant ist jedoch, dass kein Egoist jemals entschieden hat Egoist zu sein oder es zu werden. Egoismus passiert von alleine, genauso wie das bedingungslos Gebende automatisch passiert. In Indien wird dieses Passieren Karma genannt.

Obwohl sich die beiden Extreme, das Geben und das Nehmen, von unterschiedlichen Seiten des Zaunes naiv, misstrauisch oder verächtlich betrachten, sind sie doch beide auf einer Reise zum gleichen Ziel: die dynamische Mitte. Um zu lernen brauchen sie sich sogar.

Viele Menschen, die in den vergangenen Jahren ins HumanFlow Zentrum gekommen sind, hatten sich zu weit von ihrer Mitte entfernt und wollten wieder zurück zu ihr. Dabei waren es selten die Egoisten, die zu uns fanden, sondern meist die Menschenfreunde oder High-Performer (Supermütter, Multi-Tasker, Arbeitsbienen, usw.).

Auf dem Weg zurück ins alltägliche Glück, ist der erste Schritt die Einsicht, dass man eine individuelle Grenze besitzt und man sie erreicht hat. Punkt. Die Erfahrung der menschlichen Begrenztheit ist eine schmerzhafte Erkenntnis. Auf lange Sicht jedoch ist es eine wunderbare Grenze: eine Wachstumsgrenze, eine Bescheidenheitsgrenze, eine Wertschätzungsgrenze und eine Achtsamkeitsgrenze.

Indem wir unsere Begrenztheit mit dem Herzen akzeptieren, öffnet sich eine neue Unbegrenztheit, die nicht auf dem eigenen Mist gewachsen ist, sondern von einem größeren Eingebettetsein zeugt. Durch die Akzeptanz, verliert man die Idee der größte Träger des Lebens zu sein und beginnt sich mehr von ihm tragen und durchfluten zu lassen, auch wenn man sein Gepäck weiterhin selbst tragen muss.

Nach dem Bewusstwerden der Begrenztheit, geht es um den rechten Umgang mit der Grenze. Ohne erstmals etwas daran ändern zu können, werden wir uns im zweiten Schritt bewusst, wie sich Energiemangel und wie sich kein Energiemangel anfühlt; welches Verhalten, welche Menschen und welche anderen Einflüsse einem helfen Lebenskraft wachsen zu lassen und welche nicht.

Es ist ein Sensibilisierungprozess, der bis zur alltäglichen Selbstverständlichkeit oft Jahre und manchmal Jahrzehnte dauert. Aber Zeit spielt hierbei keine Rolle, denn man hat sein ganzes Leben lang dafür Zeit. Glücklicherweise gibt es auf diesem Pfad auch keine Schuld und keinen Fehler, nur Versuche und Irrtümer, Phasen des Fortschritts, des Rückschritts und des Stillstands. Das normale Leben eben. Jedes Detail trägt zum Bewusstwerden und Reifen bei, jedes hat seinen wichtigen Platz.

Sich nachhaltig zu verhalten und langfristig zu leben, will erst einmal gelernt und integriert werden. Da wir Menschen zwar alle verbunden sind, jedoch jeder in seiner individuellen Mischung einzigartig ist, gibt es auch nicht den einzigen oder richtigen Weg, dem man blind folgen könnte. Es ist ein Prozess des bewussten Erwachens und nicht des blinden Tiefschlafs.

Die Einen gehen den veganen Weg, die Anderen den spirituellen, den natürlichen, den sportlichen, den tätowierten, den praktischen, usw. Viele folgen auch einfach denen, die vorausgehen. Die schier unendlichen Möglichkeiten von individuellen Wegen, die durch das allgegenwärtige Internet von Tag zu Tag noch mehr werden, machen das Ganze nicht unbedingt einfacher, aber sicherlich spannender. Wie weit kommst du auf deinem Weg zum Glück?

Die einzelnen Perspektiven, Werkzeuge, Tipps und Modelle, die auf dem eigenen Weg nützlich sein können, führen mit der Zeit automatisch zu etwas Größerem: einem bewussten Lifestyle. Immer mehr Menschen treffen und verbinden sich im Lifestyle. Irgendwann geben wir ihn weiter an die Menschen, um uns herum. Dann die Eltern an ihre Kinder, und die Kinder wiederum an ihre Kinder. Eine Dynamik entsteht und die Selbstverständlichkeit der Lebensart wächst.

In einer Zeit von überfüllten Flüchtlingsheimen, steigender Ungleichheit, optimierter Leistungsdichte, hoher Lebenskomplexität und wachsenden Anforderungen, wird der bewusste Lifestyle ein notwendiger Anker, der Halt und Sicherheit bietet. Von dieser gesunden Basis aus, bewege dich.

Viele von uns müssen erst noch lernen aus einer langfristigen Fülle heraus zu geben, anstatt ständig auszufließen. Die gute Nachricht ist, Fülle ist möglich und wir alle können es. Unser natürlicher Grundzu-stand ist nämlich zu blühen. Der Weg dorthin ist der Weg der kleinen und großen Schritte. Gehe ihn! Schritt für Schritt.

Die Beschäftigung mit der individuellen Grenze ist übrigens nichts Neues (siehe den folgenden Text aus dem frühen Mittelalter). Es war schon immer wichtig, sich um die persönliche Nachhaltigkeit zu kümmern, vor allem für die, die viel zum Geben haben und freigiebig geben.

2. Die Schale

Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist. Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter.

Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen, und habe nicht den Wunsch, freigiebiger zu sein als Gott. Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird sie zur See. Du tue das Gleiche! Zuerst anfüllen und dann ausgießen.

Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen. Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst. Wenn du nämlich mit dir selber schlecht umgehst, wem bist du dann gut? Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle; wenn nicht, schone dich.

Bernhard von Clairvaux, Priester & Macher (1090-1153)
Danke Blonde :-)