Wie kann Achtsamkeit helfen?

Wie kann Achtsamkeit helfen?

Beitragvon Falk » Montag 30. Juni 2008, 20:54

Wie kann so etwas Einfaches wie die Achtsamkeit einem Menschen helfen, einen Burnout zu bewältigen und besser mit Stress umzugehen?

Auf den ersten Blick scheint dies unmöglich, da Achtsamkeit äußerst unspektakulär erscheint. Wenn man sich aber etwas tiefer mit dem Thema Achtsamkeit befasst, praktisch anstatt theoretisch, dann erkennt man schnell, dass es dabei eigentlich vor allem um eines geht: sich zu finden und sich zu leben. Dabei wird dem Burnout der Boden unter den Füßen weggezogen.

Bei einem bewussten Menschen, kann sich psychologische Unruhe nämlich nicht vertiefen und ausbreiten. Nicht das wir keinen Stress mehr empfinden, nein, Druck und Stress sind manchmal Teil des Lebens, meist bedingt durch äußere Umstände, aber der Stress hat plötzlich nicht mehr uns, sondern wir ihn. Dies ist ein entscheidender Unterschied. Stress wird dann empfunden, als etwas das kommt und geht, ohne uns wirklich zu bedrohen oder zu verändern. Wir lassen los: ein absolutes Loslassen.

Durch die schnell ausbreitende Anwesenheit fühlen wir uns freier, leichter und glücklicher, denn das ganze Gepäck, das wir ständig mit uns rumschleppen (psychologischer Stress), ist in der Anwesenheit nicht vorhanden. Für viele Menschen fühlt sich dies an, wie ein Erwachen aus einem bedrückenden Traum.

Aber wie bin ich anwesend in der Praxis? Anwesenheit ist nicht etwas das wir machen, sondern das, was wir sind. Nichtsdestoweniger, ist es hilfreich, wenn wir unsere Aufmerksamkeit aus dem permanenten Denken auf etwas anderes lenken, wie zum Beispiel, auf die Körpersignale, Emotionen oder das, was wir gerade machen. Nichts muss dabei beurteilt oder analysiert werden. Dies ist keine gedankliche Übung, auch wenn Gedanken gerne vorhanden sein dürfen (sie zu unterdrücken, wäre nur der nächste Gedanke). Wenn wir unseren Hobbies nachgehen, in der Muse oder im Genuss passiert dies meist wie von alleine. Auch Yoga und Meditation folgenden diesem Prinzip.

In der Anwesenheit entspannen wir in unser Wesen, in unsere Natur, über Gedanken, Gefühlen, Erfahrungen und Umständen hinaus, und erfahren dabei, dass wir in der Tiefe mehr und anders sind, als die Oberfläche suggestiert. Der kleine Prinz hat Recht, indem er sagt: L'essentiel est invisible pour les yeux (Übers.: „das Wesentliche ist unsichtbar für die Augen“ - eigentlich meinte er den Verstand ;) ).

Der Weg aus dem abwesend sein, ist anwesend zu sein. Anstatt beim Mittagessen gedanklich bereits beim Treffen danach zu sein, sind wir mühelos gegenwärtig, wir fühlen, sehen, hören, schmecken und riechen, ohne in Gedanken verloren zu sein. Wir machen das, was wir machen mit Aufmerksamkeit, als ob es das Ziel und die Erfüllung unseres Lebens ist. Wir sind im Fluss. Nicht verkrampft, sondern spielerisch. Wir halten innerlich an, ohne zu bewerten. Nicht immer, das ist gar nicht notwendig, aber immer öfter, so wie die Achtsamkeit eben nach uns ruft.

Nach kurzer Zeit ändert sich die persönliche Perspektive und wir merken, wie Veränderung beginnt: von von Innen nach Außen. Wir finden Zugang zu uns und zu einer Ebene, die, obwohl sie unendlich nahe, doch leicht zu übersehen ist. Es wird stiller und ein friedlicher Zustand kommt zum Vorschein, auch im Alltag. Dies ist der Grundzustand, der eigentliche Normalzustand, der nie verschwunden, aber doch vom mentalen Lärm überlagert sein kann. In dem Grundzustand heilt und erholt sich der ganze Mensch. Er kann dabei in aller Deutlichkeit erkennen, dass das was er wirklich ist, nicht brennt, niemals gebrannt hat und niemals brennen wird, auch wenn das vor kurzem noch unmöglich erschien.

