Seite 1 von 1

Bewusster Umgang mit Angst - im Auge des Sturms

BeitragVerfasst: Donnerstag 24. November 2011, 09:54
von Falk
Im Auge des Sturms

Es gibt unterschiedliche Formen von Angst, wie die Angst seinen Job zu verlieren, die Angst vor finanziellem Ruin, vor Harz IV, vor körperlicher Bedrohung, vor Krankheit, die Angst vor Verlust, vorm Alleinsein, vor Trennung, nicht geliebt zu werden, es nicht zu schaffen, vor der Angst selbst und die Angst vor dem Tode.

Jede dieser Ängste kann sich von harmlos (Sorgen) bis existenziell bedrohlich anfühlen, kann gelegentlich auftreten, aber auch chronisch werden (geistig-körperliche Trampelpfade) und kann für einen selbst nachvollziehbare und nicht nachvollziehbare Ursachen haben. Obwohl äußerlich unterschiedlich, haben all diese Ängste, neben einem gemeinsamen hintergründige Grundgefühl eine weitere Gemeinsamkeit: Gedanken.

Sie alle basieren auf Gedanken, auf Konzepten und auf Interpretation. Es sind konzeptionelle Ängste, bzw. psychologische Ängste, auch wenn sie im Moment der Angst nicht nur wie Gedanken, Konzepte und Potenziale wirken, sondern wie die absolute, einzige und unausweichliche Realität. In Wirklichkeit aber sind sie eine von Gedanken künstlich erschaffene Realität. Eine Überlagerung der eigentlichen Wahrheit sozusagen. Man könnte sich nämlich umschauen und würde im Hier und Jetzt keine tatsächliche Gefahr entdecken, obwohl innerlich, wie kurz vor einem plötzlich drohenden Tode alle Alarmglocken schrillen.

Der Organismus reagiert auf das komplexe Zusammenspiel von bio-chemischen Reaktionen, Gedanken, Stimmung und Gehirnaktivität mit einer erhöhten Energieausschüttung und der psychologischen Suche nach Lösungen und Auswegen aus der vermeintlich bedrohlichen Situation. Die Voraussetzungen für Kampf, Flucht und/oder Starre werden geschaffen mit dem Ziel von Sicherheit, am besten für immer und ewig. All dies geschieht blitzschnell und automatisch, in und aus der Schemenhaftigkeit des Unterbewussten heraus. Aus der Reaktion entstehen Gewohnheiten, Muster, Verknüpfungen und Kreisläufe, die immer leichter abrufbar werden und auf immer mehr Gefühle und Situationen projiziert werden können.

Es gibt aber noch eine andere Kategorie von Angst: biologische Angst. Ein frei laufender, Zähne fletschender Hund hetzt auf mich zu. In diesem Fall grübele ich nicht lange, sondern ich renne. Ich habe keine Zeit zum Grübeln, sondern bin zum Handeln gezwungen. Kein Mensch würde stehen bleiben und grübeln, auch wenn manch einer in eine Starre fallen würden. Die Strategie des individuellen Umgangs mit der Situation wird automatisch und intuitiv gewählt. Sie braucht grundsätzlich kein Wissen, sondern basiert auf Handlung. Biologische Angst braucht Handlung und psychologische Angst braucht Grübeln. Man könnte möglicherweise sogar so weit gehen und sagen, wenn keine direkte Handlung entsteht, kann ich davon ausgehen, dass es "nur" eine psychologische, eine vorgestellte Angst ist, aber keine reale.

Biologische Angst ist, auch wenn es sich nicht so anfühlt, wunderbar, denn sie hilft mir in der gelebten Realität. Sie tritt in ihrer puren Form aber nur selten auf. Zur heutigen Zeit im westlichen Europa vielleicht 50 Mal im langen Laufe eines 70-jährigen Lebens, wenn überhaupt. Die biologische Angst, ihre Ursache und meine Reaktion darauf, müsste man fast anders benennen als mit dem Wort Angst, so unterschiedlich ist Ursache und Wirkung im direkten Vergleich zur psychologischen Angst. Nennen wir sie daher lieber Instinkt. Und natürlich gibt es auch einen regen Austausch zwischen Instinkt und (psychologischer) Angst, angetrieben von gedanklicher Interpretation, die in jede noch so kleine Ritze eindringen kann.

Zurückkommend zur psychischen Angst, gibt es die Möglichkeit absolut frei von ihr zu sein? Und wenn ja, wie? Was jedenfalls nur scheinbar funktioniert, ist der Versuch das Problem auf der Ebene des Problems zu lösen. Bei dieser tief-konditionierten Herangehensweise, die vielleicht seit Jahrtausenden von Generation an Generation weitergegeben wird, versuche ich die Situation gedanklich zu verstehen, zu analysieren, zu lösen. Wenn das jetzt nicht geht, dann entwickele ich zumindest einen Plan für später. Manchmal lenkt ich mich aber auch mit der Champions League ab oder, wenn es hoffnungslos genug ist, verliere ich mich in der Unlösbarkeit der Situation und im Nähren meines armen "Ichs".

