FlowLetter (Mai 2013): Essenzielle Forschung II: ICH

FlowLetter (Mai 2013): Essenzielle Forschung II: ICH

Beitragvon Falk » Donnerstag 30. Mai 2013, 17:06

1. Essenzielle Forschung II: ICH

Dieser Newsletter ist der zweite Teil in meiner Reihe über essenzielle Forschung: die praktische Annäherung an das ich. Für die aufmerksamen Leser, die sich über den neuen Übertitel wundern, im Titel habe ich den Begriff essenzielles Wissen mit essenzieller Forschung ersetzt. Forschung ist freier und offener, weniger statisch und deswegen treffender für die Hinweise. Mögen die hierin enthaltenden Hinweise Sie auf Ihrem Weg zu mehr Selbstverantwortung und zu einem bewussteren Leben unterstützen. Die alten Texte in dieser Reihe können Sie in unserem Archiv finden.

Aus essenziellem Wissen entstehen mehr Gesundheit und Lebenskraft.

Die wichtigste Voraussetzung für diese Art von Wissen ist die Selbstverantwortung. Die Person muss selbst forschen, selbst entdecken und selbst handeln. Nur so wird das Wissen eigen und kann die Kraft entfalten, die notwendig ist, um eine wirklich nachhaltige Änderung in Werten, Beziehungen, Verhalten und bewegten Alltag zu bringen. Selbstverantwortung braucht Mut, denn ich entferne mich vom sicheren Ufer der genormten Gewohnheit. Ein weiteres wichtiges Kriterium des essenziellen Wissens ist, dass es nicht erzwungen werden kann. Es ist von Natur aus gewaltfrei und eher sanft, jedoch klar und nach vorne ausgerichtet.

Essenzielles Wissen ist nicht so oder so, weder das eine noch das andere. Es ist vielmehr in Balance, eher integrierend und gibt den Extremen trotzdem Platz und Freiraum. Auch wenn der individuelle Weg eines Menschen nicht an den Polen verläuft, sondern in der Mitte liegt, müssen die Pole weder prinzipiell ausgeschlossen noch verneint werden. Alles bringt Vor- und Nachteil mit sich, selbst die größte Störung.

Nachdem ein Mensch erst einmal begonnen hat mit der alltäglichen Bewusstheit zu praktizieren, sei es durch Meditation, bewusstes Gehen, aufmerksame Gartenarbeit, Gebet oder Erbsenzählen, eröffnet sich ein Tor. Etwas Stilles kommt zum Vorschein. Die Oberfläche des Menschen, einschliesslich der Gedanken und Gefühle, kommt zumindest phasenweise zur Ruhe und die starre Identifikation mit den Gedanken bekommt Risse. Jetzt kann die Person einfach in sich ruhen, was sehr angenehm ist oder weiter forschen. Es gibt wieder eine Wahl. Ich lade Sie ein weiter zu forschen, denn die Zutaten für den intimsten Teil der inneren Forschung sind vorbereitet.

Umso ruhiger die Oberfläche, desto leichter fällt es die Tiefe zu ergründen. Die vertikale Tiefe ist der nächste Schritt. Für die Vertikalität muss ich nirgendwo hin, denn ich bin bereits dort, wo ich forschen will: bei mir selbst. Nur still müsste ich sein, um leichter jenseits des Lärms lauschen zu können. Es ist jedoch mehr als ein Hören von Formen, es ist das Fühlen und Verstehen von Raum. Man müsste dafür wenigstens 1 Sekunde lang die eigene Geschichte loslassen. Aber was ist schon 1 Sekunde?

Es gibt unendliche Wege das Selbst zu erforschen. Jedes Leben ist eigentlich ein individueller Weg zum Erkennen von sich selbst. Ohne es zu wissen, sucht jeder Mensch sich selbst, egal ob mit spirituellen oder materiellen Mitteln und Fokus. Wenn man verrückt genug ist, um sich systematisch mit der Selbsterforschung zu beschäftigen, vielleicht aus Not, aus Neugier oder aus Reife, dann empfehle ich zwei verschiedene Ansätze: Vichara und Selbstliebe.

Das Wesen eines Menschen ist das, was nicht kommt und nicht geht. In anderen Worten, das Wesen ist das, was immer vorhanden ist, jeden Moment meines Lebens. Dies schließt viele Aspekte des Lebens aus, die zwar auch wichtig sind und zum Leben gehören, jedoch nicht immer vorhanden sind, waren und sein werden. Diese Aspekte mögen wichtig sein, sind aber nicht wesentlich. Das Wesen ist den meisten Menschen unbekannt, weil es so leicht übersehen wird. Es hat keinen Kontrast, ist immer vorhanden.

Zu dem was kommt und geht, also flüchtig ist, gehört all das, was der Mensch wahrnimmt: die Objekte der Wahrnehmung. Wir nehmen nicht nur äußere Reize wahr, sondern auch innerliche feinere Objekte: Körperempfindungen, Gedanken, Gefühle und Stimmungen. Vichara ist ein Begriff aus dem Sanskrit und steht für das Erforschen dessen, was nicht kommt oder geht, das was übrige bleibt und verwendet die Frage »Wer bin ich?«.

