Flow Letter (April 09) - Bauernweisheit

Flow Letter (April 09) - Bauernweisheit

Beitragvon Falk » Mittwoch 1. April 2009, 08:34

1. Bauernweisheit

Es drang ein vergnügtes Pfeifen aus dem Kuhstall. Ich schaute durch das offene Fenster hinein, konnte aus der Helligkeit kommend, aber nur die schemenhaften Umrisse der braunen Kühe entdecken. Muh! machte es und die Luft roch nach Erde und Mist. Ich wollte mich schon wieder abwenden und meines Weges gehen, da rief eine volle Stimme: „Ein schönes Wetter heute oder etwa nicht?“ Die Stimme gehörte einem älteren Bauern, der in gebrauchter Arbeitskleidung lässig aus dem Stall trat. Er musterte mich und lächelte mich fragend an. „Ja, wunderbar“, entgegnete ich und grinste zurück.

So kamen wir ins Gespräch und er erzählte mir von den Kühen, vom Tourismus, dem geplanten Golfplatz in der Umgebung, von der allgemeinen Hektik und dem Leben eines Landwirtes im Zillertal. „Der beste Bauer“, sagte er entspannt, „ist nicht der Bauer, der am meisten schafft, sondern der am besten beobachten kann. Die Kühe, das Wetter, die Natur und vieles andere auch.“

Intuitiv wusste ich, dass er Recht hatte. Bei wirklicher Stress- und Burnoutbewältigung verhält es sich nämlich ebenso. Umso besser der Mensch sich beobachten kann, desto zentrierter wird er und desto weniger wahrscheinlich wird es, dass destruktive Gedankenmuster ihn peinigen und erschöpfen. Das hier gemeinte Beobachten ist aber nicht nur irgendein Beobachten und psychologisches Analysieren, sondern ein Beobachten, ohne Interpretation, ohne Wissen und ohne Reaktion. Anders ausgedrückt ist es ein bei sich sein, entgegen aller gedanklichen Gewohnheit, die sich bei den meisten seit dem Kindsein irgendwie angesammelt und verdichtet hat.

Beobachten, ohne das Beobachtete zu werten. Ein Zulassen von all dem, was ist, jetzt in diesem Moment. Ein innerer Raum eröffnet sich. Praktisch, nicht theoretisch.

Zuerst beobachten wir vielleicht Gedanken und Gedankenformen, Gefühle, Erfahrungen und Signale des Körpers. Es fällt auf, dass alles kommt und alles geht. Wenn man ein unbeteiligter Zeuge ist und dem Gedankenlärm weder folgt, noch ihn unterdrückt, was würde passieren? Es wird sofort still und stiller. Beobachtung ist die Mutter aller Meditationen. Dann spürt man es: sich selbst, das was nicht kommt und geht. Es ist ruhig und friedvoll und bewusst. Es ist nicht getrennt von dem, was wir sind, und daher leicht zu übersehen.

Zum Abschied schmunzelte mir der Bauer ein „Pfiati“ entgegen und verschwandt pfeifend zurück in den Stall.

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2. Buddha und das wütende Volk (eine Kurzgeschichte)
Buddha ging einmal durch ein Dorf, und die Leute kamen und beleidigten ihn. Sie warfen ihm alle möglichen Beleidigungen an den Kopf, alle Gemeinheiten, die ihnen nur einfielen.

Buddha stand da, lauschte schweigend, aufmerksam, und sagte dann: "Danke, dass ihr zu mir gekommen seid, doch ich bin in Eile. Ich muss weiter zum nächsten Dorf, wo die Leute schon auf mich warten. Heute kann ich euch nicht mehr Zeit widmen, doch morgen auf dem Rückweg habe ich mehr Zeit. Dann könnt ihr wieder zu mir kommen, und wenn noch etwas übrig ist, was ihr mir sagen wolltet und heute nicht geschafft habt, könnt ihr mir es sagen. Doch für heute entschuldigt mich."

Die Leute konnten ihren Augen und Ohren kaum trauen: Dieser Mann war absolut ungerührt geblieben, vollkommen unbeteiligt. Einer von ihnen fragte:

"Hast du uns nicht gehört? Wir haben dich wie sonst was beleidigt, und du hast uns nicht mal geantwortet!"

Darauf erwiderte Buddha: "Wenn ihr eine Antwort haben wolltet, seid ihr zu spät gekommen. Ihr hättet vor zehn Jahren kommen sollen, dann hätte ich euch geantwortet. Doch seither habe ich aufgehört, mich von anderen Menschen manipulieren zu lassen. Ich bin kein Sklave mehr, ich bin mein eigener Meister. Ich handle nur nach meinen eigenen Vorstellungen, nicht nach denen anderer. Ich handle meinen eigenen Bedürfnissen entsprechend. Ihr könnt mich ncht dazu zwingen, irgendetwas zu tun. Es ist vollkommen in Ordnung - ihr wolltet mich beleidigen, ihr habt mich beleidigt. Seid zufrieden; ihr habt eure Absicht vollkommen erfüllt. Doch soweit es mich betrifft, nehme ich eure Beleidigungen nicht an, und wenn ich sie nicht annehme, sind sie bedeutungslos. Wenn jemand eine brennende Fackel in einen Fluss wirft, wird sie so lange brennen, bis sie den Fluss erreicht hat. In dem Augenblick, in dem sie in den Fluss fällt, erlischt das Feuer - der Fluss kühlt es ab. Ich bi n zu einem Fluss geworden. Ihr könnt mir Beleidigungen zuwerfen - sie sind wie Feuer, wenn ihr sie werft, doch in dem Augenblick, in dem sie mich erreichen, wird ihr Feuer in meiner Kühle gelöscht. Sie tun nicht mehr weh. Ihr werft Dornen - sie fallen in meine Stille und werden zu Blüten. Ich handle aus meiner eigenen inneren Natur heraus."
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