In diesem Sinne, Falk :)
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Re: Wie kann Achtsamkeit helfen?

Beitragvon Martin » Dienstag 1. Juli 2008, 17:39

Hallo, was du schreibst, hört sich nach einem interessanten Ansatz an. Ich selber leide momentan unter dem Burnout Syndrom wegen Überarbeitung, daher meine Frage: Ist die Achtsamkeits-Therapie überhaupt geeignet für jemanden, der akut betroffen ist oder ist sie vor allem für die Vorbeugung gedacht? Danke im Voraus für die Antwort.

Gruß, Martin
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Re: Wie kann Achtsamkeit helfen?

Beitragvon Falk » Mittwoch 2. Juli 2008, 19:45

Hallo Martin,

die Therapie der Achtsamkeit ist ein praktischer und uralter Weg, der die Ursache des Ausbrennens, psychologischer Stress, an der Wurzel nimmt und überflüssig macht. Dabei entwickelt der Mensch einen verblüffend anderen Zugang zu sich und hört auf, sich mental und emotional weiterhin im Kreise zu drehen. Energie, die sonst verbraucht wird, bleibt somit erhalten und sammelt sich wieder an. Dies gilt gleichermaßen für jemanden der vorbeugend etwas für sich machen möchte oder für jemanden, der bereits unter dem Erschöpfungs-Syndrom leidet.

Jemand der, wie du, unter dem Burnout leidet, kennt am eigenen Leibe die Erschöpfung, die innere Unruhe, die Sinnlosigkeit und vielleicht auch die Entfremdung von Job, Familie, Umwelt, etc. Bewusstheit hilft dabei die destruktiven Gedankenmuster loszulassen. Der mentale Lärm wird schwächer, bis er ganz aufhört. Du findest einen Zugang zu dir, bei dem du nicht mehr ständig innerlich kämpfen oder flüchten musst, sondern einfach und regelmäßig in dir und dem was du bist, ruhen kannst.

Der große Vorteil von jemandem der unter Burnout leidet, ist das die Bereitschaft für Veränderung meist sehr groß ist. Man will und kann so nicht weitermachen. Und so ist es möglich aus der Abwesenheit in die Anwesenheit zu gelangen. Ich habe mehrere Burnoutbetroffene sagten, die im nachhinein sagten, das der Burnout das Beste war, was ihnen passieren konnte, auch wenn sie es nicht noch einmal durchmachen möchten. Es war der ultimative Weckruf für Körper, Geist und Seele. Wenn dabei am Ende ein bewusstes Leben herauskommt, ist nicht nur die Basis des Burnouts entwichen, sondern der Mensch fühlt sich allgemein freier, ist gesünder und lebt glücklicher im Alltag. Für viele ist es wie eine Befreiung aus einer engen und harten Gefängniszelle.

Neben meiner eigenen Erfahrung mit Burnoutbewältigung hat vor allem die Arbeit mit den unterschiedlichen Burnout Patienten gezeigt, dass auch wenn die Ursachen, Symptome und Hintergründe von Mensch zu Mensch unterschiedlich sind, sie eines gemeinsam haben: sie haben einen hohen Grad von Abwesenheit, sind permanent in Gedanken. Der Burnout braucht Unbewusstheit. Wenn dieser Zyklus erst einmal unterbrochen wird, fängt das System an sich innerhalb kurzer Zeit wieder zu erholen. Es heilt von Innen nach Außen, weil weniger psychologischer Stress und Druck produziert werden. Der Bluthochdruck nimmt ab, Migräne wird weniger, Kraft wird mehr, Schlaf wird besser, Schwindel löst sich auf, etc.

Ein gutes Buch, das ich dir zu diesem Thema gerne ans Herz legen würde, ist "Die Neue Erde" von Eckhart Tolle, einem der Menschen, die mich sehr beeinflusst haben. Er beschreibt dabei wunderbar, wie der konditionierte Schmerzkörper funktioniert und wie du ihn auflösen kannst. Es ist mit einem starken spirituellen Touch geschrieben und wenn das nicht dein Ding ist, dann sehe einfach darüber hinweg, weil es hier vor allem um die Prinzipien geht und die, die sind glücklicherweise universell.

Ich hoffe ich konnte deine Frage beantworten. Falls nicht, frage einfach mehr. ;)

Einen lieben Gruß, Falk
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