Für die praktische Ergründung setzen Sie sich bequem hin und entspannen den Körper. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit nach innen aus. Früher oder später taucht ein Objekt der Wahrnehmung auf, zum Beispiel ein Gedanke oder ein spezifisches Gefühl. Wenn Sie es bemerken, dann stellen Sie sich gedanklich die Frage: Wer denkt jetzt diesen Gedanken, bzw. wer fühlt die Ungeduld? Die Antwort ist ich. Ich denke, bzw. nehme die Gedanken wahr. Als nächstes, stellen Sie sich die Frage nach dem ich: Wer bin ich? Beantworten Sie die Frage nicht intellektuell, sondern seien Sie einfach innerlich still mit ihr. Fühlen Sie.

Folgen Sie nicht den Gedanken, die möglicherweise in Ihnen automatisch aufsteigen. Es sind Irrwege. Seien Sie still, als ob Sie an einer Haustüre geklingelt haben und auf eine Antwort lauschen. Ruhe Sie und verweilen Sie. Etwas Formloses ist eingeladen, auch wenn ich es nicht benennen kann oder in Worte packen muss. Das Wesentliche ist letztendlich unsichtbar für die Augen. Dieser Ausspruch des kleinen Prinzen ist keine Philosophie, sondern ein Hinweis auf Wahrheit. Die tiefste Wahrheit liegt nicht in Worten und kann auch nicht in ihnen ausgedrückt werden, nur annährend und scheinbar.

Wenn man ein besonderes Glück hat, erkennt der Mensch plötzlich im Moment des Vichara etwas, was nie mehr weggeht, auch wenn der Moment in der Rückschau unspektakulär erscheinen mag. Der stille Moment der authentischen Forschung hat die Kraft einem Leben eine neue Richtung zu geben, so wie ich es erfahren durfte. Die Frage »Wer bin ich?« kann in stiller Meditation, beim Gehen auf dem Berg oder beim Kaffeetrinken innerlich gestellt werden.

Es kann sein, dass der Weg des Vichara bereits nach einem Mal seine Geheimnisse offenbart oder dass Sie sich die Frage jahrzehntelang stellen und vor verschlossener Türe stehen. Die, die gerufen worden sind, haben letztendlich keine andere Wahl, als weiter zu klopfen. Letztendlich ist es egal, wie lange es dauert, auch wenn das Individuum es anders sieht. Ich denke, dass wenn man diese Frage überhaupt ernsthaft stellt, ist bereits ein Wunder und ein unglaublicher Schritt geschehen. Spätestens dann bin ich nämlich zu einem Forscher, bzw. einer Forscherin meiner Selbst geworden. Auf Dauer wird Ihnen kein Geheimnis verborgen bleiben.

Der zweite Ansatz der systematischen Selbsterforschung ist die Selbstliebe: mit sich selbst zu verschmelzen. Dazu fühle ich nach innen, spüre den leisen Strom und verschmelze mit ihm. Ich verschmelze mit mir selbst, ohne Worte. Immer wieder und immer tiefer. Diese Art der Liebe kennt und braucht keine Gründe, Bedingungen und Worte. Ich bin bewusst in mir und verspüre grundlose Liebe. Die zwei Schwestern der Selbstliebe sind das Mitgefühl und die Dankbarkeit.

Es kann sein, dass ich das Fühlen von Liebe erst neu entdecken muss. Dann empfiehlt es sich mit liebevollen Gedanken oder mit Gedanken über etwas Angenehmes oder Tragendes einzusteigen. Mit zunehmender Praxis lasse ich das Konkrete jedoch mehr und mehr los und lasse mich ins formlose Fühlen fallen. Dies kann ich beim Meditieren, beim Straßenbahnfahren und beim Musikhören üben. In einer Sekunde tiefster Verschmelzung oder nach Jahren des liebevollen Fühlens offenbart es sich von alleine. Der Weg zählt. Ob langsam oder schnell, wenn kümmert's noch?

Beide Wege, Vichara und Selbstliebe, sind eine Ausrichtung auf das Wesentliche. Welcher der eigene ist, spürt man an der inneren Anziehung und Leichtigkeit. Und wenn man mit sich ganz ehrlich ist und es keiner der beiden ist, kann man trotzdem ganz entspannt sein. Jeder ist bereits auf seinem individuellen Weg. Es gibt keine Fehler und niemand ist verloren.

Was aus dem systematischen Selbsterforschen entstehen kann, ist mehr Gelassenheit, mehr Unabhängigkeit von Zwängen und ein höhere Selbstwertgefühl. Für mich persönlich bedeutete sie die Gewissheit, dass dem was ich bin nichts fehlt, nie gefehlt hatte und nie fehlen wird. Ich bin das ich bin. Was für ein Glück! Ich bin gespannt, was Sie finden.

Im nächsten FlowLetter schreibe ich über die essenzielle Forschung im Bereich der Gefühle und Ängste. Es ist die Reise ins Maul des Drachen. Was erwartet mich in seiner Tiefe?

Einen bewussten Tag, Falk
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