Flow Letter (Dezember 09) - Ein offenes Geheimnis

Flow Letter (Dezember 09) - Ein offenes Geheimnis

Beitragvon Falk » Dienstag 8. Dezember 2009, 09:10

1. Ein offenes Geheimnis

Die junge Holländerin war bereits seit sechs Tagen als Patientin im HumanFlow Zentrum. Sie kam ursprünglich hierher, weil Sie fühlte, dass sie sich verloren hatte, seit langer Zeit nicht mehr auf ihre eigenen Bedürfnisse gehört hatte und über die Jahre hinweg alles gemacht hatte, nur um es anderen recht zu machen. Sie funktionierte nur noch, aber die Maschine war mächtig ins stottern geraten. Sie war an einem Punkt angelangt, an dem sie oft nicht mehr die normalsten Dinge, die sonst für sie ein Klacks waren, bewältigen konnte oder wollte. Sie schlief kaum noch, hatte chronische Angst entwickelt und traute sich immer seltener aus dem Haus. Die ganze Last war ihr über den Kopf gewachsen und es schien ihr, als könne sie den Weg aus der Spirale nicht mehr selbstständig finden. Bei dem Aufnahmegespräch schlug mir eine tiefe Trauer entgegen.
In den letzten Tagen aber hatte sich einiges bei ihr getan. Es ging ihr wesentlich besser. Die praktischen Übungen, um mehr im Hier und Jetzt zu sein, der offene Umgang mit der Angst und mehr Klarheit im Umgang mit der Situation zuhause hatten positive Spuren hinterlassen, hatten ihr eine erfrischend neue Perspektive eröffnet. Sie strahlte diese Veränderung aus. Vorletzte Nacht hatte sie zum ersten Mal in Monaten ganz durchschlafen können. Obwohl ich mich freute, diese Veränderung zu sehen, als Therapeut bin ich äußert vorsichtig und abwartend, wenn der Heilprozess so leicht und scheinbar linear vor sich geht. Die Erfahrung hatte mich gelehrt, dass festgefahrene Erschöpfungsmuster und das Burnout Syndrom sich nicht von heute auf morgen auflösen. Durch einen passenden Ansatz können sie zwar für ein paar Tage im Dunklen warten, überfallen die Person dann aber oft blitzartig und können sie manchmal noch tiefer in die gewohnte Hoffnungslosigkeit drücken. Es geht um alte Ängste, Unruhe, manchmal Unzulänglichkeit und Resignation. Und heute war es soweit. Das aber ist mir lieber als der permanente Sonnenschein, denn dann wird es echt und es wird menschlich, ganz ohne Make-up. Wir kommen ans Eingemachte, so wie der Mensch es im Alltag früher oder später wahrscheinlich selber erleben wird. Etwas Hilfreiches für das tägliche Leben mitzunehmen, deshalb ist sie hier.
Mit verzogenem Mund und hängenden Schultern setzte sie sich auf das große blaue Sofa, auf dem unsere Patienten für gewöhnlich sitzen. Sie schaut traurig und es war nicht schwer zu erkennen, dass heute, entgegen dem Trend der letzten Tage, die Sonne nicht schien. Ich nickte ihr verstehend zu und begann: "Ziemlich schwer heute, hmm?" Sie entgegnete:"Ja, mir geht es heute überhaupt nicht gut. Gestern war alles so gut, aber heute Morgen, als ich aufwachte, holten mich die Sorgen von zuhause ein. Meine Schwiegermutter, ich weiß nicht, ob ich die Kraft haben werde, ihr gegenüber ehrlicher zu sein. Auch die anderen Menschen hier im Hause, so nett sie gestern auch schienen, heute scheinen sie mir alle eine Last. Alles regt mich auf, selbst die Ayurveda Anwendungen. Ich weiß nicht, ob ich das alles schaffen werde und meine Gedanken drehen sind ganz wild....Ich fühle mich schwer und schlecht."
Ich schaute still in ihr Gesicht und in das, was dahinter verborgen stand. Ihre Frustration war groß, die Verzweiflung ebenfalls und ihre Suche nach Halt unüberschaubar. Als ich diese Offenheit und Verletzlichkeit spürte, wusste ich tief in mir, es ist an der Zeit für das offene Geheimnis. Leid beinhaltet manchmal das größte Potenzial für eine nachhaltige Veränderung.
Ich bot ihr an, dass wir uns diese Frustration, den Schmerz und Unruhe einmal zusammen anschauen können. "Schließe bitte einmal deine Augen...Lade bitte alles ein, was jetzt da ist. Alle Last, alle Sorgen, alle Unruhe. Sie dürfen wachsen. Gebe ihnen Raum in dir...Kein Kampf und Widerstand mehr dagegen. Auch keine Bedingungen. Wir müssen nichts auflösen und wir müssen auch nicht flüchten. Alles darf so sein, wie es gerade in dir ist. Wir wollen herausfinden, was da ist, auch wenn es sich unangenehm anfühlt. Komme aber aus den Gedanken, aus der Stimme im Kopf und aus den Bildern heraus. Spüre nur. Du musst nichts machen, nichts analysieren, nichts wissen, kein falsch und kein richtig gibt es hier...Sei still mit dir in diesem Sturm...Wo spürst du die Emotion in dir am stärksten, am lautesten? Wo ist das Zentrum der Emotion?"
