FlowLetter (Okt. 2011) - Der kollektive Burnout

FlowLetter (Okt. 2011) - Der kollektive Burnout

Beitragvon Falk » Mittwoch 19. Oktober 2011, 06:33

1. Der kollektive Burnout

Viele Gäste, die das HumanFlow Zentrum besuchen, sind, ohne sich dessen bewusst zu sein, langjährige Mitglieder des immer höher-schneller-weiter Clubs. In diesem Gesellschaftsclub gibt es Verlierer, Gewinner, viele Aufstrebende und auch ein paar Rebellen. Im Großen und Ganzen geht es um Erfolg, um Leistung, um Status, um Pflichterfüllung und um den nimmermüden Wachstum. Der Fokus des optimierten, erfolgreichen Menschen liegt im Machen, Werden und Sammeln. Das Leben folgt dabei dem Baukastenprinzip, ist zeitlich eng getacktet, man selbst ist eine Ressource und die Kinder sind Projekte. Ziel ist es, und in einem Punkt liegt die Sparkassenwerbung absolut richtig, dass bei all dem machen und tun, vor allem eines rauskommen sollte: Zufriedenheit, ohne wenn und aber. Aber sind wir heute tatsächlich zufriedener als die alte Generation? Was wäre, wenn dieses permanente Streben nach mehr und mehr gar nicht zur Zufriedenheit führt, zumindest nicht zu einer nachhaltigen. Was wäre, wenn dieser Weg ein riesen Missverständnis wäre und viele Menschen in diesem Dauerdruck-System unzufrieden und krank werden würden? Die Zahlen und Statistiken zumindest scheinen auf ein Missverständnis hinzuweisen, denn wie wäre es sonst zu erklären, dass mehr und mehr Menschen unter Dauerstress und Burnout leiden, obwohl die äußeren Umstände besser sind als jemals zuvor. Was läuft hier schief?

Auch wenn es anders erscheinen mag, eigentlich sind es nicht das System und die Umstände (zumindest meistens), die den Einzelnen in die Krise treiben, sondern vielmehr der innere Umgang mit den Umständen. Der Mensch kümmert sich oft nicht genügend um sich und seine Lebenskraft, weiß meist auch gar nicht, wie das überhaupt funktionieren soll, denn niemand hat es einem beigebracht. Und so ist jeder auf sich alleine gestellt, kann sich oft nur noch im Funktionieren verstecken. Der bessere Umgang mit der eigenen Lebenskraft handelt auch nicht davon, dass man nicht mehr Streben und Leisten sollte, denn auch das wäre wohl nicht nachhaltig. Es geht vielmehr um das für einen selbst passende Verhältnis zwischen Streben und Loslassen. In dieser Newsletter versuche ich einmal einen etwas anderen Erklärungsversuch für den Trend zum kollektiven Burnout. Wie und warum wird die Leichtigkeit des Seins für so viele von uns mit der Schwierigkeit des Werdens ersetzt?

Immer höher, schneller, weiter existiert nicht nur auf gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und sozialen Ebene, sondern vor allem auf gedanklich-emotionaler. Die Ebenen nähren sich sozusagen gegenseitig. Der geistige Marathon muss aber erst antrainiert und entwickelt werden. Er ist nicht von Anfang an vorhanden. Das Baby wird nicht mit einem Burnout geboren, auch wenn immer jüngere Menschen unter chronischer Erschöpfung leiden. Das Ganze funktioniert wie beim Fitnesstraining, denn die Gedanken adaptieren und verhalten sich wie Muskeln. Durch Training wachsen sie in Umfang und Ausdauer. In der Geschichte der Menschheit war es wahrscheinlich noch nie so laut, noch nie so schnell, noch nie so mobil, noch nie so leistungsorientiert, noch nie gab es solch eine Informationsflut, noch nie so viele Medien und noch nie war es so komplex, wie heute. Die Herausforderungen an das Denken haben sich in den letzten Jahrzehnen drastisch verändert. Das Ergebnis: wir Menschen denken mehr als jemals zuvor. Die Zunahme in gedanklicher Quantität geschieht still und fließend, so dass man sich dessen meist nicht bewusst ist. Das Wirbeln der Gedanken wird mit der Zeit zur Gewohnheit. Freiräume verschwinden, Gedankenlärm entsteht. Anfangs beginnt alles harmlos, denn das Denken hat ja auch viele nützliche Aspekte, wie die wahrlich kreativen Gedanken, die Möglichkeit von Planung und Organisation und das Lernen durch Reflektion. Der nützliche Teil ist aber nur ein kleiner Teil der Gesamtgedanken. Entgegen dem Schein, sind der größte Teil der Gedanken Wiederholungen, Konjunktive und Vorstellungen, die scheinbar alles, aber in Wirklichkeit wenig mit der Realität zu tun haben und wenig zum besseren Gelingen des Alltags beitragen.

