Flow Letter (August 09) - Hier und Jetzt

Flow Letter (August 09) - Hier und Jetzt

Beitragvon Falk » Freitag 7. August 2009, 05:32

1. Hier und Jetzt
Wie gewöhnlich ging der hochaufgeschossene Mann forschen Schrittes durch die Osnabrücker Fußgängerzone. Seine Augen bewegten sich unruhig, wanderten ruhelos und scheinbar wahllos von Ladenfenstern zu Personen zu Gebäudefassaden und wieder zurück zu den Personen, die in einem schier endlosen Strom auf ihn zukamen. Seine Stirn war angespannt und so war sein Körper. Wenn man genau hinschaute und die Zeichen lesen konnte, sah man, dass Druck und Sorgen in begleiteten, aber so, dass sie bereits zu ihm gehörten. Und so war er wie so oft tief in Gedanken verloren, denn die Zukunft rief nach ihm mit all ihren süßen Versprechungen, Pflichten und bedrohlichen Eventualitäten. Bloß schnelle dorthin, denn dort und dann werde ich es finden, werden die Wünsche in Erfüllung gehen. Er war so fixiert auf das morgen, dass er nur schemenhaft den Moment wahrnahm, die unbeschwerten Kinder beim Spiel, die warme Brise und die Abendsonne, die lila Blumen, die das Sandsteinhaus akzentuieren oder die schlichte Schönheit der jungen Frau vor ihrem Cappuccino. Es war so, als ob sein Körper anwesend, aber sein Geist abwesend war, eine leere Hülle sozusagen, die durch die Fussgängerzone wandelte auf der Suche nach etwas, das er als Ziel noch nie genauer hinterfragt hatte.

Er war bei weitem nicht alleine. Leicht konnte man sie an dem angespannten, in die Zukunft gerichteten Gesichtsausdruck erkennen, aber es gab sie auch in anderer Coleur, in trauriger Schwere oder angstvoller Unsicherheit. Kaum einmal jemand, der entspannt und offen, wach und anwesend ist, außer Kinder natürlich. Hin und wieder trifft man sogar einmal eine Person, die einfach vor sich hin spricht. Nein, kein Handy. Verrückt? Wohl kaum, sie spricht nur aus, den Lärm in ihrem Kopf, den die meisten Menschen nur ausdruckslos in sich tragen und nähren. Es ist dieser Lärm und nicht die Lebensumstände, den viele Menschen als Last auf ihren Schultern schleppen, der sie in die Zukunft jagen lässt oder in innerliche Mauselöscher vertreibt. Ein Lärm, der die Macht hat das Herz in den Stillstand zu treiben, den gesunden Schlaf zu rauben, einen schrillen Piepston im Ohr zu erzeugen und Menschen in Depression zu schicken. Neben der Auswirkung geistigen Unbewusstheit, erscheint die Gefahr der Schweinegrippe wie ein Spaziergang im Park.

Auch wenn es vielen Menschen als völlig normal erscheinen mag, permanent in Gedanken, Plänen, Sorgen und Unruhe unterwegs zu sein, wie fremdgesteuert zu funktionieren, ist es genau diese geistige Abwesenheit, die die Wurzel des Burnout Syndroms und vielerlei psychologischer und psychosomatischer Beschwerden darstellt. Es ist nur eine Frage der Intensität, der Dauer und der individuellen Konstitution bis der Motor überhitzt und aus dem psychologischen Ungleichgewicht heraus sich emotional, psychologische und körperliche Störungen entwickeln. Symptome formieren sich.

Wie aber finde ich zurück in mein natürliches Gleichgewicht? Es ist eine Funktion der Balance zwischen Unbewusstheit und Bewusstheit, zwischen Analyse und Stille, zwischen Form und Formlosem, zwischen Aktivität und Ruhe. Dabei geht es nicht um das eine oder das andere, sondern um ein Gleichgewicht der beiden, wie es bei den meisten Kindern noch gut zu beobachten ist. Sie sind noch nicht fixiert auf Form, auf Morgen, auf Gestern, Gedanken und Analysen. Das Leben wird gelebt im Moment, ohne übertriebene Kopflastigkeit, ohne Kampf gegen die Emotionen und die Umstände, die einfach nur kommen und gehen und obwohl noch nicht viel gewusst (und vielleicht gerade deshalb), ist das Leben meist leicht und lebenswert.

