Mein Weg aus dem Burnout - Interview mit Betroffenem

Mein Weg aus dem Burnout - Interview mit Betroffenem

Beitragvon Falk » Freitag 10. Juli 2009, 06:56

Aktuelles Interview: Mein Weg aus dem Burnout-Syndrom (Haufe Verlag, Freiburg - http://www.haufe.de - neues Themenportal zum Thema Burnout)

Sich selber einzugestehen, dass es so nicht mehr weitergehen kann – vor dieser Situation stand der fünfzigjährige Markus Z.* Anfang des Jahres. Die aufreibende Arbeit als Berater in einem jungen Software-Unternehmen hatte den Familienvater schon seit längerer Zeit bis an den Rand der Leistungsfähigkeit gebracht. Der Weihnachtsurlaub sollte dann die dringend benötigte Erholung bringen. Doch schon wenige Tage danach war klar: Die Batterien sind komplett leer – an ein Weiterarbeiten ist nicht zu denken. Diagnose des Arztes: „Burnout-Syndrom“. Inzwischen ist Markus Z.* geheilt und wieder an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt. Im Gespräch mit der Haufe Arbeitsschutz-Redaktion erläutert er, wie es zum Burnout kam ...


Ihr Hausarzt hat ein „Burnout-Syndrom“ bei Ihnen festgestellt. Auf welche Symptome stützte sich diese Diagnose?

Es war das Empfinden, mich nicht mehr regenerieren zu können. Es wirkte auf mich wie ein defekter Laptop-Akku, den man die Nacht über ans Netz hängen kann, der am nächsten Tag trotzdem nach zehn Minuten schon wieder leer ist. Dazu kamen Antriebsstörungen, das Gefühl, schon von banalen Dingen überfordert zu sein, Schlaflosigkeit mit endlosen Grübeleien, Depressionen, Konzentrationsstörungen, Wortfindungsstörungen, extreme Ungeduld mit meinem Umfeld.

Schließlich habe ich bei der Arbeit absolute Anfängerfehler gemacht, einfachste Dinge übersehen. Immer öfter vergaß ich Details und musste mehrfach nachfragen, was wir in Teambesprechungen vereinbart hatten. Mein Arbeitstempo wurde immer langsamer. Am liebsten wollte ich still in einer Ecke sitzen, mit niemandem reden und nur vor mich hin starren.

Ich hatte zuvor schon seit mindestens einem Jahr das Gefühl gehabt, zuviel zu arbeiten, mir zu wenig Raum für mich selbst zu gönnen und das Gefühl für meine innere Mitte zu verlieren. Das habe ich immer wieder übergangen, bis ich das Gefühl dafür verloren hatte, wo meine Grenzen sind. Eine länger andauernde, extreme Konfliktsituation am Arbeitsplatz hat mich dann schließlich so ausgelaugt, dass nichts mehr ging.


Die Entstehung des Burnout-Syndroms wird häufig auf äußere Ursachen wie hohe Arbeitsbelastung in Verbindung mit persönlichen Faktoren wie großem Ehrgeiz oder Idealismus zurückgeführt. Bestätigen Ihre eigenen Erfahrungen diese Auffassung?

Absolut. Mein Ehrgeiz war es, immer und sofort eine Antwort auch auf schwierige Fragen zu haben, niemals nein zu sagen. Für jeden Kollegen ein offenes Ohr zu haben, der mit fachlichen oder persönlichen Problemen zu mir kam. Jedem Kunden, der mich nach einer Lösung fragte, möglichst noch am selben Tag etwas Perfektes zu präsentieren, und sei es spät in der Nacht.

Anfangs war es aufgrund eines Personalengpasses tatsächlich so, dass zuviel an mir alleine hing. Später hat sich das verselbständigt: Das Gefühl, alles alleine machen zu müssen, blieb, obwohl das in der Realität eigentlich schon längst nicht mehr der Fall war.