Daraus entsteht aber nicht die Freiheit von Angst, sondern nur ein Überlagern, ein Verzögern und ein temporäres Verschwinden, bis ich die Angst wieder verspüre, diesmal aber vielleicht in einer anderen Verkleidung. Es ist meine Erfahrung, dass die Muster dabei immer verzwickter, multi-dimensionaler werden und immer mehr Lebensenergie an sich binden. Mit der Zeit kann sich eine Hydra entwickeln. Aus jeden abgeschlagenen Kopf des Monsters, entwickeln sich drei neue. Die Angst wird chronisch und das Leben scheint mir zunehmend wie ein Überlebenskampf, in dem ich entweder mit viel Mühe und Kraft den Kopf über Wasser halte oder kurz ertrinke und mit Anstrengung wieder auftauche oder aber von der Angst überwältigt am Boden des Aquariums sitze und mich nicht einmal mehr wehre.

Was aber ist die Realität? Die Realität ist ein Mensch, der auf einem Stuhl sitzt, grübelt und in seinen Vorstellungen verloren ist, ohne, dass für einen Außenstehenden irgendeine momentane Gefahr erkennbar wäre. Es gibt keinen wilden Hund, keinen Hunger und Durst, kein fehlendes Dach über dem Kopf, keine tatsächliche Gefahr in der Realität, dem wirklichen Leben.

Keiner ist auf dem Wege der Analyse, des Grübelns, Planens und Denken jemals tatsächlich frei von Angst und Sorgen geworden. Der Kampf gegen eine Vorstellung durch eine andere Vorstellung kann nicht gewonnen werden, auch wenn das Leben auf der Ebene der Vorstellung sich zeitweise erträglicher oder sogar richtig gut anfühlen kann. Der Mensch wird in diesem Prozess immer besser im Denken, Grübeln und Illusionieren. Auf Dauer aber entsteht dadurch nicht Sicherheit, sondern sogar immer mehr Angst, denn der Gedanke ist die eigentliche Wurzel der Angst.

Um frei von psychologische Angst zu werden, müsste ich an der Wurzel des Problems nachschauen: meine Gedanken. Theoretisch, um frei von Angst zu sein, müsste ich frei von Gedanken sein. Ich müsste frei von der Bindung an Vorstellungen und Interpretationen werden. Dann könnte keine psychische Angst entstehen, keine bedrohliche Emotion, die mich im Spannungsfeld von Freud und Leid ertrinken lässt. Frei von Gedanken zu, heißt aber nicht, dass ich gegen sie kämpfe oder keine habe.

Wie könnte das in der Praxis aussehen?

Um die Grundlage der psychischen Angst zu entziehen und das System wieder zu "normalisieren", müsste ich mir meiner Gedanken und Gefühle bewusst sein. Das hat aber nichts mit Analyse, Erklärungen oder Worten zu tun. Ich müsste einfach innerlich still sein - so still, dass nichts mehr außer meinem Hiersein, dem formlosen Grundzustand vorhanden ist. Dieser Zustand ist kein fassbares Objekt oder besondere Erfahrung, sondern ein Hinweis auf das Subjekt, das ich bin. In diesem Zustand müsste ich ruhen, auch und vor allem dann, wenn mein Angstkörper sich zeigt. Gedanken kommen und gehen. Energie kommt und geht. Körpersignale kommen und gehen. Angst kommt und geht. Ich bleibe. Ich bin.

Ich erlaube mir, dass ich mich immer wieder im Gedanken- und Gefühlsstrom verlieren werde, aber meist nur kurz, denn ich bin wach, mühelos wach. Gedanken wollen zu mir, drücken scheinbar gegen den Rand der Stille. Dann komme ich wieder zurück zum Ich bin. Manchmal halte ich einen Gedanken fest. Manchmal verfolge ich ihn zum sequentiellen Ursprung zurück. Manchmal taucht der Satz auf: wer bin ich? Manchmal kann ich nicht sagen, ob ich etwas mache oder ob ich nichts mache. Ich bin einfach nur still. Ich bade in der Stille, die ich bin.

Kann ich die Angst beobachten, mir all der Details gewahr sein, ohne mich innerlich zu bewegen, ohne Lösung, ohne machen und tun? Es alles kommen und gehen lassen, wie Wolken am Himmel? Denke nicht darüber nach. Glaube nicht was ich schreibe, prüfe es nach. Jetzt in diesem Moment ist eine gute Zeit dafür. Und wenn Sorgen und Angst sich zeigen, dann erst recht - in aller Wachheit mitten hinein ins Auge des Sturms.

Sei still. :ugeek: