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Die Kunst der Meditation (von Falk)

BeitragVerfasst: Samstag 26. November 2011, 21:14
von Falk
Die Kunst der Meditation

Über Meditation existieren unzählige Missverständnisse. Sie sei etwas spirituelles, getrennt vom Alltag oder etwas, was man lange praktizieren und üben müsse, um es zu verstehen oder sogar mit Können oder langem Sitzen zu tun habe. Sie sei geheimnisvoll. Sie diene primär der Entspannung, um mit dem Alltagsstress besser umgehen zu können. Sie sei dazu da, um irgendwo hin zu gelangen oder sich weiter zu entwickeln. Dem ist aber nicht so. Im Kern geht es um etwas ganz anderes und eigentlich ganz gewöhnliches. Sie dient dazu, um sich kennen zu lernen, aber anders als der bewegte Verstand es jemals könnte.

Was hat Meditation mit Stressbewältigung zu tun? Alles, denn Dauerstress und Burnout basieren auf dem sich-nicht-kennen oder etwas anders ausgedrückt, auf einer inneren antrainierten Fixierung auf Gedanken, Konzepte und Vorstellungen. Meditation hingegen ist eine Forschung in die entgegengesetzte Richtung, eine Forschung ins Hier und Jetzt. Sie ist eine bewusste Ausrichtung auf die Realität. Hierbei geht es nicht um eine Vorstellung über die Realität oder über das Hier und Jetzt, sondern um das Sein in der Realität: das Hiersein. Ich und mein Grundzustand. Ich, mühelos. Diese Mühelosigkeit in mir ist die ursprüngliche Quelle der Lebenskraft, das Antidot der Nachhaltigkeit bei einer stressbedingten Erschöpfung.

Während der FlowKur habe ich viele Menschen in den letzten Jahren gefragt, ob sie ihre Gedanken sind, d.h., die Stimme in ihrem Kopf. Die meisten Menschen entgegneten mit einem klaren "ja" darauf. Aber stimmt das wirklich? Hat die Person diese Antwort tatsächlich in sich für sich selbst überprüft? Wahrscheinlich nicht, denn wie sollte sie es machen?

Die meisten Mensch sind durch Gewohnheit und Training zu einem hohen Grade mit der Stimme in ihrem Kopf identifiziert, als ob Gedanke und das Ich eins wären. Diese starke Gedankenidentifikation ist die Basis der Gedankenmacht, des Gedankenlärms und der Zwangsgedanken. Die Gedanken haben den Menschen, anstatt dass der Mensch die Gedanken hat. Dies ist aber nur ein Muster, eine Gewohnheit und nicht der eigentliche Grundzustand. Da dieses Muster bei den meisten Menschen zu immer mehr Sorgen, Angst, Kampf und Leiden bis hin zu chronischem Energiemangel führt, kann man getrost behaupte, dass er auf Dauer nicht förderlich ist.

Meditation ist ein Impuls, um ein überdrehtes System wieder zu normalisieren, symptomatisch und grundlegend. Wie also geht Meditation? Von der Methodik her arbeitet sie zuerst mit der Ausrichtung auf einen Punkt, eine Form. Dieser Punkt kann ein Klang sein, ein Kerzenlicht, die Atmung, ein Wort oder Satz, Musik, ein Bild und vieles mehr. Es kann ein innerliches oder äußerliches Objekt sein, kann gröber oder ganz subtil sein, kann konkret, gedacht oder gefühlt sein. Man sollte etwas wählen, dass für die eigene Praxis leichter ist. Manchmal muss man dafür erst experimentieren. Es gibt keine bessere oder schlechtere Meditationsform, nur individuelle Unterschiede in der Resonanz, der persönlichen Schwingung mit dem Werkzeug.

Mediation kann helfen die Oberfläche des tiefen Sees, der man selbst ist, zu beruhigen, um in sich selbst einzutauchen. Tendenziell wird die gedankliche Aktivität dabei weniger werden, aber es gibt auch Zeiten und Tage, wann das nicht der Fall sein wird. Es ist entspannend keine oder kaum Gedanken zu haben, aber es ist nicht das Ziel oder eine Notwendigkeit in der Meditation. Es geht nicht um Gedankenleere. Gedanken dürfen vorhanden sein, denn alles andere wäre Gedankenkrieg. Man hat das Denken oder nicht-Denken letztendlich nicht in der Hand, weil die Gedanken und Inhalte von alleine und automatisch aufsteigen. Gedanken passieren. Worum es in der Meditation wirklich geht, ist meine Bindung an die Gedanken. Es geht um das Lösen meiner Gedankenbindung, in dem ich bei mir, in der inneren Stille verweile und immer wieder dorthin zurückkehre, mit oder ohne Gedanken. Ich bin still. Dies ist die Einladung und meine intimste Forschung.

Meditation kann nicht erzwungen werden, da ich nirgendwohin muss, außer da, wo ich bin und da bin ich bereits. Ich darf also loslassen. Ich kann auch nicht richtig oder falsch meditieren, selbst wenn der Verstand diese Einteilung wahrscheinlich anbietet. Der Schein trügt. Ich kann nur entweder in Gedanken verloren sein oder eben nicht.

Also, wie geht Meditation in der Praxis? Für viele wird der Einstieg in die Meditation am leichtesten alleine und mit Augen zu funktionieren. Suche dir morgens nach dem Aufwachen und dem frisch machen einen stillen Ort, setzte dich gerade hin und mache die Augen zu. Übe für wenigstens 10 Minuten, 7 Tage lang, ohne dich vom Resultat verwirren zu lassen. Jetzt atme ein paar Mal fließend tief ein und aus. Entspanne die Schultern, so gut es geht. Und jetzt sei innerlich still. Sei bewusst und anwesend. Verweile in dem Wachsein. Es fühlt sich ein bisschen an wie ein Vakuum. Wenn anfangs viele Gedanken da sind, nehme sie wahr, erlaube, dass sie da sind. Es spielt keine Rolle. Sei weiterhin still. Sie kommen und gehen, früher oder später. Wenn sie dich fortreisen, komme zurück. Lächle.