Dieses innere Gleichgewicht herzustellen und gezielt wieder in die Gelassenheit des Seins zu finden, auch und gerade unter schwierigen Umständen, ist nicht so schwer, wie es erscheint, da es sich "nur" um das Ablegen einiger, durch Gewohnheit entstandene, niemals hinterfragten geistigen Funktionsweisen handelt. Drei Funktionsweisen stehen dabei vor allem im Fokus: permanentes Denken (Sorgen), ohne Erholungspausen des nicht-Denkens, der Kampf gegen negative Emotionen und der Kampf gegen die Wahrheit, die das Leben bietet. Selbst wenn nur eine dieser drei Bereiche entlastet wird, beginnt die Person unweigerlich wieder loszulassen, von Innen nach Außen. Der Mensch kann wieder in seinen Kraftbereich zurückfinden, grundlose Zufriedenheit erfahren, die richtigen Entscheidungen fällen und sich vom Leben tragen lassen. Der Krieg hört auf, da die inneren Kriegsmuster an Kraft verlieren.

Die Antwort auf die Frage nach dem wie, ist ein offenes Geheimnis: denken, sorgen und grübeln Sie weniger. Wie macht man das? Ganz einfach, indem man das permanente Denken, Sorgen und Grübeln unterlässt. Nein, nicht unterdrücken, Sie müssen auch nicht gedankenlos werden, sondern haben jeden Moment die Wahl nicht auf die Gedankeninhalte zu reagieren. Sie nutzen diese Wahl nur nicht. Lassen Sie Gedanken kommen und gehen, nehmen Sie die Stimme im Kopf nicht so bierernst, sie ist nur ein Werkzeug für lineare Logik. Es sind spielerische Impulse, die Sie dahin gehend setzen können. Bald schon wird es ruhiger. Sie müssen nicht auf jeden Gedanken aufspringen und ihn vertiefen, ist sowieso fast alles nur Widerholung. Kommen Sie öfters wieder in den Moment, in das Hier und Jetzt. Können Sie sich jetzt wahrnehmen, fühlen, sehen? Nein, nicht über sich nachdenken, spüren Sie sich doch einfach, ohne Kommentar, so als ob Sie mit sich verschmelzen, entspannen Sie nach Innen, kommen Sie zu sich. In sich gibt es in Wirklichkeit nichts zu analysieren, alles Formlos, ganz ohne Problem (Sie müssen erst wieder nachdenken, um eines zu erzeugen). Rücken Sie wieder sich selbst ins Zentrum, denn Sie sind das Leben. Sie und Ihr Leben finden jetzt statt, jetzt in dem Moment, in dem Sie diese Worte lesen. Es gibt nur ein wirkliches Leben, aber unendlich viele Geschichten, Versionen und Eventualitäten über das Leben. Es sind diese Geschichten und das permanente Geschichtenerzählen, das irgendwann die Einfachheit des Lebens überlagert, ein falsches Ich-Gefühl erzeugt. Wachen Sie wieder auf, denn der Moment ist viel zu schön, um schlafwandelnd durch die Fußgängerzone, die Familie, die Natur und die Arbeit zu hetzen. Sie verpassen alles, was lebenswert ist. Und dafür gibt es keinen Grund.

Carpe diem, Falk

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2. Der Indianer und die Wölfe - eine Kurzgeschichte
Ein alter Indianer erzählte seinem Enkel von einer großen Tragödie und wie sie ihn nach vielen Jahren immer noch beschäftigte. „Was fühlst du, wenn du heute darüber sprichst?“ fragte der Enkel. Der Alte antwortete: „Es ist als ob zwei Wölfe in meinem Herzen kämpfen. Der eine Wolf ist rachsüchtig und gewalttätig. Der andere ist großmütig und liebevoll.“ Der Enkel fragte: „Welcher Wolf wird den Kampf in deinem Herzen gewinnen?“ „Der Wolf, den ich füttere!“ sagte der Alte.
Falk
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