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Flow tun wollen

BeitragVerfasst: Montag 8. März 2010, 19:07
von Franzi
Lieber Falk, Liebe Forumsmitglieder

ich bin gestern Abend erst auf dieses Forum aufmerksam geworden und habe mich heute gleich registriert da es mir sehr gefällt.
Ich bin mir unsicher ob man durchaus einfach eine Frage einstellen kann da das außer von Falk nicht häufig vorkam bisher wie ich gesehen habe, und hoffe jetzt das ich hier nichts unerwünschtes tue und auch in der richtigen "Abteilung" bin, das hätte ich nicht gewollt und ich habe nichts dagegen das man meinen Beitrag verschiebt oder gar wieder löscht.
Hier mal meine Frage... Ich bemühe mich im Jetzt zu sein...meinen Gedankenstrom zu beobachten. Eigentlich habe ich das Prinzip wunderbar verstanden und kann auch deutlich erkennen was zu tun ist. Dennoch passiert es mir eben oft das ich es eben tuen möchte anstatt es einfach zu machen. Das das selbst ebenfalls ein Gedanke ist "ein tun müssen..." ist mir schon bewusst geworden. Leider habe ich aber das Gefühl, das es irgendwie tief verankert ist, das warum ich das denke, und ich es somit nur erkennen aber nicht loslassen kann. Meine Frage nun, hätte vielleicht jemand einen Tipp woran es liegen könnte? Ist es Angst? Ist es zwanghaftes kontrollieren? Bitte nicht lachen über mich, ich weiß, nur ich kann das eigentlich herrausfinden, aber ich kann es nicht erfassen. Ich tendiere aber dazu das es Kontrolle ist. Ich erhoffe mir einen Hinweis oder eine Bemerkung die mir einen stups gibt so das es sich lockert. Ich steh irgendwie auf dem Schlauch. Allein der Beitrag hilft mir schon sehr das ich es an die Oberfläche ziehen kann, da ich selbst keinen Menschen persönlich kenne der sich wie man so schön sagt damit auskennt. Ich möchte "es" was es auch ist ob Kontrolle oder dergleichen fallen lassen können.

Alles Liebe und vielen Dank im vorraus für eine Antwort

Gruss Franzi

Re: Flow tun wollen

BeitragVerfasst: Mittwoch 10. März 2010, 16:38
von Falk
Liebe Franzi,

bemühen, um im Jetzt zu sein? ja, das ist eine gute Frage, da es hier viele Missverständnisse geben kann.

Der Verstand macht die ganze Angelegenheit immer schwieriger, als sie eigentlich ist. Hier eine kleine Übung: Versuche einmal nicht im Hier und Jetzt zu sein. Versuche es so hart du kannst. Es wird dir nicht gelingen, denn du kannst nirgendwo- und nirgendwannanders sein als Hier und Jetzt. Dein Körper ist immer hier und jetzt, deine Lebendigkeit, deine Atmung, deine Gefühle und Empfindungen, dein Leben. Immer Hier und Jetzt. Auch deine Gedanken entstehen Hier und Jetzt. Nur über die Gedankeninhalte hast du die Möglichkeit mit der Aufmerksamkeit woanders zu sein, als Hier und Jetzt, nämlich in der Vorstellung, der persönlichen Geschichte über dich und alles andere. Ein Film beginnt. Du kannst dich gedanklich im Gestern, im Morgen oder in irgendeiner x-beliebigen Vorstellung aufhalten. Gedanken sind wie inneres Kino, aber mit einer Filmvorführung, die kein Ende hat. Solange der Film positiv ist, beklagt sich niemand, aber wenn der innere Film negativ oder problematisch wird (was früher oder später passieren wird), dann fängt es an ungemütlich zu werden. Die Macht der Gedanken wird durch die ihnen gegebene Aufmerksamkeit bestimmt. Dabei gilt, umso identifizierter der Mensch mit seinen Gedankenwelten ist, desto mehr wird er bestimmt durch die Gedankeninhalte. Er oder sie kann bald diese Inhalte (Vorstellung) nicht von der Realität trennen. Der Mensch, seine Stimmungen, Gefühle, Wünsche, Ängste werden zunehmend von einer komplexen Gedankenwelt kontrolliert, die mehr und mehr den natürlichen, leichten Grundzustand überlagern. Ein Kind lebt vornehmlich in und aus diesem leichten Grundzustand heraus. Es ist noch nicht trainiert in Gedankenkonstrukten herumzuirren, kennt vornehmlich das Spiel im Hier und Jetzt. Über lange Zeiträume wird der Gedankenbezug immer stärker, und der Bezug zu sich selbst, zum Denker/zur Denkerin wird schwächer, geht "verloren". Depressionen, Trauer, Ängste, Erschöpfung, etc. können entstehen, nicht nur gelegentlich, sondern als eine Grundtendenz. Es entsteht ein "Schmerzkörper", der sich permanent über Körper, Geist und Seele stülpt. Dieser Schmerzkörper ist Ausdruck des konditionierten Ungleichgewichtes.

