FlowLetter (Feb. 2014): Vom Leben und Tod

FlowLetter (Feb. 2014): Vom Leben und Tod

Beitragvon Falk » Dienstag 18. Februar 2014, 18:49

1. Vom Leben und Tod

Die unermessliche Schönheit des natürlichen Lebens wird nur selten und nur von wenigen dauerhaft klar wahrgenommen, da die Schönheit eben so natürlich und immerwährend ist, dass sie nicht sonderlich auffällt. Etwas das immer vorhanden ist, fällt nicht auf, sondern ist nur normal. Erst wenn das natürliche Hier- und Sich-selbst-sein nicht mehr so einfach ist, wie z.B. während einer Krise, fällt den meisten die Leichtigkeit des natürlichen Seins auf. Es ist erst die Schwere, die bei den meisten Menschen zur Erkenntnis und Wertschätzung des Leichten führt. Ähnlich ist es auch bei der Gesundheit, die erst durch die Erfahrung von Krankheit wirklich wertgeschätzt werden kann. Aber auch die Achtsamkeit braucht die Unachtsamkeit und das Erwachen den Schlaf. So breitet sich die Bewusstheit im Menschen im weiter aus.

Wir reifen und entwickeln uns vor allem durch die erfahrenen Kontraste, wobei der unerwünschte Verlust uns oft mehr beibringen kann über einen selbst und die natürlich gegebene Schönheit der Gegenwart, als der erwünschte Gewinn.

Bei dem Verlust eines Menschen ist es meist ebenso. Erst wenn eine Person physikalisch nicht mehr da ist, etwa durch eine plötzliche Trennung oder den Tod, fällt oft auf, wie wunderbar, wunderbar die Person im Leben wirklich war. Erst durch das Fehlende, sehen wir die Person in ihrer hintergründigen Schönheit und erahnen wofür die Person zeitlebens gestanden hat.

Nach einem kurzen, plötzlichen Krampf in der Herzgegend, streckte meine Tante ihren Kopf in den Nacken und ihr 62-jähriges menschliches Leben war kurz darauf für immer erloschen. Der Infarkt war ohne eine besondere Vorwarnung gekommen. Ihr Atmen hatte sofort aufgehört und ihr Körper lag nun wieder friedlich und entspannt auf dem Bett. Sie war nicht mehr im Körper und kein Arzt konnte sie zurückholen.

Als mich die Nachricht ihres unerwarteten Herzinfarktes aus Indien erreichte, fühlte ich nach einem ersten Schock über den plötzlichen Verlust meiner Tante in ihre Richtung. Eine Wolke des nicht-Wissens ergriff mich. Ich spürte bei ihr nichts als ein unendlich friedvolles Losgelassensein. Alles war perfekt an seinem stillen Platz, wie in einem angehaltenen Moment. Fürchte dich nicht, alles ist gut und besser, schien ihre Seelenbotschaft an mich zu sein.

Um meinem Onkel jedoch sorgte ich mich. Wie würde er mit dem Verlust der nahen, nahen Partnerin umgehen? Ich musste helfen und stürzte mich in eine Mission, um zu retten, was zu retten und zu machen, was zu machen war. 24 Stunden später war ich in Indien angekommen und begegnete all denen, die meine Tante Karin auf ihrer letzten menschlichen Reise begleiten haben. Sie durfte sterben an dem Ort, den sie am meisten liebte, umgeben von Freunden, bunten Farben, duftenden Blumen, heiligen Kühen, Sanftheit, Stille und vielem mehr, das sie zeitlebens erfreut und berührt hatte. Der heilige Berg Arunachala hatte sie zu sich geholt und das war schmerzlich für mich und alle, aber zugleich zutiefst gut. Auch mein Onkel war gut.

Nichtsdestoweniger hinterließ ihr körperliches Fehlen eine Leere in unserer Gemeinschaft, als ob einem Regenbogen plötzlich eine Grundfarbe abhanden gekommen wäre. All das, wofür sie immer gestanden hatte, all ihre Demut und stilles Dienen, ihr offenes freudiges Lachen, ihr freies Geben und Wertschätzen, Kümmern und Dekorieren, ihre Achtsamkeit im Umgang mit anderen waren plötzlich nicht mehr greifbar, sondern nur noch erinnerbar.

Diese Qualitäten waren ihr so natürlich gewesen, dass sie weder uns noch ihr jemals in dieser Klarheit besonders aufgefallen wären. Sie war einfach so, wie sie war und ihre Art hatte nichts Lautes oder Auffälliges an sich. Erst durch ihr Fehlen fiel wirklich auf wofür sie im Leben gestanden hatte. Wir hatten uns unwissentlich einfach immer an ihre warme Art angelehnt, ohne das Angelehntsein in diesem Maße zu erkennen. Jetzt drohten wir kurz umzukippen. Gleichzeitig wusste ich, dass ihr Leben voll und reich gewesen war, denn ihre individuellen Qualitäten und Ausdruck waren derart strahlend, dass es nicht anders hätte sein können. Weder ihrem Ehemann noch mir war das vorher klar gewesen.