Wenn der Einstieg nicht so leicht geht, dann nutze folgende Variation. Am Anfang atmest und entspannst du, wie gehabt und dann fragst du dich folgende Frage: wer bin ich? Dann bist du still, schaust nach innen, hörst in die Tiefe. Keine intellektuelle Antwort, keine Worte, kein Kommentar. Wer meditiert? Du bist bewusst bei und in dir. Was ist der Grundzustand? Falls das für dich ebenfalls zu kompliziert sein sollte, dann folge den Atemzügen. Halte den Fokus und werde still mit ihnen.

In dieser Lücke, diesem Raum, verweilst du, wobei es nicht darauf ankommt, wie lange du in ihm verweilen kannst. Die Weite ist zeitlos, auch wenn es nur wie Sekunden erscheint. Es ist weder ein tun noch ein nicht-tun. Du bist. Wenn du dich in Gedanken verloren hast, kommst du, nachdem es dir aufgefallen ist, wieder zurück. Jedes Mal, wenn es dir auffällt, dass du abwesend bist, bist du bereits wieder anwesend. Du bewegst dich von Anwesenheit zu Anwesenheit. Kein Fehler, keine Schuld.

Ein Gedanke taucht auf, ganz fein und scheinbar wichtig: "jetzt meditiere ich gut" oder "ist das jetzt richtig?" oder "nachher muss ich noch etwas einkaufen". Sobald du den Gedanken merkst, verfolge ihn zurück zum Ursprung, zum Vakuum. Wenn du innerlich wach bist, wird dir dies immer wieder gelingen, bereits kurz nachdem der Gedanken geschlüpft ist. Das widerholst du immer wieder, auch wenn du dich weit im Gedankenstrom verloren hast. Du kommst immer wieder zurück zum Ursprung. Wenn die Rücksequenz nicht mehr nachvollziehbar ist, dann gehe direkt zum Ursprung zurück. Die Wer bin ich? Frage kann dir dabei ein Freund sein. Sei bewusst.

So beginnst du den Gedankenstrom sanft, aber in Klarheit zu disziplinierst. Die Gedankenbindung wird schnell schwächer. Das du es nicht kannst, ist ein weitere Trick des Verstandes. Es ist wie die Arbeit mit einem ungehorsamen Hund, der logischerweise anfangs bellt, beißt, zieht und testet. Nach seiner langen und erfolgreichen Herrschaft in deinem Haus, will er den Platz nicht einfach hergeben. Muss er auch nicht, denn weder kämpfe noch flüchte ich, bin nur still und beobachte. Deine klare und unaufgeregte Führung sind für den Hund unwiderstehlich. Und so beginnst du momenteweise immer klarer dein Hiersein zu spüren, den Grundzustand. Das Überraschende ist, dass die Lebenskraft scheinbar aus dem Nichts heraus beginnt nach oben an die Oberfläche zu strömen, obwohl du nichts machst, außer mehr bei dir zu sein. Der Hund wird still und fügig. Diese Entdeckung kann ein Leben ändern.

Wenn man einmal an der Kunst und Einfachheit der Meditation geschnuppert hat, dann beginnt der beeindruckenste Teil: die Integration in den Alltag. Eine Zeit der stillen Beobachtung und des Experimentierens beginnt. Für mich begann damit ein wunderbares Abenteuer. Im Alltag bewusst zu sein und immer bewusster zu werden. Die Möglichkeiten dazu sind grenzenlos. Ich schreibe jetzt in diesem Moment diese Zeilen und bin innerlich still und bewusst. 2 Sekunden, 3 Sekunden oder länger. Es spielt keine Rolle. Ich fühle meine Präsenz. So gut, so lange und so tief es geht. Und immer wieder bin ich in mir, bin ich Hier und Jetzt, bin ich nicht in Gedanken und Vorstellungen , sondern in der Realität, jenseits von Form, von falsch und richtig. Jedes Mal eine Befreiung. Und so putze ich meine Zähne, Goldzahn um Goldzahn. Trinke Erdinger alkoholfrei, Schluck für Schluck. Höre den Worten deines Gegenübers zu, ohne innere Antwort oder innere Worte. Gegenwärtig, höre zu.

Zunehmende Leichtigkeit ist der Anfang, der Weg und das Ziel der Meditation im Alltag. Den meisten, die sich im Alltag regelmäßig in Bewusstheit üben, kommt es vor, wie das Erlernen einer neuen Sprache, obwohl es im Ursprung um etwas unendlich vertrautes geht, nämlich heimzukehren. Meditation ist eine Einladung zur Quelle der Lebenskraft, die in dir schlummert.

Theresa von Avila, eine christliche Mystikerin aus dem 16. Jahrhundert, sagte in ihrem innerlichen Gebet: Neue Lebensenergien möchten dir zufliegen. Finde den geistlichen Weg in die Innerlichkeit und wage den ersten Schritt zur Entgrenzung. Denn die Schönheit deiner Seele möchte zum Leuchten kommen. Hört sich das nicht auch nach Meditation an? Ist das Gebet im Ursprung vielleicht ebenfalls, wie die Meditation, eine Liebesaffäre mit unendlicher Stille in dir?

Wer weiß es schon genau. Um es herauszufinden, müsstest du es in der Praxis prüfen. Ganz still in dir. Beobachtend.