Schließlich landete ich bei einer 60- bis 70-Stunden-Woche. Mein typischer Arbeitsalltag sah so aus: 6:00 Uhr in den ICE, dort den Laptop aufgeklappt und gearbeitet, bis ich um 10:00 Uhr aussteige und mit dem Taxi zum Kunden fahre. Dort Projektarbeit bis 18:00 Uhr, dann ins Hotel, kurzes Abendessen, danach mit einer Flasche Wein aufs Zimmer und weiter gearbeitet bis 23:00 Uhr, manchmal auch bis weit nach Mitternacht. Morgens um 5:00 Uhr, wenn die Dämonen mich nicht mehr schlafen ließen, wieder aufgestanden und den Laptop wieder eingeschaltet, und weiter ging’s.


Was folgte nach der Diagnose „Burnout“?

Meine erste Idee war, ich brauche eine Kur. Die zweite Frage war: Wie soll das meine (ebenfalls berufstätige) Frau über sechs Wochen mit zwei kleinen Kindern alleine schaffen? Abgesehen davon war ein nicht unwesentlicher Teil des Problems ja, dass ich zu wenig Zeit für meine Familie hatte, und das letzte, was ich wollte, war, für diesen langen Zeitraum von meiner Familie getrennt zu sein. Für eine Woche herzlich gerne, aber nicht länger.

Mein Hausarzt hatte die gute Idee einer ambulanten Reha-Maßnahme, die von gleich zwei in der Nähe liegenden psychosomatischen Kliniken angeboten wird – die perfekte Lösung in dieser Situation. Nach persönlichen Gesprächen in beiden Einrichtungen konnte ich mich schnell für eine der beiden entscheiden. Jetzt brauchte ich für den Kurantrag noch die Bestätigung eines Facharztes für Psychiatrie, dass die geplante Kurmaßnahme notwendig und sinnvoll ist. Auch das war kein Problem.

Zuerst hatte ich ordentlich zu tun: Viele Arzttermine, Suche nach einer geeigneten Kur, Antrag vorbereiten und mit der Krankenkasse / dem Rentenversicherer die Details besprechen. Das war für eine begrenzte Zeit so viel, dass ich gut beschäftigt war. Aber dann war das alles erledigt, der Antrag unterwegs, und es hieß einige Wochen warten auf den Bescheid der Rentenversicherung. In der Zeit blieb ich krankgeschrieben.

Ab da musste ich mir immer wieder von Neuem selbst zugestehen, dass ich wirklich „was habe“. Es gab Situationen, da war das völlig eindeutig: Ein kurzer Einkaufsbummel in der Stadt, und ich brauchte zwei Stunden Schlaf, weil mich das völlig ausgelaugt hatte. Aber es gab auch Tage, an denen ich völlig entspannt zuhause saß mich fragte: Was machst Du eigentlich hier? Könntest doch wirklich was arbeiten! Stellst dich doch bloß an!



Welche Therapien wurden durchgeführt?

Glücklicherweise machte mir mein Arbeitgeber ein großzügiges Angebot: Die Reha-Klinik, für die ich mich entschieden hatte, bietet für Selbstzahler sogenannte Gesundheits-Wochen an. Das heißt, man verbringt auf eigene Kosten eine Art Wellness-Woche in der Reha-Klinik. Mein Arbeitgeber hat mir eine solche Gesundheitswoche spendiert, so dass ich schon mal ein wenig reinschnuppern konnte um zu sehen, was dort auf mich zukommen würde.

Während dieser Woche kamen mir Bedenken, ob mir die Therapien dort ausreichen würden. Ich hätte gar nicht genau benennen können, was ich vermisste, aber ich hatte das Gefühl, noch etwas anderes zu brauchen.

Über das Internet wurde ich auf einen Coach aufmerksam, der in einer ayurvedischen Kureinrichtung tätig ist und sich auf die Arbeit mit Burn-Out-Patienten spezialisiert hat. Nach einem persönlichen Gespräch mit ihm entschied ich mich, auf eigene Kosten eine Woche Intensivcoaching zu buchen. Dabei geht es um eine spirituell orientierte, achtsamkeitsbasierte Therapie mit starker Betonung auf Meditation. Ziel ist es, die Kraft der Stille in mir selbst wiederzufinden und inmitten der auf mich einströmenden Anforderungen mich selbst nicht zu verlieren.