Jetzt aber strömte die Liebe und die Dankbarkeit für ihr menschliches Dasein und Wirken von allen Seiten in unsere Richtung in Form von Blumen, Tränen, bebenden Unterlippen, Obst, Umarmungen, Geschenken von Steinschnitzern, Blumenfrauen, Chai-spendierenden Polizisten und Geschichten-erzählenden Saddhus. Sie alle fühlten mit. Durch die Unwiderruflichkeit ihres menschlichen Ablebens waren wir jedoch gezwungen, unsere tiefe Dankbarkeit und Wertschätzung für sie anders auszudrücken, als sie in den Arm zu nehmen und es ihr einfach ins Gesicht zu sagen. Ich begann in den folgenden Tagen ihr offenes Lachen immer öfters in mir zu fühlen und durch ihre Augen in der bunten indischen Szenerie vor mir ihre Freude zu entdecken.

Das wofür sie auf der Erde war, leuchtete in ihrer Abwesenheit noch heller und klarer. Es waren nicht so sehr die Details ihres Lebens, wie ihr Beruf, ihre familiären Beziehungen, ihr Besitz, ihre Verbundenheit zur Spiritualität, sondern ihre individuellen Qualitäten und Werte, die sie in jeder Beziehung und in allen Umständen versuchte auszudrücken und zu leben. Gelingt das, wird das Leben automatisch voll und reich, ungehindert der genauen Details, der Siege und der Niederlagen auf dem Schlachtfeld der alltäglichen Handlungen und Ereignisse.

So erhielt ich durch ihren Tod unerwartet viele Geschenke. Eines ist dieses: Neben einer höheren inneren und äußeren Wertschätzung gewisser Menschen, um mich herum, an die ich mich wissentlich oder unwissentlich anlehnte, kann das Bewusstwerden der eigenen natürlichen Werte und Qualitäten ebenfalls wertvoll sein. Umso bewusster du dir nämlich deiner eigenen natürlichen Art bist, desto leichter und klarer kannst du sie leben und durch dein Leben ausdrücken. Alles ist bereits angelegt, oft können wir es nur noch nicht sehen. Wie kannst du es sehen?

Die vielleicht einfachste und direkteste Möglichkeit dich auf der Ebene von Kognition deiner Natur anzunähern, ist einmal jemand anderen danach zu fragen. Welche Qualitäten in dir würden, wenn du plötzlich sterben würdest, der anderen Person fehlen? Welche Werte würde sie vermissen? Sei selektiv, wem du diese Frage stellst. Frage nicht irgendjemanden, nur weil er oder sie auf dem Papier oder über Verwandtschaftgrade vertraut mit dir ist, sondern stelle diese Frage an jemanden, der oder die es verdient hat, diese Frage von dir gestellt zu bekommen. Wenn du Glück hast, bekommst du nämlich einen ehrlichen Hinweis, der direkt auf deine Lebensaufgabe zielt.

Lebst du im normalen Alltag die Qualitäten und Werte, für die du (oft hintergründig und verborgen) stehst, ist dein Leben jederzeit erfolgreich, reich und komplett. Wenn du als Mensch dann eines Tages plötzlich oder vorhersehbar gehen musst, was wir alle eines Tages müssen, wirst du friedlich gehen können. Du könntest sogar jederzeit gehen. Diese Freiheit wünsche ich dir. Die Zurückbleibenden werden deine Qualitäten vermissen, aber sie werden ihnen auch als inspirierendes Vorbild dienen.

Für was stehst du? Warte auf nichts und niemanden. Lebe deine Art, als ob du die letzte deiner Art wärst und als ob es dein letzter Tag wäre. Meine Tante hatte dies zu Lebzeiten getan und dann losgelassen. Ich danke ihr dafür.

Alles Gute,
Falk

2. Die 3 Siebe

Ganz aufgeregt kam ein Mann zu einem Weisen gerannt: „Ich muss dir etwas erzählen. Dein Freund …“ Der Weise unterbrach ihn: „Halt!“ Der Mann war überrascht.
„Hast du das, was du mir erzählen willst, durch die drei Siebe gesiebt?“, fragte der Weise. „Drei Siebe?“, wiederholte der Mann verwundert. „Richtig, drei Siebe! Lass uns prüfen, ob das, was du mir erzählen willst, durch die drei Siebe passt. Das erste Sieb ist die Wahrheit. Ist das wahr, was du mir erzählen willst?“

„Ich habe es selber erzählt bekommen und …“ „Na gut. Aber sicher hast du es mit dem zweiten Sieb geprüft. Das zweite Sieb ist das der Güte. Wenn es nicht sicher wahr ist, was du mir erzählen möchtest, ist es wenigstens gut?“ Zögernd antwortete der Mann: „Nein, im Gegenteil …“ „Dann”, unterbrach ihn der Weise, „lass uns auch noch das dritte Sieb anwenden. Ist es wichtig und notwendig, es mir zu erzählen, was dich so aufregt?“ “Wichtig ist es nicht und notwendig auch nicht unbedingt.“

„Also mein Freund“, lächelte der Weise, „wenn das, was du mir erzählen willst, weder wahr noch gut noch notwendig ist, so lass es lieber sein und belaste dich und mich nicht damit.”

(Verfasser unbekannt)
Falk
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