Ohne Worte deutete sie auf ihren oberen Bauchbereich. So wie bei Mashya, ist dort bei vielen Menschen das körperliche Zentrum ihres Druckes, der Last und der Angst, die sie in sich aufgeladen haben. Es gibt aber auch andere Orte, wie der Hals, der Brustbereich, das Herz, der Kopf und der Nacken, wo die Leidensenergie sich ausdrücken kann. Letztendlich ist der körperliche Ausdruck der Leidensmuster der einfachste Bereich, um diese Energie für sich selbst einmal zu erkunden. Und dazu wollte ich sie anregen und begleiten.
"Lade alles ein und sei mit dir, ohne Forderungen. Es ist aber nicht ein kurzes fühlen und dann nachdenken, es ist mehr ein fühlen und noch mehr fühlen und noch mehr fühlen. Du musst dabei nichts wissen, nichts erklären, nicht flüchten, nicht kämpfen. Es kann sein, dass das Gefühl sich verändert, mehr oder weniger wird. Du lässt alles zu, einschließlich der Gedankenformen und Bilder, die im Kopfe kommen und gehen, so ähnlich wie Wolken, aber deine Aufmerksamkeit lenkst du auf die Energie. Du spürst dich, die Schwere der Emotion, gleichzeitig aber auch dich.... Wie ist es in dir jetzt? Sind viele Gedanken da oder wenige?"
Nachdem wir jetzt ein paar Minuten in stiller Schau waren, kannte ich bereits ihre Antwort auf meine Frage, zumindest wenn sie den Anweisungen wirklich gefolgt ist. "Es sind wenig Gedanken da, es ist still," antwortet sie. Diese Reaktion ist ein simpler Mechanismus, die Grundlage der Meditation. Durch die Ausrichtung auf einen Punkt beruhigt sich der Gedankenlärm. Der Mensch wird innerlich ausgerichtet und klar.
"Neben der Emotion, spüre auch einmal in das Gefühl des bei-dir-seins, aber ohne die Emotion dadurch verdrängen zu wollen. Sie darf ruhig hier bleiben, solange sie möchte. Sei dabei ganz freundlich mit dir, ganz sanft. Wie fühlt sich das bei-dir-sein an?" worauf Mashya mit klarer Stimme erwiderte, " Gut. Angenehm." Ich fragte weiter: "Ist in dir irgendetwas, dass dich bedroht?". " Nein, nichts." sagte sie mit einem gelösten Gesicht. Als sie etwas später wieder ihre Augen öffnete, mich voll verblüffter Begeisterung anlächelte, sagte sie, dass dies wie Magie sei und sie sich plötzlich wieder frei und wunderbar fühle.
Es war aber keine Magie, die sich in den letzten 10 Minuten entfaltet hatte, sondern ihr natürliches ich-Gefühl. Es ist ein offenes Geheimnis, dessen Entdeckung lediglich ein paar Minuten in Anspruch genommen hatte. Es ist wirklich, wahrhaftig vorhanden, aber durch Gewohnheit leicht zu übersehen. Im Zentrum jeder sogenannt negativen Emotion oder Stimmung, sei es Angst, Druck oder auch Verzweiflung, steckt ein Wohlgefühl, leise und ohne besonderen Grund, aber alldurchdringend. Um diese subtile Zufriedenheit zu spüren, muss man Anspruch, Kontrolle und Kampf loslassen und darf sich für eine Weile tragen lassen von dem Gefühl des bei-sich-seins. Am Anfang bedarf dies vielleicht etwas Übung und Probieren, um ein Gefühl dafür zu bekommen. Es ist aber immer da, ob man es glaubt oder auch nicht, spielt dabei keine Rolle. Wer sich "nur" einlässt, um das Unwohlsein weiterhin zu überlagern und wegzuschieben, dem bleibt der wirkliche Zugang stets verborgen. Nichts kann man dorthin mitnehmen, außer sich selbst und dafür muss man nichts zusätzliches machen. Es geschieht mühelos. Für Mashya ist es ein Schnuppern an und in ihrem Wesen, ein Schnuppern aber, dass eine mächtige Wirkung entfalten kann. In manchen alten, fernöstlichen Weisheitstradition wird es als Selbsterforschung beschrieben.
Was wäre, wenn all die Verzweifelten, die Angstvollen, die Traurigen und die Ausgebrannte die Möglichkeit hätten in aller Klarheit zu wissen, dass im Zentrum ihrer schlimmsten Emotion nichts ist, das ihnen etwas anhaben kann? Wie wären sie, wenn, jedes Mal wenn sie nachschauen, sie in sich ein leises, grundloses und unerschöpfliches Wohlgefühl verspürten?
Nein, ich spreche nicht vom Himmel auf Erden, aber von einer wesentlich besseren Lebensqualität, unabhängiger Selbstsicherheit und schrittweiser Heilung.