Im Hier und Jetzt zu sein, schafft Freiräume, Freiräume in denen der Mensch sich spüren kann. Man lernt sich kennen - aber jenseits von Formen, von Wissen, von Gelerntem, von Religion, von Nationalität, von Traditionen und Konzepten. Hier und Jetzt ist aber kein fernes Ziel oder eine besonders schöne Erfahrung der Gegenwart. In den indischen Upanischaden wird es an einer Stelle als eine nicht-Erfahrung beschrieben. Es ist so nah, dass man es permanent übersieht. Es ist kein fernes Objekt, sondern das untrennbare Subjekt. Ein anderes Wort für das, was mit dem Hier und Jetzt gemeint ist, ist "Ich". Wenn man das eigene Ich erforscht, kommt man unweigerlich in das Hier und Jetzt. Der Grund dafür ist einfach, denn nur Hier und Jetzt bin ich wirklich vorhanden, nur hier und jetzt kann ich mich finden. Man wird sich seiner Selbst bewusst (daher auch das Wort Selbst-bewusst-sein, als Ausdruck für Sicherheit und Stabilität).

Dabei geht es nicht so sehr um Quantität, also wie lange schaffe ich es Hier und Jetzt zu sein oder wie lange kann ich meine Gedanken beobachten. Es ist mehr eine Frage von Vertikalität, von Qualität sozusagen. Kenne ich mich wirklich? Wer bin ich? Es ist eine Entdeckung von dem was man ist, jenseits von Gedanken, Informationen und Konzepten. Aus dieser Entdeckung entsteht Veränderung. Man muss auch nicht permanent immer wieder aufs Neue nachschauen und nachprüfen. Einmal richtig gut reicht aus. Das ist so wie beim Apfelessen. Nachdem man für einige Zeit den Apfel gekaut hat, sollte man ihn einfach schlucken, anstatt immer weiter zu kauen. Ja, ich bin, was ich bin. Ja, ich bin hier und jetzt. Ja, ich sehe, fühle und spüre mich. Man muss nicht immer weiter üben, denn irgendwann wird die Übung müßig. Wozu all der Aufwand? In dem ganzen Prozess des Bewusstwerdens darf man sich tragen lassen. Also man schaut und bemüht sich, aber wenn du merkst, es wird schwierig, dann lasse einfach los. Es ist die Leichtigkeit und nicht die Schwierigkeit des Seins. Vielleicht musst du gar nichts tun? Was wäre, wenn das Hier und Jetzt und das Erwachen sich genauso anfühlen würden, wie du dich jetzt in diesem Moment anfühlst? Schon wenn dir auffällt, dass du unbewusst in Gedanken warst, bist du bereits bewusst, du bist bereits Hier und Jetzt. Was ist also das große Problem? Etwas weniger zu denken oder weniger mit den Gedanken identifiziert zu sein, das kann hilfreich sein. Beim Üben wirst du über kurz oder lang aber wohl herausfinden, dass es dabei eigentlich nichts zum üben gibt. Es gibt hier auch kein falsch und richtig, obwohl der Verstand aus Gewohnheit das Gegenteil behauptet. Was wäre, wenn du den Verstand und das, was er dir permanent zuflüstert in Bezug auf das Hier und Jetzt nicht ganz so ernst nehmen müsstest? Wäre das nicht leichter? ;) Das Hier und Jetzt ist unendlich leicht. Innere Anziehung ist der natürliche Kompass.

Einen lieben Gruß, Falk

Re: Flow tun wollen

BeitragVerfasst: Mittwoch 17. März 2010, 13:16
von Franzi
Hallo Falk,

vielen vielen lieben Dank für Deine ausführliche Antwort!!!

Ja ich verstehe...
Den Schmerzkörper wie du ihn nennst habe ich erkannt. Er ist wie du sagst eine konsequenz des ungleichgewichtes. Ich nenne diesen Schmerzkörper Ego...Mein Problem basierte auf dem Ego. Ich habe das Ego als Vorstellung/Ereignis/Ding erkannt. Weiterhin habe ich erkannt, das es gar niemanden gibt. Es gibt wie ich meine nur das Leben selbst. Und alles was in ihm entsteht ist etwas aber es gibt niemanden dem es gehört keine instanz auserhalb des Lebens selbst. Alles geht nur aus dem Leben hervor aber nicht herraus. Oder anders das Leben hat viele Gesichter. Ein Ego/Schmerzkörper der Leid erzeugt und gleichzeitig empfängt. Oder anders der Sinn liegt in den Erscheinungen selbst nicht auserhalb. Das habe ich mal so erkannt und das Leben ist wieder leichter und kann sich besser entfalten. Vielen Dank für Deine Hilfe dafür!

Alles Gute Franzi

p.s. noch etwas hinzugefügt...mein Kontrollieren wollen oder müssen ist/war somit einfach nur lustig und wie ich jetzt meine völlig unnütz da malt man lieber ein schönes Bild. grins... danke!