Das viele Denken aber verbraucht Energie, viel Energie. Und umso negativer und problemzentrierter diese Gedanken zwangsläufig werden, desto höher ist der Energieverschleiß. Solange noch genügend Lebenskraft vorhanden ist, fällt das nicht besonders auf. Die Lebenskraft ist im Menschen aber nur begrenzt verfügbar, auch wenn sie sich immer wieder wie magisch auflädt. Wenn auf Dauer immer ein klein bisschen mehr Energie verbraucht wird, als sich ansammeln kann, entsteht irgendwann ein energetischer Mangelzustand, der chronisch werden kann. Ab einem gewissen Punkt des Energiemangels beginnt das System sich selbst zu schützen, erst leise und dann zunehmend lauter. Diesen chronischen Zustand des Energiemangels zusammen mit einer entsprechenden Begleitsymptomatik nennt man Burnout. Dieser Zustand ist auch das Ende der immer-höher-schneller-weiter Illusion. Das anfängliche Clubversprechen hat sich nämlich nicht bewahrheitet. Kein Happy End, ganz im Gegenteil, denn ohne Lebenskraft ist keine Lebensfreude möglich, unabhängig vom äußeren Erfolg und den guten Umständen. Spätestens dann geht es um wichtigeres, nämlich um das eigene Wohlbefinden. Der Mensch muss wieder lernen mit der eigenen Lebenskraft nachhaltiger umzugehen, individuell und als Gesellschaft. Lebenskraft ist primär. Immer höher, schneller, weiter ist sekundär. Idealerweise lernt man dies vorbeugend und nicht erst wenn die Not das Leben unerträglich macht. Ich glaube auch, dass die essentiellen Zusammenhänge und Prinzipien des um-sich-Kümmerns und der Lebenskraft irgendwann an den Grundschulen gelehrt werden, nur im Moment scheinen wir uns in einer schmerzlicher Phase des Übergangs zu befinden.

Was kann ich machen? Das ist letztendlich eine individuelle Entdeckungsreise, die meistens die Kündigung im immer höher-schneller-weiter Club beinhaltet. Hier sind ein paar Torwege aus dem kollektiven Burnout: den eigenen inneren Wahnsinn entdecken, und zwar nicht nur die Symptomatik, sondern die Ursache. Mit sich ehrlicher sein, anstatt in Vorstellungen zu leben. Die von anderen übernommenen Glaubensmuster hinterfragen. Weniger grübeln und sich sorgen. Mehr Gegenwart. Das was seit langem nicht gut tut (den elektrischen Zaun), loslassen. Sich selbst kennen lernen, anstatt sich mit der Arbeit, Leistung oder Meinungen zu verwechseln. Öfters mal still sein. Halb arbeiten, halb tanzen. Über sich selbst lachen...

In diesem Sinne, einen reichen Tag, Falk (2. Vorsitzender des immer mal wieder langsam Clubs:-)
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2. Über Wasser gehen (etwas humorvolles)

Drei Mönche beschlossen zusammen zu meditieren. Sie saßen nebeneinander am Ufer eines Sees und schlossen die Augen in Konzentration. Plötzlich stand der erste Mönch auf und sagte: Ich habe mein Kissen vergessen. Er sprang auf das Wasser und lief, nicht zu fassen, über den See zu ihrer Hütte am anderen Ufer. Als er zurückkam, stand der zweite Mönch auf und sagte: Ich vergaß, meine Unterwäsche zum Trocknen aufzuhängen. Er lief seelenruhig über den See und kam auf die gleiche Weise zurück. Der dritte Mönch hatte die beiden ersten aufmerksam beobachtet bei dem, was er für einen Test seiner Fähigkeiten hielt. Sollten eure Fähigkeiten so viel weiterentwickelt sein als meine? Ich kann mit allem mithalten, was ihr beiden vorführt! Mit diesen Wort sprang er auf, um auch über den See zu laufen. Prompt versank er im tiefen Wasser. Dies konnte den Yogi nicht abschrecken. Er stieg aus dem Wasser und versuchte es wieder, und versank wieder. Er stieg noch einmal heraus und versuchte es noch einmal, und immer wieder versank er. Das wiederholte sich, und die anderen beiden Mönche schauten zu. Nach einiger Zeit wandte sich der zweite Mönch an den ersten und fragte: Was meinst Du? Sollen wir ihm sagen, wo die Steine liegen?
Falk
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