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2. Buddha und Gott


Eines Morgens wurde Buddha von einem Mann gefragt:"Buddha, es stimmt doch, dass es Gott gibt?" Der Buddha schaute dem Mann in die Augen und sagte: "Nein, es gibt keinen Gott!" - Einige Zeit später wurde der Buddha erneut gefragt:" Buddha, es stimmt doch, dass es keinen Gott gibt?" Und der Buddha sah auch diesem Mann in die Augen und antwortete:" Doch, es gibt einen Gott!" - Sein Freund Ananda, der dieses aufmerksam mit angehört hatte, war sehr verwirrt, doch es kam noch ein dritter Mann, der fragte den Buddha:"Buddha, ich weiß nicht was ich glauben soll, gibt es einen Gott oder nicht? Bitte hilf mir." - Gespannt lauschte Ananda, was der Buddha nun wohl antworten würde, wo er doch schon zwei ganz gegensätzliche Antworten auf die Frage nach Gott gegeben hatte. Der Buddha jedoch lud den Fragenden ein, neben ihm Platz zu nehmen, schloss die Augen, und sagte nichts. Die Einladung annehmend, nahm der Mann neben dem Buddha Platz und schloss ebenfalls seine Augen. Gemeinsam gaben sie sich schweigend dem Augenblicke hin; die Sonne war untergegangen, die Vögel hatten sich auf den Bäumen niedergelassen, schweigend genossen der Buddha und der Fragende eine Stunde lang die friedliche Ruhe des ausklingenden Tages. Dann öffnete der Mann seine Augen, berührte die Füße des Buddhas und sagte zu ihm:"Wie groß, Buddha, ist dein Mitgefühl! Ich habe die Antwort gefunden, der ich bedurfte. Ich bin dir ewig dankbar." - Noch verwirrter als zuvor konnte sich Ananda nun nicht mehr zurückhalten und bat den Buddha um eine Erklärung. Der antwortete:"Alle Menschen haben ihren eigenen Weg und alle Wege führen zum gleichen Ziel. Der beste Weg ist immer der Weg der größten Anziehung. Der erste Mann war ein Theist. Für ihn ist Gott der leichteste Weg. Der zweite Mann war ein Atheist. Nicht-Gott zieht ihn am meisten an. Der d! ritte Ma nn war ein Suchender, ohne vorgefasste Meinung, ein offenes Herz. Ihn lud ich ein, selber nachzuschauen. Es gibt so viele Wege, wie es Menschen gibt."
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