Das war für mich das Entscheidende. Nach dieser einen Woche hatte ich den Schlüssel zur Lösung in der Hand: Es geht nicht vorrangig darum, zusätzliche Kompetenzen zu erwerben, Neues dazuzulernen, sich schon wieder anzustrengen. Nein, ich darf loslassen, muss mich nicht mehr hetzen lassen, sondern mache die unendlich erleichternde Erfahrung, dass tief in mir drin alles bereits da ist: Ruhe, Gelassenheit, Zufriedenheit, Bedürfnislosigkeit, Heiterkeit. Es geht nur darum, das alles freizulegen und die Kraftquelle in mir selbst wieder zu spüren. Was für eine Wohltat!

An dieser Stelle konnte ich erstmals seit Monaten wieder befreit lachen, und ab da ging es kontinuierlich aufwärts. Anschließend kam dann die sechswöchige „konventionelle“ Reha-Maßnahme mit Einzel- und Gruppenpsychotherapie, Gymnastik, Nordic Walking, Gerätetraining, Maltherapie, Bewegungstherapie, Heusäcke, Fango, Entspannungstechniken und dergleichen mehr. Alles sehr wohltuend, und für mich wunderbar komplettiert und abgerundet durch diese erste Woche Intensivcoaching.


Gab es etwas, das Ihnen besonders geholfen hat?

Siehe oben

Inzwischen arbeiten Sie wieder in Vollzeit bei Ihrer alten Firma. Wie ist die Rückkehr an Ihren Arbeitsplatz abgelaufen?

Zunächst einmal muss ich sagen, dass mein Arbeitgeber ungewöhnlich viel Verständnis für meine Situation gezeigt hat. Ich habe mit vielen Kur-Kollegen gesprochen, bei denen zum Burn-Out ein massiver Arbeitsplatzkonflikt hinzu kam, was die Rückkehr natürlich zu einer Schreckensvorstellung werden lässt.

Ich habe mit meinem Arbeitgeber eine stufenweise Wiedereingliederung vereinbart: Zunächst habe ich drei Wochen lang halbtags gearbeitet, danach drei Wochen lang sechs Stunden pro Tag und bin erst dann wieder zum vollen Pensum zurückgekehrt (das Gehalt zahlt in der Zwischenzeit, jedenfalls teilweise, die Rentenversicherung). Anfangs war ich verblüfft, wie dringend ich diese Eingliederungsregelung gebraucht habe: Ich hätte nicht erwartet, dass mich der Wiedereinstieg so schlaucht. Andererseits bin ich, mittlerweile seit einem Monat wieder Vollzeit „an Bord“, auch wieder verblüfft darüber, wie schnell ich dann doch wieder mehr leisten konnte.

Zum Glück war es auch kein Problem, einen Wechsel in meinem Aufgabengebiet zu erreichen. Ich bin gegenwärtig nur noch in Ausnahmefällen unterwegs, was einen ganz wesentlichen Teil der Belastung wegnimmt. Darüber hinaus ist es vorrangig meine eigene Verantwortung, jetzt mit einer anderen inneren Einstellung weiter zu arbeiten, die verhindert, dass ich wieder ins Hamsterrad gerate.


Was würden Sie heute anders machen, damit es erst gar nicht mehr so weit kommt?

Nichts. Ich bin dankbar dafür, wie es gekommen ist, denn ich habe viel Entscheidendes und Schönes für mich gelernt, für das ich anders nicht offen gewesen wäre. Andererseits bin ich froh, rechtzeitig gemerkt zu haben, was los ist, ohne dass ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall notwendig waren, um mich zu Besinnung zu bringen wie bei so vielen anderen. Ein Burn-Out ist eine wunderbare Chance, für die ich sehr dankbar bin.


Wir danken Ihnen für das Gespräch!

* Name von der Redaktion geändert
Falk
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